Kreis Heidenheim / Wenn Kinder oder Jugendliche ein neues Zuhause brauchen, wird der Pflegekinderfachdienst im Landratsamt aktiv. Er vermittelt Familien für Kinder, deren Welt aus den Fugen ist, beispielsweise weil die eigenen Eltern Suchtprobleme haben oder weil es Gewalt in der Familie gibt. Derzeit leben im Landkreis 66 Kinder in Vollzeitpflege bei Pflegefamilien, neue Familien werden dringend gesucht.

„Alle Kinder sollten die Chance haben, in einer normalen Familie aufzuwachsen“, begründet eine 57-jährige Pflegemutter aus dem östlichen Landkreis eine Entscheidung, die vor 20 Jahren ihr Leben verändert hat. Damals hatten sie und ihr Mann – die eigenen Kinder waren im Jugendlichenalter – sich bereit erklärt, ein Pflegekind aufzunehmen.

Aus dem einen Kind wurden bis heute sieben im Alter ab drei Jahren, die zumindest zeitweise in der Pflegefamilie aufwuchsen. „Ich wollte immer eine große Familie, es ist schön, wenn viele um den Tisch sitzen“, sagt die Pflegemutter und ergänzt: „Außerdem halten Kinder jung, ich kann auch bei MTV mitreden.“

Das Ehepaar ist eine von 58 Familien im Landkreis, die Pflegekinder aufnehmen. Vermittelt und begleitet werden sie vom Pflegekinderfachdienst. „Wir suchen Pflegeltern für Kinder, nicht Kinder für Pflegeeltern“, formuliert Dagmar Lübcke-Klaus die Prämisse des Fachdienstes.

Lübcke-Klaus spricht aber auch von den zunehmenden Schwierigkeiten, Familien zu finden, die ein Pflegekind aufnehmen. Dies sei aber kein Heidenheim-spezifisches Problem. Vor Kurzem musste ein Kind im Heim untergebracht werden, weil keine Pflegefamilie verfügbar war.

Wie Dagmar Lübcke-Klaus erklärt, müssen Pflegeeltern keine Familie im herkömmlichen Sinne sein. Auch nicht verheiratete Paare und Alleinstehende können ein Pflegekind aufnehmen. Ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis gehört wie der Ausschluss von Suchterkrankungen aber zu den Grundvoraussetzungen. „Wichtig sind sauch Gelassenheit und die Bereitschaft, sich zu öffnen“, weiß Bärbel Appel vom Pflegekinderfachdienst.

„Es ist wichtig, sich auf die Situation, die ja nicht immer leicht ist, einzulassen“, so die Pflegemutter aus dem östlichen Landkreis, und ihr Mann ergänzt: „Natürlich braucht man Geduld, und es ist nicht immer einfach, aber das ist bei den eigenen Kindern genauso.“ Am wichtigsten sei es, eine Beziehung und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Für den Pflegevater ganz selbstverständlich, wenn man bedenkt, was viele Kinder und Jugendliche zuvor erlebt haben.

„Eine Pflegefamilie kann den Kindern und Jugendlichen neue Chancen und ein geschütztes Umfeld bieten und helfen, auch innerlich wieder zu wachsen. Dafür muss man sie in die Familie integrieren, es gibt Freiräume genauso wie Regeln“, so der 58-Jährige, den seine Pflegekinder ebenso geprägt haben wie er und seine Frau die Kinder: „Wir machen das ja nicht aus Jux und Dollerei. Dass sich durch so eine Entscheidung das Leben ändert, muss klar sein.“

Dass dabei gerade in der Anfangszeit viele Fragen auftauchen, wissen die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderfachdienstes. Deshalb werden die Pflegeeltern nicht nur in einem Seminar auf ihre Aufgaben vorbereitet, sondern darüber hinaus begleitet. „Man kann immer anrufen, und das mache ich oft, selbst noch nach so vielen Jahren“, sagt die Pflegemutter. Damit sich Pflegefamilien kennenlernen können, werden Feste, Fortbildungen oder erlebnispädagogische Tage veranstaltet. Lübcke-Klaus: „Die Pflegeeltern übernehmen eine wichtige Aufgabe, denn die Alternative für die Kinder ist die Heimunterbringung. Auf diesem Weg lassen wir sie nicht allein.“

Wie man zu Pflegeeltern werden kann

Vollzeitpflege ist eine Hilfe zur Erziehung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, bei der Kinder oder Jugendliche Tag und Nacht bei Pflegefamilien untergebracht sind. Der Kontakt zur Herkunftsfamilie soll, soweit möglich, aufrechterhalten werden.

Prinzipiell kann jeder Pflegekinder aufnehmen, sowohl Ehepaare als auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare. Geprüft wird, ob man überhaupt infrage kommt: Polizeiliches Führungszeugnis und ärztliche Atteste sind vorzulegen. Geht alles in Ordnung, stehen Qualifizierungsseminare an, welche die zukünftigen Pflegeeltern auf ihre neue Aufgabe vorbereiten sollen. Sie werden vom Pflegekinderfachdienst im Landratsamt veranstaltet und finden auch in dessen Räumlichkeiten statt.

Anschließend wird gemeinsam mit der Pflegefamilie ein Profil erstellt, in welchem die Möglichkeiten und Grenzen der Familie besprochen werden. Soll ein Kind untergebracht werden, wird überlegt, welche Pflegefamilie am besten auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann. Dann finden erste Gespräche und das Kennenlernen statt. Im Idealfall soll der Übergang ins neue Zuhause langsam ablaufen. Passt die Chemie, steht einem Einzug nichts im Wege. Weitere Informationen unter Tel. 07321.321-2527.