Heidenheim/Berlin / Catrin Weykopf Im Bundesumweltministerium weiß man: Hat man es mit Sylvia Kotting-Uhl zu tun, dann geht es meist um Gundremmingen und um die Frage, ob im dortigen AKW alles sicher ist. Die atompolitische Sprecherin der Grünen im Bund hat bereits Dutzende Anfragen an die Regierung gerichtet, die jüngste erst vor wenigen Wochen. Von sich selbst sagt sie: „Ich weiß, dass ich nerve, aber ich nerve zu Recht.“ Ein Gespräch.
Frau Kotting-Uhl, Atomkraftgegner und kritische Wissenschaftler sagen, das Kraftwerk in Gundremmingen sei das gefährlichste in ganz Deutschland. Sehen Sie das auch so?

Ja, diese Meinung teile ich, soweit man das aus dem politischen Raum heraus beurteilen kann. Ich kann mich ja immer nur auf das beziehen, was ich selbst an Unterlagen bekomme – aber daraus kann man auch Schlüsse ziehen. Gundremmingen ist zum einen das größte AKW, das wir noch am Netz haben. Damit einher geht auch das größte Freisetzungspotenzial bei einem Unfall. Das heißt, dass man eben auch ganz besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen muss. Hinzu kommt: Gundremmingen ist der letzte noch laufende Siedewasserreaktor und damit der letzte mit den für diesen Anlagentyp bekannten Schwächen, wie etwa das Brennelemente-Lagerbecken, das außerhalb des Sicherheitsbehälters liegt. Aber der wichtigste Punkt ist: Es ist das einzige Kraftwerk, bei dem wirklich nicht klar ist, ob es den Sicherheitsanforderungen genügt.

Welche Risiken sehen Sie denn, die bislang ungeklärt sind?

Das größte Risiko ist, dass die Notkühlsysteme nicht in Ordnung zu sein scheinen. Trotz eines Zusatzsystems erfüllen sie im Kern nicht die Anforderungen, die es zu erfüllen gilt. Dazu kommen offene Fragen in Bezug auf Erdbeben. Es ist unklar, ob das Kraftwerk davor ausreichend geschützt ist. Und obendrein besteht das uralte, ungelöste Sumpfsiebproblem.

Sie nennen damit Probleme, die seit Jahren diskutiert werden. Andererseits läuft das Kraftwerk aber auch seit Jahren, ohne dass es in den Blöcken B und C je zu Störungen kam, bei denen Strahlung an die Umwelt gelangte. Ist das für Sie kein Gegensatz?

Nein, das steht nicht im Gegensatz. Die Tatsache, dass bislang kein größerer Störfall passiert ist, heißt ja nicht, dass er nicht passieren kann. Und die Möglichkeit dafür so klein wie möglich zu schrauben, ist die Aufgabe der Sicherheitsanforderungen. Und da ist Gundremmingen nicht gut.

Sie haben das Sumpfsieb-Problem angesprochen. Die Frage, ob im AKW Gundremmingen ausreichend nachgerüstet wurde, beschäftigt seit Jahren die Ministerien in München und Berlin. Die Häuser sind sich uneins, ob die vom Kraftwerk erbrachten Sicherheitsnachweise ausreichen. Wie kann es da zu solchen Unstimmigkeiten kommen?

Die Materie ist sehr komplex. Es ist nicht auf einem Blatt mal schnell aufgeschrieben, was da zu erfüllen ist und auch nicht nachgewiesen, dass alles erfüllt ist. Und es gibt dabei ein Herrschaftswissen. Das liegt bei der Landesbehörde, aber der Bund hat die Oberaufsicht. Er muss dafür geradestehen, dass die Sicherheit überall gewährleistet ist. Jetzt ist es so, dass vonseiten der Bundesaufsicht immer wieder aufgefordert werden muss, noch ausstehende Informationen herauszugeben. Aber die bayerische Aufsicht wiederum ist weder auskunftsfreudig noch schnell. Das muss man wirklich so kritisierend sagen. Und mein Eindruck ist auch, dass sie in München sehr betreiberfreundlich agieren.

Ein Vorwurf, den nicht nur Sie immer wieder erheben. Warum?

Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: 2012 ging es darum, neue Sicherheitsanforderungen für alle AKW zu verabschieden. Es wurde zuvor ein Jahrzehnt daran gearbeitet und kurz bevor endlich eine Entscheidung getroffen werden konnte, hat Bayern versucht, die Anforderungen noch einmal abzuschwächen. Und zwar genau so, dass es für Gundremmingen relevant ist. Das ist nicht im Sinne der höchstmöglichen Sicherheit. Das genau aber wäre die Aufgabe einer Atomaufsicht. Es ist nicht ihre Aufgabe, zu überlegen, ob man das nicht ein bisschen zarter handhaben kann, weil das dann den Betreibern entgegenkommt oder Kosten spart.

Kann es sein, dass der Bund zu lasch im Umgang mit der bayerischen Atomaufsicht ist oder hat er gar keine strengere Handhabe?

Doch, der Bund hat Möglichkeiten. Ich hake fast in jeder Sitzungswoche in Sachen Gundremmingen nach und ich habe die Zuständigen schon mehrfach gefragt: Wie lange wollen Sie sich das eigentlich noch bieten lassen? Es wäre langsam an der Zeit, zu sagen: Bevor die offenen Fragen nicht geklärt sind, verordnen wir, dass Gundremmingen heruntergefahren wird. Man kann ja nicht mit einer ungeklärten Sicherheitsfrage ein Atomkraftwerk weiterlaufen lassen. Wenn man nicht weiß, ob die Anforderungen erfüllt sind, kann man auch das Risiko nicht einschätzen.

Aber trotzdem läuft Gundremmingen weiter.

Es gibt in einer Demokratie immer Interessen, die ihre Rechte haben. So müssen beispielsweise Bestands- und Investitionsschutz berücksichtigt werden. Die sicherheitsorientierten Atomaufsichten arbeiten immer mit dem Damoklesschwert im Nacken, Schadensersatzforderungen auszulösen.

Liest man Ihre zahlreichen Anfragen an das Bundesumweltministerium in Bezug auf Gundremmingen, dann fällt auf, dass Sie oft nur vage oder unvollständige Antworten auf Ihre Fragen erhalten. Wie erklären Sie sich das?

Das Bundesministerium kann ja nur die Informationen weitergeben, die es von der bayerischen Atomaufsicht hat. Aber ich muss sagen, ich bin tatsächlich zunehmend unzufrieden. Ich weiß, ich nerve das Ministerium, aber ich glaube, dass ich zu Recht nerve, weil es einfach nicht hinnehmbar ist, keine Klarheit zu haben und ich finde, dass der Bund da jetzt wirklich einen Schlussstrich ziehen muss.

Oft liest man in den Antworten der Regierung oder der AKW-Betreiber, dass alles sicher sei – zum Beispiel: Abstürze von Flugzeugen auf Zwischenlager seien kein Problem. Kritiker behaupten das Gegenteil. Immer wieder hat man als Bürger das Gefühl, es steht einfach Aussage gegen Aussage. Ist das ein Zustand, mit dem wir leben müssen?

Ganz vermeiden lassen sich Unklarheiten nicht, weil AKW-Sicherheitsanforderungen kompliziert zu lesen und abzugleichen sind. Das ist nichts, was man beim schnell Drüberlesen einfach versteht. Obendrein ist man auf die vollumfängliche Auskunft der Atomaufsicht angewiesen. Und gerade in Bayern ist es noch schwerer einzuschätzen, was eigentlich Fakt ist. Bei Gundremmingen komme ich deswegen inzwischen an den Punkt, wo ich sage: Da ist was faul, denn wenn alles den Sicherheitsvorschriften entsprechen würde, dann müsste es nicht so ein Gezerre um die Nachweise geben. Da ist irgendwas nicht in Ordnung, meiner Meinung nach.

Nun können ja Atomkraftwerke auch das Ziel von Hackern oder Terroristen werden. Sollten trotzdem so viele Informationen wie möglich für Jedermann einsehbar sein, oder erhöht das auch das Risiko für Angriffe von außen?

Auch ich habe vor Jahren schon nach dem Schutz vor terroristischen Angriffen gefragt und die Antworten durfte ich dann nur in der Geheimdienststelle einsehen. Ich musste mich zudem verpflichten, den Inhalt nicht weiterzugeben. Aber ehrlich gesagt, in Zeiten von Google Earth und anderen digitalen Möglichkeiten halte ich es für an den Haaren herbeigezogen, dass der Verschluss von Informationen mehr Sicherheit bedeutet. Ich glaube, wer so etwas wirklich vorhat, wird berechnen, wo genau der ideale Einfallswinkel für beispielsweise einen gezielten Flugzeugabsturz ist. Es gibt sicher interne Daten aus der Anlage, die so sensibel sind, dass man sie nicht auf der Straße handeln sollte, aber insgesamt gibt es zu Recht einen hohen Informationsanspruch der Öffentlichkeit und dem sollte auch nachgegeben werden.

Der jüngste Zwischenfall in Gundremmingen wurde durch menschliches Versagen ausgelöst. Dagegen gibt es keine Sicherheitsnachweise, oder?

Das ist richtig. Das war ja für uns Grüne der Grund, immer zu sagen: Eine Technologie, bei der weder der Mensch noch die Technik versagen dürfen, kann man eigentlich nicht anwenden – zumal wenn es beim Versagen dann noch so ein großes Risiko gibt. Und zu wissen, dass ein Fehler so katastrophale Folgen haben kann, kann sogar die Fehleranfälligkeit beim Menschen noch erhöhen, denn das übt Druck aus. Allerdings muss man zu dem jetzigen Zwischenfall auch sagen: Es war zwar der Mensch, der ihn auslöste. Aber ermöglicht wurde er tatsächlich durch die Anlage in Gundremmingen – und zwar durch den Fakt, dass die Systeme beider Blöcke im selben Raum sind. Dieser Fehler hätte nicht passieren können, wenn Gundremmingen hier den Sicherheitsanforderungen nach Trennung absolut genügen würde, aber das tut es eben nicht.

Der Vorfall soll geprüft werden. Welche Folgen erwarten Sie?

Wenn das Ergebnis da ist und wenn es ehrlich ist – nämlich, dass die Sicherheitsanforderungen nicht erfüllt sind – dann gibt es meiner Meinung nach nur zwei Möglichkeiten: nachrüsten oder abschalten.

Abschalten – das kommt ja spätestens 2021, der Müll aber bleibt. Sollten wir uns an den Gedanken eines längerfristigen Zwischenlagers in unserer Nachbarschaft gewöhnen?

Ja, das ist bei uns in der Atommüllkommission ein regelrechtes Dilemma. Dieses Suchverfahren wird dauern – wenn wir es so machen, wie wir uns das vorstellen, nämlich mit Sorgfalt, auf Basis eines wissenschaftlichen Verfahrens und unter Beteiligung der Öffentlichkeit, damit es am Ende eine Chance auf Akzeptanz gibt. Wenn man ausrechnet, wie lange allein die Suche dauert und dann ein Planfeststellungsverfahren und dann die Einlagerung der Castor-Behälter – dann ist man, bis das Lager geschlossen wird, im nächsten Jahrhundert. Das ist eine erschreckende Perspektive, weil der andere Wunsch von uns allen ist, die Zwischenlager so schnell wie möglich zu räumen. Und wie wir dieses Dilemma, auch dass wir bis dahin aus den Genehmigungen für die bestehenden Zwischenlager herauslaufen, lösen, das wissen wir noch nicht.

Es gibt auch sonst auf der Welt noch kein Endlager, sodass man Erfahrungen, die anderswo gemacht wurden, mitnehmen könnte.

Nein, das gibt es bisher noch nicht. Es gibt Länder, die sind schon deutlich weiter: Finnland, Schweden, die Schweiz beispielsweise. Aber diese Suchverfahren werden bei uns nicht funktionieren. Wir haben es in unserem Land mit einem ganz anderen Misstrauen gegenüber politischen Entscheidern und Behörden im Bereich Atommüll zu tun. Das heißt, wir müssen auch viel mehr für einen Vertrauensaufbau leisten.

Sie sind selbst Geisteswissenschaftlerin, haben Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Wie kamen Sie eigentlich dazu, sich in dieses hochtechnische Feld einzuarbeiten?

Für mich war der Gau in Tschernobyl der Anstoß, mein persönlich versuchtes, grünes Leben ein Stück weit aufzugeben und dafür lieber grün zu arbeiten. Ich kam zu der Erkenntnis, dass man sich nicht eine grüne Insel bauen kann und drum herum passieren Umweltkatastrophen und dieser Gau.

Wie sehr spüren sie im atomtechnischen Umfeld eigentlich Gegenwind, weil sie keine Kernphysikerin sind?

Es ist mir tatsächlich noch nie passiert, dass jemand sagte: Sie haben doch keine Ahnung. Und ich selber meine auch, dass unser Umgang mit der Atomenergie nicht in erster Linie ein naturwissenschaftliches Problem ist, sondern ein gesellschaftswissenschaftliches.

Mit Sylvia Kotting-Uhl sprach Catrin Weykopf


Von Aufsichtsbehörde bis Zuna:
die wichtigsten Begriffe rund um die Sicherheit im AKW Gundremmingen


Atomaufsicht Die Bundesländer haben die Aufsicht über die auf ihrem Gebiet stehenden Atomkraftwerke. Im Fall Gundremmingens liegt diese Aufgabe beim bayerischen Umweltministerium in München. Oberaufseher über alle Länderaufsichten ist das Bundesumweltministerium unter Leitung von Barbara Hendricks (SPD).

Blocktrennung Die Blöcke B und C des AKW Gundremmingen sind baugleich, verfügen aber nach Angaben des Betreibers über weitgehend getrennt voneinander arbeitende Systeme, die auch baulich voneinander abgegrenzt sind. Dies trifft jedoch nicht auf alle Systeme zu. Etwa das Druckluftsystem ist für beide Blöcke nahe beieinander untergebracht. Am 25. März 2015 wollte ein Arbeiter an einer Druckluft-Armatur arbeiten, die zu Block B gehört, verwechselte sie jedoch und betätigte die des Blocks C. Der Reaktor schaltete sich daraufhin selbstständig aus. Derartige Schnellabschaltungen stellen kritischen Experten zufolge enorme Belastungen für das Material dar. Betreiber und Atomaufsichtsbehörde bezeichnen den Vorgang als unbedenklich.

Erdbeben Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) hat 2013 in einem Gutachten festgestellt, dass das AKW Gundremmingen die Sicherheitsauflagen für Erdbeben nicht erfüllt. Die Schwachstelle bilde das Notkühlsystem. Ein Gutachten des Tüv wiederum, das als Reaktion auf die GRS-Studie angefertigt wurde, hatte zum Ergebnis, dass die Anlage allen Anforderungen entspreche.

Kühlsystem Die beiden baugleichen Reaktoren (Block B und C) verfügen über insgesamt vier Nachkühlsysteme. Zwei davon sind gegen ein Erdbeben ausgelegt, das bis zu zehn Sekunden dauert und die Intensität VII der Medwedew-Sponheuer-Karnik-Skala aufweist. Das bedeutet, es können Risse in Verputz, Wänden und Schornsteinen auftreten. Das dritte Notkühlsystem ist lediglich für eine niedrigere Erdbebenstärke ausgelegt. Ein viertes System, genannt Zuna, wurde in den 1990er-Jahren nachgerüstet. Wie Tüv und GRS bestätigt haben,
erfüllt das Zuna nicht die notwendigen Qualitätskriterien für Sicherheitssysteme. Kritisiert wird insgesamt, dass also nur zwei erdbebensichere Systeme vorhanden sind. Sollte eines ausfallen oder gerade in Wartung sein, wenn zeitgleich ein Erdbeben auftritt, stehen zur Kühlung nur maximal ein erdbebensicheres sowie zwei nicht erdbebensichere Systeme zur Verfügung. Das bayerische Umweltministerium widerspricht und betont, dass alle Kühlsysteme den Anforderungen entsprechen.

Sumpfsieb Im schwedischen Reaktor Bärsebäck kam es 1993 zu einer Beinahe-Kernschmelze, weil infolge eines Wasserlecks weggeschwemmtes Isoliermaterial ein Sieb verstopfte. Dass so etwas nicht passieren kann, müssen alle deutschen AKW seit 2010 sicherstellen – etwa durch den Einbau gröberer Siebe. In Gundremmingen erfolgte die Nachrüstung laut bayerischem Umweltministerium 2014, also mit vier Jahren Verspätung. Bis heute sind sich der Bund und die bayerische Aufsicht aber uneins, ob die Anpassungen in Gundremmingen ausreichend sind.