Heidenheim / Manfred Allenhöfer Der „Zauberer von Oz“, von Oliver von Fürich eingerichtet mit feinem Gespür für Wirkung, ist eine ebenso farbige wie lebendige Inszenierung für kleines wie erwachsenes Publikum.

Irgendwo muss er doch hinführen, der Regenbogen“: Dorothy ist eine Landamsel aus Kansas, die auf dem Hof lebt mit den erdverwachsen-pragmatischen Farmern Tante Em und Onkel Henry. Doch da muss doch eigentlich mehr sein als der Wechsel der Jahreszeiten, Viehzucht und Ackerbau: „Über den Wolken“, träumt das Mädchen, muss es noch etwas geben, was der Sehnsucht Nahrung geben kann.

Es ist eine ländliche Idylle, in der Dorothy mit ihrem Hundchen aufwächst, das Mädchen ist fast schon einbetoniert in fürsorglicher Watte. Doch in Gedanken verlässt sie die bodenständig enge Welt. Und Dorothy besingt ihre Sehnsucht: „Ganz hoch über den Wolken“, glaubt sie sicher sein zu können, „gibt's ein Land“. Es ist der Vorschein einer besseren, einer bunteren Welt - Heranwachsenden mag das ja kein abwegiger Gedanke sein.

Farbenfrohes Abenteuer

Doch Dorothy bekommt im Märchen von Lyman Frank Baum, 1900 verfasst und jetzt von Oliver von Fürich fürs Naturtheater dramatisiert, Gelegenheit, diese Welt zu erkunden. Durch einen Wirbelsturm treibt sie ins Land Oz, wo sie allerlei farbenfrohe Abenteuer erlebt – um am Ende, Mission erfüllt, zurückkehren zu können ins ländliche Kansas, auf die Farm von Em und Henry. Und ihr letzter Satz, quasi die Moral, die Quintessenz der Geschichte, lautet: „Nirgendwo ist es schöner als zu Hause.“

Ein schöner Satz, ein affirmativer Satz. Aber hier ist er eingebunden in einen quicklebendigen und bunten Bilderbogen, der zweieinviertel Stunden allen kleinen wie großen Betrachtern Freude macht. Das Naturtheater hat gestern Nachmittag seine erste Premiere '17 erlebt. Und die war die reine Freude: Naturtheater at it's best.

Immer in Bewegung

Die Inszenierung, von einem insgesamt 200-köpfigen Ensemble in über einem halben Jahr aufwändig erarbeitet, ist ein bunter, farbenfroher und geschehensfreudiger Bilderreigen – immer in Bewegung, immer lebendig, keine Sekunde hängt durch.

Die Spielfreude ist dem Ensemble anzumerken; sie überträgt sich. Und dazu kommt, dass der erfahrene Oliver von Fürich, der diesen „Zauberer von Oz“ vor genau einem Vierteljahrhundert schon einmal fürs Areal am Salamanderbächle in Szene gesetzt hat, mit einer Fülle von Einfällen und Ideen das theatralische Rädchen am Laufen hält. Kostüme, Maske, eine geschickt ausgewählte Musik tun ein Übriges – die Premiere gestern war ein umfassender, begeisternder Erfolg.

Für all die Ideen mag zunächst stellvertretend stehen ein Gag, der Dorothys Reise nach Oz veranschaulicht: Die Lautsprecher spielen einen Tornado ein, auch die großen Bäume im Naturtheater spielen mit und bewegen sich: Die Windhose reist das Farmerhaus in die Höhe – hin gen Oz. Und über dem Bühnenfreiraum schwebt ein kleines Häuschen – von einer Drohne in luftiger Höhe gehalten. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern ist ein pfiffiger Einfall, der in einer langen Reihe anderer Ideen steht, die die Inszenierung zum durchgängigen Guckvergnügen machen.

Das sind kleine und große Details; und man mag sich kaum sattsehen, schon an den Kostümen der drei großen Gruppen, der grün-bunten Landbevölkerung von Kansas, den himmlischen Mümmlern und den süss-dämonischen Jitterbugs, die teils sogar auf Stelzen daherkommen und in ihren Fantasykostümen ebenso wie in ihren Tanzeinlagen echte Hingucker sind.

Aber genauso gefallen kleine Details, ein prallgestopfter Hintern der Vogelscheuche ebenso wie hüpfende und rollende Buntbälle oder ein großmächtiges Fantasyportrait des Zauberers von Oz, das, auch um 180 Grad gedreht, eine geheimnisvolle Persönlichkeitsgestaltung ermöglicht. Details wie ein lebender Hund oder ein Traktor, ein alter Kramer, sind fast schon Standard im Naturtheater.

Die fantastischen Drei

Die heranwachsende Dorothy wird gespielt von der naturtheatererfahrenen Caroline Frey, die, obgleich längst eine junge Erwachsene, die großen Augen und das lautere Herz des jungen Mädels eindrucksvoll zu übermitteln vermag.

Ihr zur Seite stehen drei farbige Gesellen, die schon deshalb viel bunter agieren können, weil sie reine Fantasiegestalten sind: die Vogelscheuche, angeblich ohne Verstand, der Blechmann, der gerne ein Herz hätte, und der Löwe, der daran leidet, dass er sich für ganz und gar unmutig hält.

Gespielt werden diese drei Kerle von Maximilian Barth, der einen wunderbar schlaksige Vogelscheuche gibt, bei der schon der anfänglich stolpernde Gang ein echter Hingucker ist, vom feinblechernen Ingo Schneider, der in Frieder Frankowitschs wunderbarem Blechkleid eine durchweg gute, frischgeschmierte Figur macht, und von Christoph Valentin als gut brüllender und dann doch immer wieder rückwärts wackelnder Löwe. Diese fantastischen Drei bilden das Rückgrat der reizenden Inszenierung.

Und überhaupt hat von Fürich den märchenhaften Ton auch bei anderen Figuren beibehalten: Es ist ein Märchen, ein historisch gebundenes zudem, das da zelebriert wird. Das aber im überwolkischen Regenbogenland eine allzeit latente Sehnsucht präsentiert.

Der Zauber von Oz, der eigentlich gar keiner ist und sich abschließend als Ikarus nicht vom Lautertal, aber immerhin vom Schlossberg entpuppt, wird feingliedrig gespielt von Andreas Grimminger. Farbe bringen auch, nicht zuletzt in ihren fantastischen, eigens an der Ulmer Modistenschule geschaffenen Kostümen, Julia Frank und Matthias Johnson-Wagner ins Spiel. Und erwähnen darf man auch die soliden Martha Munz und Gerald Becker als das Bodenpersonal in Kansas.

Und dann ist da natürlich das wuselnde und tanzende Volk: In farblich wunderfein abgestimmten grünbasierten Kostümen die Kansaspeople, dann die punktbunten Mümmler, deren Tanz das Publikum zu spontanem Beifall evoziert; allerliebst auch die paar kleinen Sprechrollen der kleinen Akteure, auch und gerade im Stocken und Zagen. Das ist allemale herzerweichend.

Und dann sind da die vermeintlich bösen Jitterbugs, in schwarz-gelochten Fantasykostümen und mit prägnant-dunkler Maske, die zu fetziger Musik einen hinreißenden Tanz auf die Bühne bringen – feuerunterstützt und teils auch stelzenbewehrt.

Lyman Frank Baum liebte die Grimm'schen und Andersen'schen Märchen nicht; und so hat er ein eigenes US-amerikanisches Märchen geschaffen, bei dem natürlich, genretypisch, das Böse sich spreizend präsentieren kann, um dann bezwungen zu werden.

Gut gebrüllt, Löwe

Und Dorothy schafft es dabei, mithilfe des Zauberers von Oz, der ja gar kein Zauberer ist („humbug!“), der Vogelscheuche Verstand einzusuggerieren (mittels Doktorhut), dem Blechmann ein Herz gibt, das, dank integrierter Uhr, beständig zuckt, und dem Löwen das Zertifikat des Welttierparlaments zu überreichen: Er sei ja der König der Tiere – und mithin ein mutiges und würdiges Exemplar seiner eigentlich furchterregenden Rasse.

Fazit: Oliver von Fürich hat ein gut geschmiertes Maschinchen eingerichtet fürs Naturtheater. Es macht schlicht Spaß, die mit großem Theaterverstand und sicherem Gespür für Wirkung eingerichtete märchenhaft bunte Version des „Zauberers von Oz“ zu schauen. Das Naturtheater zeigt damit wieder einmal, welche spielerische und inszenatorischer Potenz es besitzt. Geschaffen wurde ein kunterbunter Bilderreigen, der das pure Vergnügen ist.