Heidenheim / Joelle Schilk Das Sommerstück „West Side Story“ feierte Premiere auf der Freilichtbühne. Ein Musical, dessen ständige Begleiter große Gefühle, gelungene Choreografien und eine aggressive Dynamik sind.

Die „West Side Story“ auf der Freilichtbühne, die funktioniert. So viel sei gleich vorneweg verraten. Und wie könnte sie auch nicht: Allein die zeitlose Geschichte einer Liebe, die über unsichtbare Grenzen einfach hinwegsieht, gemischt mit großen Gefühlen wie Hass, Eifersucht und Trauer bildet ein gefährliches Pulverfass, das dann auf der Bühne nur noch ganz leicht angestupst werden muss, um zu explodieren.

Anstatt es zu stupsen, wurde es bei der Premiere am Freitagabend im Heidenheimer Naturtheater jedoch richtiggehend auf die Bühne geworfen. In der Inszenierung von Ulrike Valentin und Cornelia Härtner verliert der 1957 uraufgeführte Klassiker von Leonard Bernstein nichts von seiner verhohlenen Aggressivität, im Gegenteil: Schon nach der ersten Szene ist der Zuschauer mittendrin im Bandenkrieg der amerikanischen „Jets“ und der puertoricanischen „Sharks“, die die Straßen des New Yorks der 1950er-Jahre unsicher machen.

Ehrgeizige Stückauswahl

„I like to be in America“, so die vielstimmige Verheißung der singenden, tanzenden und spielenden Darsteller – doch tatsächlich wollte wohl niemand mit den Akteuren auf der Bühne tauschen, denn was sie sich dieses Jahr zur Feier des 100-jährigen Bestehens des Naturtheaters vorgenommen haben, ist schlicht und einfach eine große Nummer. Und wie bei allen großen Nummern besteht auch hier die Gefahr, diese trotz der zahlenmäßig beeindruckenden Besetzung nicht komplett ausfüllen zu können.

Doch wie wir schon verraten haben: Die „West Side Story“ funktioniert auf der Freilichtbühne, auch auf der Heidenheimer. Und so kommt eins zum anderen: Fremdenhass zu Testosteron, übertriebenes Selbstbewusstsein zu falschem Stolz, große Träume zu einer verbotenen Liebe. Und am Ende, man kennt es aus der zugrundeliegenden Geschichte von Romeo und Julia, kommt das Glück zu Tony und Maria – bevor der einen Sekundenbruchteil lang herrschende Gänsehautmoment von Elend und Betroffenheit abgelöst wird.

Maria überzeugt auf ganzer Linie

Überhaupt ist das mit den Gefühlen so eine Sache. Ganz oder gar nicht – entweder sie packen einen, so wie es Viviane Steffens als Maria die kompletten drei Stunden über tut, oder eben nicht. Bezaubernd naiv, wie sie bei ihrem allerersten Auftritt im Brautmode-Laden neben Anita (Ricarda Rickert) mit leichtem Akzent verkündet: „Heute Abend muss perfekt werden, denn heute beginnt mein neues Leben als junge Amerikanerin!“ Ihr ganz persönlicher American Dream fängt denn auch damit an, dass sie beim Tanzabend inmitten der „Jets“ und der „Sharks“ auf Tony (Matthias Johnson-Wagner) trifft – Liebe auf den ersten Blick soll es sein, doch auch der Kuss der beiden kann nicht verhindern, dass in diesem Moment das Zauberhafte, das Verträumte einer jungen Liebe noch etwas spröde daherkommt.

Und das, um noch einen Moment in der Welt der Gefühle zu verharren, zieht sich von der ersten bis fast zur letzten Szene durch: Große Gefühle ja, wenn es um Angst, Aggressivität, Abneigung geht; das zarte Knistern der Liebenden jedoch scheint darin ab und an zu verschwinden. Was bei genauerem Hinsehen gar nicht weiter verwundert, denn wie sollte sich die heimliche Liebe zweier Jugendlicher, die verfeindeten Banden angehören, auch durchsetzen können gegen das Gebrüll, Geschrei und Geschubse, von dem sie immerfort eingeschlossen sind?

Zumal, wenn sich nicht nur die jungen Darsteller auf der Bühne ins Zeug legen, sondern auch das 19-köpfige Orchester, das von Manuel Meiswinkel zum Glück mitten ins – übrigens sehr authentische und mit liebevollen Details gespickte – Bühnenbild integriert wurde. Verstecken brauchten sich die Musiker an diesem Abend wahrlich nicht: Unter Leitung von Markus Romes hat das Orchester hervorragende, um nicht zu sagen maßgeblich zum Gesamterfolg beitragende Arbeit geleistet.

Blau gegen Rot

Laurin Rupp als Riff und Randy Vogel als Bernardo, Marias Bruder, geben die perfekten Anführer ihrer Gangs ab: Die „Jets“ in Blau, die „Sharks“ in Rot, treffen die beiden Gruppen nicht nur gleich in der ersten Szene, sondern auch später beim Tanzabend oder der verabredeten Prügelei unter der Highway-Brücke aufeinander.

Protziges Gockelgehabe können sie beide, wobei die Feindseligkeit eigentlich immer erst in der Gruppe so richtig zu wirken scheint – mit Moritz Holzapfel als Action oder Arjann Härtner als Chino, aber auch mit der großen ganzen Gang-Besetzung spielt sich die Aggressivität stets knapp an der Grenze zum Überdrehten ab. Einen gelungenen, fast schon ruhigen Kontrast bildet da die Kampfszene, in der die Darsteller stumm und in Zeitlupe übereinander herfallen – und auch hier wieder das Orchester, das mit gekonnten, jazzlastigen Tönen die passende Atmosphäre zaubert. Überhaupt sind die Choreografien eines der Highlights des Abends: auf den Punkt getanzt, darf sich der Zuschauer ab und an wundern, welch Talente in den Darstellern schlummern.

Musical und Theater

Wenn die Rede von Talenten ist, muss erneut Viviane Steffens erwähnt werden: Sie leiht ihrer Maria eine glockenklare Stimme, die sie bis in die höchsten Höhen schraubt, und sowohl im Solo als auch im Duett mit Tony sorgt sie dann doch für den ein oder anderen Gänsehautmoment. Matthias Johnson-Wagners Tony kommt gesanglich ebenfalls nicht zu kurz; egal, ob er in stiller Sehnsucht seine „Maria“ besingt oder in „Tonight“ von Wundern träumt – eine solide Gesangsleistung.

Ein Manko aber, doch das trifft nicht nur Tony und könnte als Jammern auf hohem Niveau verstanden werden, gibt es doch: Die „West Side Story“ ist und bleibt ein Musical, das Naturtheater ist und bleibt eine Freilichttheaterbühne – dementsprechend standen wie zu erwarten keine ausgebildeten Sänger, sondern in erster Linie richtig gute Darsteller auf der Bühne. Und wenn die „Jets“ und die „Sharks“ allein durch ihre Lautstärke über vieles hinwegtäuschen, so kam es immer wieder vor, dass auch eine fehlende gesangliche Erfahrung durch Lautstärke wettgemacht werden wollte – hier wäre sicherlich weniger mehr gewesen.

Übertragen lässt sich diese Devise auch auf die einzelnen Charaktere, die auf der Bühne Platz finden. Rollen wie die von Lieutenant Schrank und Officer Krupke ziehen den Plot eher in die Länge, als dass sie entscheidend für den Handlungsverlauf wären. Doc (Manfred Lohmüller) als Drugstore-Besitzer hingegen scheint dieses Weniger-ist-Mehr verinnerlicht zu haben: In seinen verhuscht wirkenden Auftritten spiegelt sich Hilflosigkeit, ja fast schon Kapitulation vor der schwelenden Gewaltbereitschaft der Jugendbanden wider.

Ein Stück im Hier und Jetzt?

Inwiefern es sinnvoll ist, das doch sehr ernste Musical nach Jerome Robbins nur in Originalversion zeigen zu dürfen, diese Frage kann man sich stellen – oder aber man versucht, die Aktualität des Inhaltes auf andere Art und Weise mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Einer dieser Versuche könnte die ungewöhnlich starke Szene sein, die auf den Tod der beiden Anführer Riff und Bernardo folgt: Gruppen, die einen stummen Tanz auf der Bühne vollziehen, die Gesichter getarnt hinter weißen, ausdruckslosen Masken – anklagend, fast vorwurfsvoll blicken sie ins Publikum; minutenlang, so scheint es.

Und der Zuschauer? Der denkt entweder an das New York der 50er-Jahre, oder an die Zeit davor, oder an das Hier und Jetzt; denn wo und wann scheint plötzlich völlig nebensächlich zu sein, und am Ende schleicht sich der Gedanke ein: Ja, Maria hat wohl recht damit, wenn sie ihren ermordeten Liebsten im Arm hält und sagt: „Wir alle haben sie umgebracht!“ Da ist es freilich bereits zu spät für die jungen Hoffnungslosen, die erst jetzt verstehen, dass sich die ganze Gewalt nicht lohnt.

Doch genug der Tiefsinnigkeit. Schließlich ist die „West Side Story“ immer noch ein amerikanisches Musical, und was wäre das ohne ein bisschen Kitsch, ohne Spaß und ohne Oberflächlichkeiten? So ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass die lustigste Szene des Abends direkt nach dem Doppelmord an Riff und Bernardo folgt: Der wilde, von den „Jets“ aufs Komischste vorgetragene Song „Gee, Officer Krupke“ begeistert die Zuschauer, wilde Rufe und Pfiffe begleiten das ulkige Tun der Darsteller, und schon scheint alle vorhergegangene Tragik vergessen zu sein. Spätestens jetzt bleibt wohl nur zu sagen: Dear Heidenheim, welcome to America!