Heidenheim / Silja Kummer Ein neues Buch über Zwang in der Psychiatrie beleuchtet das Thema von vielen Seiten. Mitherausgeber ist der Heidenheimer Dr. Martin Zinkler, der sich gegen Zwangsmaßnahmen einsetzt.

Wie verhindert man Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie? Mit diesem Thema beschäftigen sich Ärzte, Pflegepersonal, Menschenrechtler, Patienten, Angehörige und Juristen in einem neuen Buch, das im Psychiatrie Verlag erschienen ist. Herausgeber sind der Chefarzt der Heidenheimer Psychiatrie, Dr. Martin Zinkler, der 2015 verstorbene Heidenheimer Psychatrieerfahrene Klaus Laupichler und Margret Osterfeld, die als Fachärztin und Psychiatriepatientin sogar zwei Perspektiven einnehmen kann.

Gummizelle und Zwangsjacke – diese beiden Klischees fallen vielen Menschen beim Stichwort Psychiatrie ein. In der Tat war die medizinische Disziplin, die sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigt, lange Zeit auch eine Verwahranstalt für gewalttätige und tobende „Irre“. Das Bild von und der Umgang mit den Patienten ist heute ein anderes, Zwangsmaßnahmen gibt es aber nach wie vor. Diese bestehen zum einen im Fixieren, also Festhalten und Festbinden der Patienten, zum anderen werden auch beruhigende Medikamente eingesetzt, mitunter gegen den Willen des Betroffenen.

Heidenheimer Experte als Herausgeber mit dabei

Dr. Martin Zinkler setzt sich gegen Zwangsmaßnahmen ein, er ist bundesweit einer der Experten für das Thema. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch in der Heidenheimer Psychiatrie Zwang ausgeübt wird: 2,8 Prozent der Patienten im Klinikum sind von Zwangsmaßnahmen betroffen. „Wir sind keine Spitzenreiter in gewaltfreier Behandlung“, sagt Zinkler. Um so wichtiger sei es, über das Thema zu reden. Bundesweit gebe es Kliniken, bei denen weniger als ein Prozent der Patienten von Zwangsmaßnahmen betroffen seien, in anderen sind es zehn Prozent. „Das liegt an den unterschiedlichen therapeutischen Kulturen“, so der Facharzt.

Geadelt wird das Buch durch das Vorwort von Dorothea Buck. Die mittlerweile 99-Jährige ist in Deutschland eine der wichtigsten Streiterinnen für eine menschenwürdige Psychiatrie. Sie selbst wurde 1936 in Bethel aufgrund ihrer psychischen Erkrankung zwangssterilisiert und berichtet in ihrem Buch „Auf der Spur des Morgensterns“ davon, wie sie in ihren fünf psychotischen Schüben einen Sinn für sich entdecken konnte. Sie kannte Klaus Laupichler über dessen Engagement als Vorsitzender des Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen in Baden-Württemberg und steht auch mit Martin Zinkler in Kontakt. In ihrem Vorwort schreibt sie, Heidenheim sei wohl„die einzige Klinik in Deutschland, die Patienten beim Absetzen der Neuroleptika und Antidepressiva hilft.“

Erfahrungen auf der Station 41 der Heidenheimer Psychiatrie

Klaus Laupichler, der in Heidenheim als Peer-to-Peer-Berater für Patienten tätig war, hat mit „Gewalt und Substanzkonsum“ einen sehr persönlichen Text über seine Erkrankung und seinen Lebensweg geschrieben. Da er im April 2015 plötzlich verstarb, blieb der Bericht unvollendet, fand aber doch den Weg ins Buch – und ist nicht minder spannend zu lesen. Unter der Überschrift „Offene Türen verhindern Gewalt“ berichten die beiden Pfleger Werner Mayr und Michael Waibel über ihre Erfahrungen auf der Station 41 der Heidenheimer Psychiatrie.

Eine Einführung und ein Ausblick in die Zukunft, beides geschrieben von Martin Zinkler, bilden die Klammer um insgesamt 14 Texte. Das Thema Zwang in der Psychiatrie sei damit überhaupt nicht abgeschlossen, meint der Herausgeber. Er ist sich sicher, dass die Häufigkeit von Zwangsmaßnahmen in Zukunft auch in die Qualitätskriterien psychiatrischer Behandlung einfließen werden.