Heidenheim / Kathrin Schuler In der Bergstraße wurde am Dienstag die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) eröffnet, die Menschen mit Behinderung bei einem selbstbestimmten Leben unterstützen soll.

Beratung, Netzwerk, Vertrauen, Lotse: Diese Worte stehen auf einem übergroßen Osterei in der Bergstraße 8. „Wer schon einmal ein Küken beim Schlüpfen beobachtet hat, weiß, was für ein Kraftakt dahintersteckt“, sagt Sarah Majer. Erst passiert lange Zeit gar nichts, bevor die Schale erste Risse zeigt und schließlich ein neues Leben zum Vorschein kommt. Das Küken, das hier in der Bergstraße gerade zu schlüpfen beginnt, ist die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB): Ein Angebot, das Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung ermöglichen soll.

Denn Menschen mit Behinderungen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben – genau wie alle anderen auch. Dazu gehört die Teilhabe in allen Bereichen, vom Arbeitsalltag bis zum sozialen Leben. Doch im Dschungel der Bürokratie, zwischen Anträgen und Fördermöglichkeiten, ist es oftmals schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen – und das individuell beste Angebot zu finden.

Aus diesem Grund hat der Bundestag 2016 das Bundesteilhabegesetz erlassen. Im Zuge der Umsetzung wurden dabei im vergangenen Jahr in ganz Deutschland 400 unabhängige Beratungsstellen eingerichtet – und eine davon in Heidenheim.

Von Betroffenen für Betroffenen

Bereits seit Mai 2018 beraten Sarah Majer und Birgit Blankenhorn-Hafner Menschen, die in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Jetzt am Dienstag wurde die Beratungsstelle in den neuen, barrierefreien Räumlichkeiten in der Bergstraße 8 offiziell eröffnet. „Unser Beratungsangebot richtet sich an jeden, der Hilfe braucht und nicht weiter weiß“, sagt Majer. Zu ihnen kommen Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, aber auch deren Angehörige, die auf der Suche nach Rat sind.

Das Angebot der Teilhabeberatung wird rege genutzt: Seit Mai vergangenen Jahres haben Majer und Blankenhorn-Hafner bereits rund 130 Gespräche geführt.

Das Konzept ist ein sogenanntes „Peer Counseling“: Die Beratung soll von Betroffenen für Betroffene sein. Sarah Majer hat selbst eine Schwerbehinderung, sie sitzt im Rollstuhl. In die Beratungstätigkeit kann sie so ihre eigenen Erfahrungen einbringen und dadurch leichter Zugang zu den Hilfesuchenden finden: „Ich weiß, wie es ist, wenn man plötzlich ganz anders behandelt wird, nur weil man im Rollstuhl sitzt“, sagt sie. Hilfe kommt so auf Augenhöhe – und die Hemmschwelle sei dadurch viel niedriger.

Betroffenheit alleine reicht nicht

Doch Betroffenheit alleine reicht nicht aus für eine gute Beratung: Zusammen wollen die beiden Mitarbeiterinnen Hilfesuchende über ihre Möglichkeiten aufklären, mit ihnen ein Netzwerk aufbauen und gemeinsam an deren individuellen Zielen und Wünschen arbeiten.

Ein ganz konkretes Beispiel: „Wir beschaffen jemandem nicht einfach den erstbesten Rollstuhl, nur weil den die Kasse eben bezahlt. Wir suchen das Modell, das zu den Lebensumständen und Anforderungen passt – und kümmern uns dann um die Finanzierungsmöglichkeiten.“

Unabhängig von Kostenträgern

Das geht nur, weil die EUTB unabhängig von Kostenträgern wie Krankenkassen oder Pflegeversicherungen ist. Der Träger der Beratungsstelle in Heidenheim ist die Arbeitsgemeinschaft Inklusion. Um den Zuschlag hätten sich auch andere Träger beworben. Der Verein setzt sich jedoch schon seit vielen Jahren unabhängig für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein: „Es ist vor allem unserer ehemaligen Vorsitzenden Alexandra Palzer zu verdanken, dass wir die Beratungsstelle bekommen haben“, sagt Blankenhorn-Hafner.

Neben den Bundestagsabgeordneten Margit Stumpp (Grüne), Leni Breymaier (SPD) und Roderich Kiesewetter (CDU) sowie Sozialdezernent Matthias Schauz vom Landratsamt und Matthias Heisler von der Stadt Heidenheim war auch Palzer zu der Eröffnungsfeier gekommen. „Es geht hier um weit mehr als den Umgang mit Behinderten“, sagte sie in ihrem Grußwort. Denn bereits Kinder würden die Erfahrung machen, das alles, was nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspreche, auf Ablehnung stößt. Darum sei die Teilhabeberatung so wichtig: „Es ist ein erster Schritt, der hoffentlich eine Umstellung im Denken und Handeln in allen Lebensbereichen nach sich zieht.“