Kreis Heidenheim / CHRISTIAN NICK Erste Hilfe für die Seele nach dem Tod nahestehender Menschen – das leistet die Psychosoziale Notfallversorgung, die ehrenamtliche Helfer sucht.

Holger Loock weiß, wie Menschen reagieren, wenn sich ihre Welt nach dem Tod einer nahestehenden Person urplötzlich zu drehen aufzuhören scheint; wie es aussehen kann, wenn selbst hartgesottene Einsatzkräfte mit den Erinnerungen an Bilder des Schreckens nicht zurechtkommen: Weil er es über 200 Mal mit eigenen Augen gesehen hat.

Der Leiter des Kriseninterventionsteams des Deutschen Roten Kreuzes (KID) begleitet seit fast einer Dekade Polizeibeamte bei der Überbringung von Todesnachrichten, steht leidgeprüften Menschen in den ersten schweren Stunden nach der erschütternden Nachricht bei und unterstützt Augenzeugen, Ersthelfer oder Rettungskräfte nach belastenden Ereignissen.

Nachdem im Jahr 1998 im Landkreis erstmals eine professionelle Notfallseelsorge als gemeinnützige Initiative und mit Geistlichen der katholischen und evangelischen Kirche etabliert worden war, hatte man sich 2008 mit dem kurz zuvor gegründeten ehrenamtlichen DRK-Kriseninterventionsdienst zusammengetan.

Nun ist die solcherart formierte Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) bereits seit acht Jahren aktiv. Und wird immer mehr nachgefragt. Die Zahl der Einsätze steigt stetig: Im vergangenen Jahr wurden die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zu 76 Akuteinsätzen gerufen, vier weitere Einsätze erfolgten im Rahmen der Nachbetreuung. Insgesamt 270 Menschen standen die Helfer in den ersten Stunden nach dem traumatischen Erlebnis der Konfrontation mit dem Tod zur Seite.

Während die kirchlichen Seelsorger – gegenwärtig 20 Pfarrer und vier Ehrenamtliche – dafür garantieren, dass rund um die Uhr eine seelische Akutversorgung bei Verkehrsunfällen, Suiziden, plötzlichen Todesfällen zu Hause oder bei der Überbringung von Todesnachrichten geleistet werden kann, sind die ausschließlich ehrenamtlich engagierten Mitglieder des KID zwar auf die psychosoziale Begleitung der Einsatzkräfte spezialisiert, bestreiten in der Praxis aber rund die Hälfte aller Einsätze gemeinsam mit den Notfallseelsorgern.

Fünf Mitarbeiter sind derzeit im KID aktiv. Die Zahl ist niedrig – und ihr Altersdurchschnitt hoch. „Wir suchen dringend neue Mitglieder“, berichtet KID-Leiter Loock, der als Projektleiter bei Voith arbeitet. Eine anspruchsvolle Arbeit, denn die Helfer wissen nie genau, welche Situation sich ihnen präsentiert. Die Reaktionen auf den Tod eines Menschen sind so mannigfaltig wie die Menschen selbst. „Da gibt es kein Schema F, keine Routine.“

Gegenwärtig sei man personell am Limit, könne die immer zahlreicheren Einsätze gerade noch bewältigen. „Unsere Tätigkeit ist mittlerweile bei den Hilfs- und Rettungsorganisationen präsent und anerkannt, daher rufen uns immer mehr Notärzte oder Feuerwehrkommandanten hinzu.“

Unterstützung wird also dringend gesucht. Was braucht es, um sich ehrenamtlich in der Krisenintervention zu engagieren? „Ein Alter zwischen 23 und 65 Jahren, emotionale und körperliche Stabilität, Belastbarkeit, soziale Kompetenz und Empathie, Offenheit gegenüber dem Team sowie die Bereitschaft zu Aus- und Fortbildung.“

Und wie gestaltet sich der Weg zum psychischen Akut-Helfer? Nach einem ersten Kennenlernen und der Feststellung der prinzipiellen Eignung absolvieren die neuen Mitarbeiter einen 80-stündigen, kostenfreien Grundkurs an der DRK-Landesschule in Pfalzgrafenweiler (Landkreis Freudenstadt), der an mehreren Wochenenden abgehalten wird. In der folgenden Hospitationsphase begleiten sie die Helfer zu Einsätzen, ehe sie nach dem Abschlusskurs denn auch eigenständig helfen können.

Wenn sie es dürfen – der Arbeitgeber muss pro Einsatz für eine etwa vierstündige Freistellung bereit sein – und wenn sie es wollen: Jeder Mitarbeiter kann jeden Einsatz jederzeit ablehnen. „Wir werden niemanden verheizen oder in eine für ihn unerträgliche Situation bringen“, versichert Loock.

„Ideal wären Leute, deren Kinder flügge geworden und die auf der Suche nach einer neuen, sinnvollen Aufgabe sind.“ Aber auch jüngere Menschen sollen sich dezidiert angesprochen fühlen, zu einem unverbindlichen Gespräch mit den Ehrenamtlern vorbeizukommen.

Und solcherart vielleicht erkennen, dass sie durch dieses Engagement Essenzielles für Menschen in existenziellen Situationen tun können – aber auch eine Tätigkeit kennenlernen, die auch viel für einen selbst tun kann. Holger Loock: „Ich habe dadurch eine andere Einsicht gewonnen, was im Leben wirklich wichtig ist, und dass man jeden Moment bewusst erleben sollte – da es jeden Augenblick vorbei sein könnte.“

Interessierte können sich unter Tel. 0174.4723620 oder per Mail unter psnv@drk-heidenheim.de melden.