Heidenheim / Sandra Gallbronner Seit 25 Jahren werden im Heidenheimer Klinikum Menschen mit geistigen und psychischen Störungen behandelt. Das Konzept: Die Patienten werden nicht eingeschlossen.

Als Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie am Heidenheimer Klinikum, die Station im Erdgeschoss betritt, fällt die Tür hinter ihm zu, verschlossen ist sie aber nicht. Im Eingangsbereich sitzt ein Mann. Er unterhält sich. Alles wirkt normal, und ist es doch nicht. Denn der Mann ist einer von wenigen Patienten, die die Einrichtung nicht verlassen dürfen. Er gilt als lebensgefährdet, könnte sich etwas antun. Wie funktioniert das aber, wenn er vor einer Türe sitzt, die er doch jederzeit öffnen könnte?

Für den Besucher kaum wahrnehmbar – hinter einer Glasvitrine sitzt eine Mitarbeiterin, die den Patienten permanent im Auge behält und im Notfall einschreitet. Nur fünf Prozent der Patienten der Psychiatrie am Heidenheimer Klinikum seien eingewiesen worden, so Dr. Zinkler. Wobei ein Teil dennoch das Gebäude verlassen darf. Demnach sind 95 Prozent freiwillig vor Ort, dürfen das Haus somit zwischen 8 und 20 Uhr eigenständig verlassen.

Offene Psychiatrie nennt sich das Konzept, das es seit 25 Jahren am Heidenheimer Klinikum gibt. Ein Konzept, das in Baden-Württemberg einmalig sei, sagt der Chefarzt. Von den 400 Psychiatrien in Deutschland würde es sich nur bei 20 um offene handeln. Dr. Zinkler aber, ist überzeugt von der Strategie, die sich in Heidenheim sehr bewährt habe: „In einer geschlossenen Abteilung laufen mehr Patienten weg als in einer offenen.“

In erster Linie gehe es in der Psychiatrie um das Vertrauen, an dem es vielen Depressiven fehle. „Wir arbeiten besonders hart daran, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen. Deshalb sperren wir sie nicht ein.“ Zudem sei möglichst viel Normalität genesungsförderlich und sorge für eine entspannte Stimmung. Warum aber folgen dann so wenige Kliniken diesem Beispiel? „Das hat mit Traditionen zu tun“, sagt Dr. Zinkler. Zudem benötige ein solcher Schritt Mut. „Man muss es auch mal aushalten, wenn jemand wegläuft. Und es kommt nun mal vor, dass jemand ein Schlupfloch findet.“

Junge und moderne Einrichtung

1994 wurde eine psychiatrische Tagesklinik mit 14 Plätzen unter Chefarzt Dr. Wolfram Voigtländer eröffnet. Ein Jahr später folgten die drei Stationen: die stationäre psychiatrische, die psychotherapeutische und die psychosomatische Station. „Wir sind relativ jung. Viele Psychiatrien sind 100, 150 Jahre alt“, sagt Dr. Zinkler, der ebenfalls ein kleines Jubiläum feiert. Seit zehn Jahren ist er Chefarzt der Psychiatrie am Heidenheimer Klinikum.

Seit 150 Jahren gebe es etwa die Psychiatrie in Bad Schussenried. Dorthin mussten die Patienten aus dem Landkreis Heidenheim fahren, bevor es eine solche Einrichtung in diesem gab. „Das Besondere war: Die Initiative ging von hier aus. Das Krankenhaus wollte die Patienten nicht 115 Kilometer fahren lassen, sondern sie vor Ort behandeln können“, so Dr. Zinkler. 1979 stellte der Landrat einen Antrag beim Sozialministerium Baden-Württemberg zur Errichtung einer psychiatrischen Abteilung am Kreiskrankenhaus. 1992 wurde der Grundstein gelegt.

Vier Jahre später übernahm die psychiatrische Abteilung die regionale Vollversorgung für den Landkreis Heidenheim. Denn bei Psychiatrien gibt es für jeden Landkreis eine Klinik, die verpflichtet ist, die Patienten aus dem Landkreis aufzunehmen. „Sonst suchen die Krankenhäuser die Patienten aus und die Unbequemen werden nirgendwo aufgenommen“, beschreibt Dr. Zinkler.

Zur Jahrtausendwende kam die Mutter-Kind-Behandlung dazu, die sich vor allem an Frauen richtet, die eine Wochenbett-Depression durchleben. Dabei kümmert sich das Personal in Zusammenarbeit mit der gegenüberliegenden Kinderklinik um Mutter und Kind. Zwei Jahre später wurde die psychiatrische Institutsambulanz eröffnet.

Ein weiterer Meilenstein war das Modellprojekt Hometreatment, bei dem Patienten zu Hause betreut werden. „Im eigenen Bett schläft es sich einfach besser“, so Dr. Zinkler. Zudem würden dabei die Angehörigen unterstützt werden.

Derzeit sind in der psychiatrischen Abteilung des Heidenheimer Klinikums 13 Ärzte, 50 Pflegekräfte, drei Psychologen und 11 Therapeuten beschäftigt. Insgesamt stehen 79 Betten auf den drei Stationen und 14 in der Tagesklinik zur Verfügung.

Das Jubiläumsprogramm: Kunst, Vorträge, Einblicke

Ganz im Zeichen der offenen Psychiatrie können Interessierte an den wöchentlichen Fortbildungen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik teilnehmen. Diese offenen Diskussionsabende finden an den Dienstagen vom 25. Juni bis 16. Juli jeweils von 19.30 bis 21 Uhr im Konferenzraum der Psychiatrie statt.

Folgende Themen stehen dabei auf dem Programm: „Was ist offene Psychiatrie?“ (25. Juni), Home-Treatment (2.Juli), „Betroffene, Angehörige und Klinik im Gespräch“ (9. Juli), Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie (16. Juli).

Impulse wolle die psychiatrische Abteilung durch die Diskussionen bekommen, so Chefarzt Dr. Martin Zinkler: „Wir möchten schauen, was die Leute denken und wollen und wie wir weiter machen.“ Dabei richtet sich das Angebot neben Interessierten, Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen auch an Mitarbeiter im Betreuungswesen, in der Gemeinde- oder Landkreisverwaltung, bei der Polizei oder den Gerichten.

Hospitationen bietet die Klinik zusätzlich zum Jubiläum an. Bis zum 31. Juli können Interessierte einen Tag lang Patienten und Betreuer in Home-Treatment, Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Tagesklinik oder Suchttherapie begleiten.

Über 50 Werke von Patienten, die in der Kunsttherapie entstanden sind, wurden zu den Feierlichkeiten in den Gängen der Psychiatrie ausgehängt. Die Ausstellung „Ausdrucksweise“, die Bilder vom Gesundwerden zeigt, wird bei der Jubiliäumsfeier am 27. Juni offiziell eröffnet und geht bis zum 1. August. sga