Heidenheim / Manfred F. Kubiak Die in der vergangenen Spielzeit umjubelte Heidenheimer Version von Giuseppe Verdis Frühwerk „I Lombardi“ ist jetzt auf CD erschienen.

Mitunter gerät man hierzulande ja in Verdacht, mit Blick auf die „Cappella Aquileia“ eine rosarote Brille zu tragen. Ist dieses Heidenheimer Orchester wirklich so gut, wie in aller Regel geschrieben wird? Es ist. Fast immer jedenfalls.

Der jüngste Beweis dafür ist kein, wenn man so will, flüchtiges Konzerterlebnis. Er ist gewissermaßen unauslöschlich, da auf CD gebrannt. Es handelt sich um den Livemitschnitt von „I Lombardi“, Giuseppe Verdis vierte Oper, die im vergangenen Juli im Rahmen der Opernfestspiele in der Reihe mit frühen Verdi-Opern gereicht wurde. Und was soll man sagen? Sie hört sich mindestens so an wie die beiden schon herausragend gelungen Vorgängerinnen mit den noch etwas früheren Werken „Oberto“ und „Un giorno di regno“. Aber irgendwie noch besser.

Sehen und hören

Doch damit durfte man eigentlich ja auch rechnen. Wer Zeuge der Vorstellungen im Festspielhaus war, erinnert sich an grandiose Erfolge, die auch außerhalb Heidenheims und sogar außerhalb Deutschlands wahrgenommen worden waren.

Kein Überraschung also. Obschon? Wir hatten im vergangenen Jahr an dieser Stelle die Gelegenheit genutzt, um darauf hinzuweisen, dass Musiktheater eigentlich anders funktioniert, als es mitunter vermutet wird, wenn davon die Rede ist, man habe die oder jene oder eine andere Oper „gesehen“. Und, um das Thema noch einmal aufzugreifen, es stimmt ja. Denn im besten Falle hört und sieht man eine Oper.

Manchmal kann man sogar auch hören, dass etwa der Dirigent alles ganz anders sieht als der Regisseur. Das kann unter Umständen sogar die Rettung eines Abends sein oder wenigstens erfrischend wirken, wenn man zum Beispiel der Meinung sein sollte, dass sich der Regisseur vergaloppiert oder gar überhaupt keine Arbeit mit einem Werk gemacht haben sollte. Im Idealfall indes sind sich Musik und Regie schon einig.

Aber hört man das auch auf einer CD? Um die Chancen darauf von vornherein zu verbessern, sollte man sich vor dem Genuss der „Lombardi“-CD, die bei den Proben und den beiden Vorstellungen im CC im vergangenen Juli live mitgeschnitten wurde und beim Label „Coviello“ herausgekommen ist, ein paar Dinge in Erinnerung rufen.

Es galt seinerzeit in Heidenheim mit den „Lombarden“ einem Werk, mit dem Verdi nur eines im Sinn haben konnte: sich nicht mehr nur als aufgehender, sondern als bereits aufgegangener neuer Stern am italienischen Opernhimmel zu positionieren und den Erfolg des vorangegangenen „Nabucco“ zu bestätigen.

Aus heutiger Sicht aber kommt, zunächst musikalisch betrachtet, „Nabucco“ schon beinahe aus einem Guss daher verglichen mit „I Lombardi“, einem Opus, das textmusikalisch alles andere als ausbalanciert ist. Und was die szenische Umsetzung angeht, haben wir es mit einer der Logik und des inneren Zusammenhangs am meisten entbehrenden Geschichten der an solchen Storys nicht unbedingt armen Opernliteratur zu tun.

Keine leichte Ausgangslage also, die in Heidenheim zu einer szenisch-musikalisch aufregend kongruenten Angelegenheit wurde, die schon beinahe ein Maximum aus dem Vorgefundenen herausholte. Wobei der Trick letztendlich der war, dass hier weder Regie noch Musik versuchten, die Widersprüche und Gräben, die sich in Libretto wie Partitur auftun, zu vertuschen oder zu erklären oder gar zu verschärfen.

Es wurde vielmehr eher in einzelnen Szenen gedacht, die immer wieder in sinnlichen Tableaus gipfelten, die in ihrer Ästhetik auch für sich allein zu genießen waren und, wenn man so will, den Herzschlag dieser Inszenierung ausmachten, an dem sich auch die musikalische Interpretation durch Marcus Bosch und der an allen Pulten in Bestform angetretenen „Cappella“ orientierte.

Frisch und intuitiv

Das alles klingt auf CD tatsächlich, wie es sich seinerzeit im Festspielhaus anhörte: so frisch und so intuitiv bisweilen, als sei es gerade eben erfunden worden, wobei insbesondere in rhythmischer Hinsicht oft wie nebenbei Waghalsiges geleistet wird. Selbstverständlich wird hin und wieder genüsslich vorgeführt, wie leise die „Cappella“ kann. Allerdings haut Bosch auch mit Lust den Lukas, wobei der Hammer nie mit roher Kraft, sondern in stets eleganter, fließender Bewegung geschwungen wird.

Der Chor übertrifft sich selbst

Und dann der Chor! Da hat die CD konserviert, dass man richtig gehört hatte, wenn man die Auffassung vertrat, die philharmonischen Brünner hätten sich, wenn das überhaupt möglich sein sollte, selbst übertroffen und seien die sängerischen Hauptdarsteller eines in dieser Hinsicht über die weitesten Strecken überhaupt großen Abends gewesen, dem, wie nun immer wieder nachvollziehbar zu hören sein wird, solistisch der mit fundamentaler Tiefe bestechende russische Bassist Pavel Kudinov als Pagano und die über einen eher zur dramatischen als zur lyrischen Seite neigenden, dennoch veritablen Spinto-Sopran verfügende Polin Ania Jeruc als Giselda ihren Stempel aufdrückten.

Made in Heidenheim: wieder ein früher Verdi auf CDTitel

„I Lombardi“ ist nach dem 2018 ebenfalls beim Label „Coviello“ erschienenen „Un giorno di regno“ und „Oberto“ im Jahr davor bereits die dritte CD mit der Gesamteinspielung einer frühen Verdi-Oper bei den Heidenheimer Opernfestspielen. Erhältlich ist sie im HZ-Ticketshop.

Die CD hat eine Gesamtspielzeit von einer Stunde, neunundvierzig Minuten und einundvierzig Sekunden und wurde im Zeitraum vom 15. bis zum 20. Juli 2018 bei den diversen Proben und den beiden Vorstellungen der Oper im Festspielhaus Congress-Centrum aufgenommen.

Die „Cappella Aquileia“ ist unter der Leitung von Marcus Bosch nicht nur auf besagter CD zu hören, sondern live am kommenden Sonntag, 17. Februar, ab 18 Uhr anlässlich der „Winteroper“ im CC bei der konzertanten Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“ zu erleben. Karten hierfür gibt es im HZ-Ticketshop in Heidenheim und in allen HZ-Geschäftsstellen im Landkreis.