Drei Richter und zwei Schöffen, Staatsanwältin, Pflichtverteidiger, Protokollführer, Sachverständiger, Pressevertreter, Pfleger, Justizvollzugsbeamte und eine Besuchergruppe: Es ist diesmal die vergleichsweise große Bühne für den 53-jährigen S., dessen dramatische Züge aufweisendes Leben sich ansonsten zumeist ohne Publikum abspielt.

So wie am 18. Februar dieses Jahres, dem Tag, der den negativen Höhepunkt einer langen Entwicklung markiert. Um 16.28 Uhr – S. räumt vor der 2. Großen Strafkammer des Ellwanger Landgerichts den ihm zur Last gelegten Ablauf unumwunden ein – wird er unweit seiner Wohnung auf eine ihm bis dahin unbekannte Passantin aufmerksam.

Er tritt auf die 61 Jahre alte Frau zu und versetzt ihr mit einem Einhandmesser zwei Stiche in die rechte Bauchseite. Anschließend setzt er sich auf einen einige Meter entfernten Stein, wo er sich wenig später widerstandslos festnehmen lässt. Das schwer verletzte Opfer gerät nach Aussage eines Arztes nur deshalb nicht in akute Lebensgefahr, weil die zehn Zentimeter tiefe Wunde im Klinikum operativ versorgt wird.

Einweisung statt Strafe

S. befindet sich seit der Tat in der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Schussenried, jetzt muss das Gericht über eine dauerhafte Unterbringung entscheiden. Im Raum stehe keine Strafe, erklärt der Vorsitzende Richter Bernhard Fritsch dem Beschuldigten, „sondern eine Einweisung, um Sie dort zu behandeln“.

Die Antwort des Beschuldigten kommt wie aus der Pistole geschossen. Schaum bildet sich in seinen Mundwinkeln, als er sich in Rage redet: „Ich will ins Gefängnis nach Niedersachsen. In Baden-Württemberg sind die Leute doof. Ich komme mit dem Gesockse nicht klar, das Dialekt spricht“, ruft er mit unüberhörbar berlinerischem Einschlag.

Verfolgungsängste

S. lebt mit Unterbrechungen seit vier Jahrzehnten in Heidenheim. Eines davon hat er in forensisch-psychiatrischen Einrichtungen verbracht, nachdem Mitte der 1980er-Jahre erstmals Verfolgungsängste bei ihm diagnostiziert worden waren. Hinzu kommen zwei Gefängnisaufenthalte.

Im Bundeszentralregister finden sich etliche Eintragungen, vor allem wegen Betäubungsmitteldelikten, Beleidigungen und Sachbeschädigungen. Nach einem wahren Verwüstungsfeldzug durch die Heidenheimer Innenstadt bleibt Ende der 1980er-Jahre erheblicher Sachschaden an Statussymbolen wie hochwertigen Autos und an Gebäuden wie dem Amtsgericht zurück, die S. als Sinnbild der Zwangsherrschaft betrachtet. Außerdem der fünfzackige RAF-Stern und Parolen, die Sympathie mit der linksextremistischen Terrorvereinigung zum Ausdruck bringen.

Von links nach rechts

„Ich war früher in der linken Szene aktiv“, sagt S. Diese bedrohe ihn nun, weil er seit Jahren als Schreiber für rechtsextreme Zeitschriften tätig sei. Gerne sähe er den mit einer ähnlich klingenden Biografie versehenen Rechtsanwalt Horst Mahler an seiner Seite, „aber der sitzt ja im Knast“.

Seinen Antrag, den von ihm nicht akzeptierten Pflichtverteidiger abziehen, lehnt das Gericht ab. Gleichwohl spricht während der siebenstündigen Verhandlung fast ausschließlich der 53-Jährige in eigener Sache. Es ist eine Mischung aus reflektiert wirkenden Einlassungen und Beschimpfungen, die sich mit Verschwörungstheorien abwechseln.

Keine Tötungsabsicht?

„Ich bin schuldfähig und nicht psychisch krank. Ich habe die Frau nur verletzen wollen, nicht töten“, stellt er klar. Er werde für den entstandenen Schaden aufkommen. Eine erstaunliche Beschreibung für den Schmerz und die Angst, die die aus heiterem Himmel attackierte Frau an besagtem 18. Februar erlitten hat.

Er habe „die Falsche“ erwischt, fährt S. fort, und schlagartig ist klar, dass die vermeintliche Sachlichkeit in Wahrheit Teil einer verzerrten Wahrnehmung ist: Seit Sommer 2018 fühlt er sich von Emanzen verfolgt, die ihn angeblich mit einem krankmachenden weißen Pulver benetzen. Aus dem Vorzimmer des Führerbunkers habe ihn der Auftrag erreicht, als Mutprobe eine dieser Emanzen mit dem Messer zu stechen. Wegen der kurzen Haare habe er sein Opfer für eine solche gehalten.

Richter mit Fingerspitzengefühl

Wiederholt beweist Richter Fritsch ein feines Gespür und räumt dem nikotinabhängigen S. Raucherpausen ein. So sichert er dessen Verhandlungsfähigkeit und gleichzeitig dem psychiatrischen Gutachter die nötige Aufmerksamkeit. Ergebnis: Der 53-Jährige leidet unter einer chronisch verlaufenden paranoiden Schizophrenie, die bei akuten Erkrankungen Zuspitzungen erfährt. Eine solche ergab sich im Februar nach dem Tod von S.’ Mutter und der Verringerung einer Medikamentendosis.

S. habe gewusst, dass sein Handeln falsch sei, folglich über die nötige Einsichtsfähigkeit verfügt, sagt der Gutachter. Das Vermögen, sich dementsprechend zu verhalten, also die Steuerungsfähigkeit, sei hingegen stark beeinträchtigt gewesen. Daher gehe er von einer wenigstens verminderten Schuldfähigkeit aus.

Zwei Personen angegriffen

Die Kammer sieht diese zur Tatzeit komplett aufgehoben und ordnet die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Da es keine Anzeichen für eine Besserung gebe, S. vielmehr jüngst sowohl einen Mitbewohner als auch eine Sekretärin tätlich angegriffen habe, wäre nach Ansicht des Gerichts bei einer Freilassung von weiteren Taten und einer Gefährdung der Allgemeinheit auszugehen.

Schizophrenie: zahlreiche Symptome


Die Schizophrenie gehört zu den Psychosen, also psychischen Erkrankungen, bei denen die Betroffenen die Realität verändert wahrnehmen und verarbeiten. Es gibt eine Vielzahl von Symptomen. So hören die Personen zum Beispiel nicht vorhandene Stimmen, entwickeln Wahnvorstellungen wie die Überzeugung, abgehört oder verfolgt zu werden, empfinden eigene Gedanken als fremd, verlieren das Interesse an ihrer Umwelt, vernachlässigen die Körperpflege, sind reizbar oder spüren keine ausgeprägten Gefühle.

Anzeichen wie diese und etliche andere müssen allerdings nicht alle vorhanden sein und können im Verlauf der Erkrankung auch variieren. Die am häufigsten vorkommende Form ist die paranoide Schizophrenie. Sie ist besonders geprägt durch Wahnerlebnisse und Halluzinationen, also Trugwahrnehmungen.
bren