Heidenheim / Manfred Allenhöfer Am Sonntag hatte im Naturtheater das diesjährige Kinderstück "Peter Pan" Premiere, das nicht nur Kinder zu unterhalten versteht. Wir waren dabei, hier unsere Kritik.

Ich will nie erwachsen werden. Ich will immer ein kleiner Junge bleiben und Spaß haben“, heißt es im 110 Jahre alten Originaltext von James Matthew Barrie. Und der „Peter Pan“ im Naturtheater hält sich daran: „Ich will jung bleiben und immer weiter meinen Spaß haben.“ Gestern Nachmittag war die erste Premiere des Jahres auf dem Schlossberg; und es war ein sehr bunter, lebendiger, reizvoller Auftakt des Heidenheimer Kultursommers 2015.

„Peter Pan“ erzählt Geschichten vom Erwachsenwerden und thematisiert so den Traum und vielfach auch das Trauma von Kindern, die sich dessen bewusst werden, dass sie im Älterwerden nunmehr gänzlich neue Rollen einzunehmen haben. Der Blick aus der Kindheit heraus in eine zumeist wohl weitgehend unbestimmte Zukunft kann als reizvolle Herausforderung auf eine selbstbewusste Neuorientierung verstanden werden, aber auch Angst machen.

Und so gehört zum unbestimmten Blick in die Zukunft oft auch der Blick zurück in eine als scheinbar gesichert verstandene Vergangenheit, der auch in ein „Es war einmal . . . “ münden kann, wie das auch im Stück thematisiert wird, als Kinder sich von ihrer pseudomatriarchalischen Schwester Wendy Geschichten und Märchen erzählen lassen wollen. „Peter Pan“ ist jedenfalls mehr als ein virtueller Jungenstreich, der in abenteuerliche und rein handgreifliche Kämpfe mit Piraten oder Indianern mündet.

Die Inszenierung des Naturtheaters ist eine, die viele Facetten besitzt. Sie versucht, der bunten Vorlage gerecht zu werden, in der es „verlorene Jungs“ gibt und eben Piraten und Indianer, aber auch Elfen, Meerjungfrauen, wilde, ja menschenbegierige Tiere und insbesondere ein großes gefräßiges Krokodil. Ein ganzer Kosmos von traumhaften Wesen lebt auf Nimmerland und ist dort ständig in Bewegung, in sich verfolgenden Trupps, die einander ungut gesonnen sind und sich doch gegenseitig immer wieder befrieden.

Dieser dynamischen Vielgestaltigkeit wird die Inszenierung Oliver von Fürichs auch weitgehend gerecht: Er zaubert eine bunte Welt unterschiedlichster Wesenhaftigkeiten auf die riesige Bühne, die nie in statische Ruhe verfällt. Das ist ein reizvolles Kaleidoskop von Kreaturen, die sich miteinander in direktem Zugriff herzhaft beschäftigen und doch vor allem eins bewirken: dem Publikum Spaß zu machen.

Das ist eine Inszenierung, die aus dem Vollen schöpft, was nicht allein für das agierende Personal gilt: Es sind an die 150 Mitwirkende, die sich da auf dem Areal am Salamanderbächle tummeln. Und jede Gruppierung ist szenisch wie in ihren Kostümen mit Sorgfalt gestaltet: Ein prachtvoller Mummenschanz wird da aufgeboten – zur durchgehenden Freude der Zuschauer, die am Ende stehend applaudierten.

Diese liebevolle Sorgfalt der Charakterzeichnung gilt für die tragenden Rollen ebenso wie etwa für die randständigen Meerjungfrauen samt reizender, sich markant voranbewegender Quallchen. Auf dem Schlossberg spielen Steppkes und Dreikäsehochs, selbst in tragenden Rollen; und da sind auch ansonsten alle Altersgruppen bis hin zu den charakterlich geforderten Senioren vertreten. Und nicht zu vergessen die zwei ausgesprochen hübschen Mobile der Inszenierung: In der Eingangsszene gibt es einen von den Langenauer Oldtimerfreunden entliehenen Oldie. Und von der Freilichtbühne Tecklenburg stammt das Krokodil mit weitaufreißbarem Maul, in dem am Ende der bitterböse Cäpt'n Hook weitgehend verschwindet.

Oliver von Fürich hat für eine sehr durchdachte und sorgsam erarbeitete Inszenierung gesorgt. Das gilt bei der Erarbeitung der tragenden Rollen ebenso wie bei der räumlichen und choreographischen Führung des „Volkes“, da sind Kostüme wie Masken eine wahre Augenfreude – bunt und doch in Einheitlichkeit zusammenfindend, aufwändig (allein Hook hat mindestens drei prachtvolle Mäntel und beeindruckende Stiefel; es gibt eine Perücke mit aufsitzender Galeere etc.) und doch auch wieder ökonomisch mit den Mitteln des Naturtheaters umgehend – man meint selbst die Perücke der Musical-„Annie“ von vor 15 Jahren recycelt gesehen zu haben.

Die Geschichte von Barrie hat Oliver von Fürich behutsam den Bedingungen des Naturtheaters angepasst; aber er hat natürlich den Kern der erst als Film weltbekannt gewordenen Geschichte (das Buch ist ein wenig verzopft und manieriert und kein Lesespaß ersten Ranges) beibehalten. Und er hat das Geschehen nicht trivialisiert – obwohl die Inszenierung selber keine Scheu hat vor Klischees und Sentimentalitäten, die aber als gefühlsvariierende Momente eingebaut sind in ein Gesamtgeschehen, das auch mitreißende Musik- und Tanzszenen zeigt, die das Publikum zu spontanen Beifallsstürmen mitreißt.

„Peter Pan“ ist also ein Junge, der als Pubertätsverweigerer fasziniert. Im Buch ist er als ambivalenter Charakter gezeichnet; Max Barth, der die Titelfigur bei der Premiere spielte, zeichnet ihn als einen sympathischen Burschen, der dem Mädchen Wendy hofiert, der ein bisschen etwas von einem Rockstar hat und jedenfalls ein kindheitsfrischer „Held“ ist – übrigens über Generationen hinweg, wie die Schlussszene zeigt.

Wendy ist ältestes Kind einer Londoner Kleinbürgerfamilie; und der Vater droht ihr in einer frühen Szene an: „Du musst endlich erwachsen werden.“ Und im Wissen, „meine letzte Nacht im Kinderzimmer“ zu verbringen, kommt Peter Pan und ermöglicht die zumindest temporäre Flucht ins Nimmerland (sehr hübsch mit farbigen, multifunktionalen Buchstaben präsent gemacht). Wendy mit dem sprechenden Nachnamen „Darling“ nimmt ihre beiden Brüder mit: Und das Trio, gespielt von der Naturtheater-erfahrenen Carolin Frey und den beiden Jungs Benjamin Vollprecht und Silas Dierolf, gewinnen die Herzen der Zuschauer im Sturm.

Mit Peter Pan und dem Hauptkontrahenten Hook (sehr eindrucksvoll als schwächelnder Sadist gezeichnet von Norbert Sluzalek) erleben sie eine schwungvolle Reihe von Abenteuern, die immer wieder gebrochen werden durch Momente des Innehaltens, in denen es um das Älterwerden oder auch um den (natürlich unschätzbaren) Wert einer Mutter geht. Insofern also gibt es auch hier einen furiosen Wechsel der Situationen, der mechanische Überdrehtheit genauso meidet wie sentimentalen Stillstand. Was an Bewegtheit ermöglicht wird, übrigens auch unter Einsatz etwa einer Rutsche oder eines großen Trampolins, ist ausgesprochen mitreißend.

Auch die Rollen, die nicht ganz im Zentrum stehen, sind mit Sorgfalt gestaltet: Beispielhaft seien da etwa Martha Munz als Wendys Großmutter genannt, die in den Jahren ihrer Kindheit auch schon Kontakt mit dem allzeitjungen Peter Pan hatte (und mit Gewissheit hinzufügt, dass ihre Enkelin Wendy ja wohl auch wieder für Peter-Pan-affinen Nachwuchs sorgen werde). Oder Hooks Sidekick, der mordunlustige Pirat Smee, einnehmend gespielt vom Landtagskandidaten Martin Grath.

Es gab keine einzige Rolle, ob sprechend oder nicht, die man für entbehrlich würde halten wollen, jeder spielt seinen Part mit erkennbarer Begeisterung – eine lustvolle Gestimmtheit, die sich aufs Publikum bei der prallheißen, doch gottlob trockenen Premiere übertragen hat.

Übrigens gehört zur Sorgfalt der Inszenierung, die auch das eher auf das andere Naturtheaterstück („Hexenjagd“) zugeschnittene Bühnenbild nie zum Problem werden ließ, auch die Tatsache, dass das, was das Protagonistenquartett als für ein (nicht nur) kindliches Lesepublikum so ausgesprochen erstrebenswerte Eigenschaft besitzt, dass es nämlich fliegen kann („nur mit Elfenstaub“), in zwei Szenen auch unmittelbar und jedenfalls mit Überraschungseffekt wirksam wird.

Diesen netto zweistündigen, buntflotten „Peter Pan“ zu besichtigen, ist das reine Vergnügen. Und weil er mit großer Ernsthaftigkeit und unter Einbeziehung von viel Theaterverstand erarbeitet wurde, mit dem allerbuntesten Personal und fleißigen und einfallsreichen Bühnenbildnern, Musikern und Choreografen, ist das Ergebnis völlig unkindisch geraten und ein offen kindliches Vergnügen auch für Erwachsene. Im besten Sinne ein unterhaltsames, erfreulich unseichtes Unterhaltungsstück. Sogar mit plakativem Abspann: Aus den „Neverland“-Buchstaben wurde abschließend ein definitives, doch hochglückliches „End“ gebastelt.