Heidenheim / Silja Kummer Der Arzt Oliver Tornseifer und der Leiter der Selbsthilfegruppe Depression Horst Cantarutti sagen, wie man der seelischen Krankheit begegnet und was Betroffenen hilft.

Die seelische Erkrankung Depression ist weit verbreitet und kann lebensgefährlich werden. Deshalb ist es wichtig, mit Betroffenen so früh wie möglich darüber zu reden. Zwei Experten für das Thema im Landkreis Heidenheim sind der Arzt und Psychotherapeut Oliver Tornseifer vom Gesundheitsamt Heidenheim und der Leiter der Selbsthilfegruppe Depression Horst Cantarutti.

In der 23. Folge des HZ-Podcasts „Unterm Dach“ haben sich die beiden mit Redakteurin Silja Kummer über Depressionen unterhalten. Dabei ging es unter anderem auch um Suizid, um Schuldgefühle von Angehörigen und die Belastung von Beziehungen durch die Krankheit.

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Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema aus dem Podcast sind hier zusammengefasst:

Woran erkennt man eine Depression?

Als Leitsymptom nennt Oliver Tornseifer eine tiefe Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit. „Die Betroffenen empfinden keine Freude mehr, sind stressanfällig und haben oft keinen Appetit mehr“, sagt er. Häufig begleiten auch Schlafstörungen eine Depression.

In manchen Lebenssituationen ist es normal, Trauer zu empfinden. Wann spricht man von einer Depression?

„Es kommt auf die Dauer und Intensität des Gefühls an“, so Tornseifer. Nach einem belastenden Ereignis wie einem Todesfall oder einer Trennung spreche man zunächst von einer Anpassungsstörung. „Es kommt dann darauf an, ob man genug Kraft hat, um selbst wieder aus diesem Tief herauszufinden“, sagt er. Eine Depression sollte auf jeden Fall von einem Arzt diagnostiziert werden. Das ist nicht so einfach, wie einen Beinbruch auf einem Röntgenbild zu sehen: „Man kann das nur im Gespräch und anhand bestimmter Kriterien erkennen“, erläutert Tornseifer.

Was kann man tun, wenn man den Eindruck hat, ein Angehöriger, Freund oder Arbeitskollege ist depressiv?

In so einem Fall sollte man den Betroffenen darauf ansprechen, sagt Oliver Tornseifer. Er findet es sehr wichtig, dass das Umfeld auf Warnsignale reagiert, denn oft würden andere Menschen noch vor dem Betroffenen merken, dass etwas nicht stimme. „Man muss sich auch klarmachen, dass man alleine nicht aus einer Depression herausfindet und sich unbedingt Hilfe suchen sollte“, so der Arzt.

Für wen ist die Selbsthilfegruppe Depression die richtige Anlaufstelle?

„Jeder kann zu uns kommen, egal, ob selbst Betroffener oder Angehöriger“, sagt Horst Cantarutti. Es spiele auch keine Rolle, ob jemand schon wegen Depression in Behandlung sei oder nur die Vermutung habe, er könnte daran leiden.

Behandelt man eine Depression am besten mit Medikamenten oder nur mit einer Psychotherapie?

„Es ist beides möglich“, sagt Oliver Tornseifer. Die Behandlung hänge aber auch von der Schwere der Erkrankung ab: „Eine schwergradige Depression kann nur in der Klinik und mit Medikamenten behandelt werden“, sagt er. Leicht- und mittelgradige Depressionen könnten auch ambulant behandelt werden, sowohl mit einer Gesprächstherapie als auch mit Medikamenten oder einer Kombination aus beidem. „Es ist besonders wichtig, einen Raum für die Krankheit zu schaffen“, ergänzt Horst Cantarutti. Betroffene müssten sich ernst genommen fühlen und über ihre Empfindungen reden können. Dazu könne auch die Selbsthilfegruppe beitragen.

Woran merkt man, ob jemand die Absicht hat, sich das Leben zu nehmen?

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man eine Antwort bekommt, wenn man einfach direkt danach fragt“, sagt Oliver Tornseifer. Aber auch ein Rückzug und die Verweigerung von Gesprächen können ein Hinweis darauf sein. „Man muss zur Entlastung von Angehörigen auch ganz klar sagen, dass es nicht zu erkennen ist, wenn jemand den Plan fasst, sich das Leben zu nehmen und dies verheimlicht“, so der Arzt.

Was sollte man tun, wenn man den Eindruck hat, jemand ist suizidgefährdet?

„Man kann in solchen Fällen den Notarzt rufen, genauso wie bei einem Herzinfarkt“, sagt Oliver Tornseifer. Wer akut suizidgefährdet ist, sei in der Klinik am besten aufgehoben, im Notfall auch gegen seinen Willen. „Oft sind die Betroffenen hinterher froh, dass sie diesen Schutzraum hatten“, so Tornseifer.

Anlaufstellen für psychisch Kranke und Informationen für Angehörige findet man auf www.wegweiser-seele.de. Die Selbsthilfegruppe Depression trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im AOK-Gesundheitszentrum in Heidenheim. Kontakt: SHGDepressionHDH@gmx.de

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Depression, eine Volkskrankheit

8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung erkranken nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe im Lauf eines Jahres an einer Depression. Dies entspricht 5,3 Millionen Menschen. Frauen leiden doppelt so häufig wie Männer an einer Depression - oder lassen sich zumindest häufiger wegen der Krankheit behandeln.

Neben einer gedrückten Grundstimmung und dem Verlust von Freude und Interesse sowie Antriebsstörungen können auch Ängste oder körperliche Beschwerden wie Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen auf eine Depression hinweisen. sk