Heidenheim / Joelle Schilk Eine Jugendbande, die die Straßen von Venedig unsicher macht und am Ende den Wert von Freundschaft und Familie erkennt: Das Kinderstück „Herr der Diebe“ hatte Premiere auf der Naturtheaterbühne.

Eine runde Sache: So sagt man für gewöhnlich, wenn etwas gut gelungen ist. Und dass die Premiere des Kinderstücks „Herr der Diebe“ im Naturtheater am Sonntagnachmittag definitiv eine runde Sache war, wird wohl kaum einer der anwesenden Gäste bestreiten wollen; schon gar nicht die ganz jungen Besucher, die zwei Stunden lang gespannt die Hälse reckten und kicherten und staunten, was das Zeug hielt.

Das Problem an runden Sachen ist nur leider, dass sie keinerlei Ecken und Kanten vorweisen – und das wiederum wird gerne allzu vorschnell dem Wörtchen „langweilig“ gleichgesetzt. Ein Widerspruch in sich, möchte man meinen, doch mit ein bisschen Magie erhalten selbst runde Sachen ihre Ecken und Kanten – und können dadurch gut, ja richtig gut gelingen.

Brüder durch dick und dünn

Und magische Momente gibt es bei „Herr der Diebe“, basierend auf der Romanvorlage von Cornelia Funke und temporeich und vor allem reich an Darstellern von den Regisseuren Susanne und Ingo Schneider inszeniert, in den zwei Stunden Spielzeit zum Glück jede Menge. Zum Beispiel dann, wenn die beiden Brüder Prosper (Jonas Hirschberger) und Bo (Linus Schirm) nach dem Tod ihrer Mutter vor ihrer Tante Esther, herrlich streng gespielt von Julia Frank in pinkfarbenem Kostüm, nach Venedig fliehen und dort in der Kinderbande von Scipio, auch bekannt als der „Herr der Diebe“, eine neue Familie finden.

Matthias Schott trifft dabei den Charakter des abenteuerlustigen, waghalsigen Diebes mit schwarzem Umhang und schwarzer Maske genau auf den Punkt – berührend aber auch die verletzliche Seite, die er zeigt, als die Bande hinter das Geheimnis seiner noblen Herkunft kommt: „Glaubt ihr etwa, dass nur ihr es schwer habt, weil ihr auf der Straße lebt? Ich habe Eltern, ja, aber die sind eh nie da!“

Und so machen sich sowohl Scipio als auch die restliche Kinderbande, bestehend aus Bo, Prosper, Wespe (Anja Buck), Riccio (Frederic Schneider) und Mosca (Hanno Dinestbach), zunächst getrennt auf den Weg, um den Auftrag des mysteriösen Grafen Conte (Manuel Meiswinkel) zu erfüllen und einen hölzernen Löwenflügel zu stehlen – Preisgeld: fünf Millionen Lire. „Das ist viel, oder?“ Linus Schirm, jüngster Darsteller auf der Bühne, schafft es immer wieder, dem Publikum ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern.

Detektiv oder Chamäleon?

Wie von Zauberhand laufen auch die Szenen ab, in denen Detektiv Victor in Windeseile vom Tourist zum Gondoliere zum Clown und schließlich zum Verbündeten der Kinder wird – kaum einmal weggeschaut, hat sich Günther Herzog schon wieder ein neues Outfit übergestreift und versucht, im Auftrag von Tante Esther die beiden ausgebüchsten Brüder zu finden. Der Sinneswandel, der ihn schließlich zum Freund der Kinder werden lässt, findet erfreulich unauffällig statt und verwandelt den anfänglichen Unsympathen in einen gerne und, so scheint es, fast nonstop auf der Bühne weilenden Darsteller. Hut ab – beziehungsweise auf, Herr Detektiv. Auch, wenn das Hin und Her, das Stumm und Laut zwischen mehreren parallel ablaufenden Szenen ab und an noch etwas stockend wirkt.

Echte Magie kommt aber erst am Ende des Stückes ins Spiel. Genau dann nämlich, wenn klar wird, worum sich das Stück die ganze Zeit schon dreht: Um das zauberhafte Karussell, das Kinder zu Erwachsenen und Erwachsene zu Kindern werden lässt.

Endlich erwachsen werden

„So dumm können auch nur Kinder sein!“ Wie Renzo (Mike Hummel) da oben steht, auf seinen Stock gelehnt, ganz in Schwarz und als Mini-Version des diebischen Auftraggebers Conte, wirkt seine Antwort auf den sehnlichen Wunsch von Scipio, doch endlich erwachsen zu werden, absurd, ja fast schon schräg – schließlich steht er doch selbst als Kind dort oben. Doch genau dieser Widerspruch ist es, der die Geschichte von Scipio, vom „Herrn der Diebe“, ausmacht: Kinder, die erwachsen sein wollen, Erwachsene, die wieder Kind sein wollen, Familie, die keine ist, und Freunde, die Familie sind.

Nun, das Karussell also. Es ist das absolute Highlight der Inszenierung. Zauberhafte Musik ertönt, pastellfarbene Wesen bevölkern die Bühne, zeitgleich wird eine Zeltstange in der Mitte aufgerichtet und die fünf Karussell-Tiere kommen von den Gängen der Zuschauerhalle auf die Bühne. Und was das für Wesen sind! Überdimensionale Köpfe lassen einen Wassermann, ein Einhorn, ein Seepferd, eine Meerjungfrau und einen geflügelten Löwen erkennen – eben jenen, dessen fehlenden Flügel die Kinder in Contes Auftrag haben stehlen sollen. Kostüm (Sabine Sablotny, Kerstin Keppler), Bühnenbild (Manuel Meiswinkel) und Thibaud Gross, von dem die Idee zu diesem Karussell stammt, haben hier ganze Arbeit geleistet.

Das Optische, ja, das ist eine Sache. Doch wie das Karussell funktioniert, noch mal eine ganz andere. Gespannte Blicke richten sich auf die Figuren, die sich in einer eleganten Choreografie drehen und winden. Doch ohne, dass das Wie und Wann wirklich erkennbar wären, kommen plötzlich Scipio als Erwachsener und Barbarossa (Oliver von Fürich), der Bösewicht und Hehler der Diebesware, als kleiner Junge hervor. Zauberei? Magie? Lassen wir es offen; welcher Magier verrät schon seinen Zaubertrick.

Viel los auf der Bühne

Um noch kurz bei Optik und Funktion zu bleiben, soll neben dem Karussell auch das restliche Bühnenbild erwähnt werden: Venedig selbst, mit seinen verwunschenen Plätzen und geheimnisvollen Sträßchen, stellt sich für die Geschichte von Prosper, Bo und Co. als stimmiger Handlungsort heraus – die beiden Regisseure jedoch gleichzeitig vor die Herausforderung, das New York der „West Side Story“ in eine überzeugende italienische Hafenstadt zu verwandeln.

Aus zwei mach eins, haben sich Ingo und Susanne Schneider da wohl gedacht und haben einfach einen großen Teil der rund 200 Darsteller in verschiedene Gruppen aufgeteilt, die selbst zu einem Teil des Bühnenbildes werden. So weisen die Nonnen auf das Waisenhaus hin, die Mönche auf den Markusdom, andere spielen Touristen, Diebe, Café-Besucher, eine Hochzeitsgesellschaft, Gondoliere-Schüler oder venezianische Maskenträger – Letztere übrigens mit wunderbar ausladenden Kostümen und reich verzierten Masken.

Ein gut überlegter Schachzug innerhalb der Inszenierung, der jedoch zeigt, dass zu viel einfach auch zu viel des Guten sein kann und der Zuschauer vor lauter Gewusel auf der Bühne manche Hauptrolle zunächst zwar hört (wenn die Technik nicht gerade streikt), jedoch erst einmal nach dem Darsteller suchen muss. Ist der Überblick einmal gewonnen und hat der Zuschauer erkannt, dass die meisten Personen lediglich zu Gestaltung und Atmosphäre auf der Bühne beitragen, kann die Konzentration wieder auf die eigentliche Handlung gelenkt werden – schade nur, dass dieser Effekt nicht etwas unterschwelliger eintritt, denn der „Herr der Diebe“ bringt eine Geschichte voller Freundschaft und Familienbande auf die Naturtheaterbühne, eine Geschichte voller Abenteuer und Magie, gemischt mit ein klein wenig Nachdenklichkeit – eine runde Sache eben. Die Kinder jedenfalls fanden am Sonntagnachmittag durchaus Gefallen am Meisterdieb, viele Erwachsene ebenso – denn mal ehrlich, wer träumt nicht manchmal davon, wieder Kind zu sein? Und sei es nur für zwei Stunden.

„Herr der Diebe“: weitere Aufführungen

Der „Herr der Diebe“ wird mit seiner Kinderbande noch 16 Mal die Naturtheaterbühne unsicher machen, immer mittwochs und sonntags um 15 Uhr. Die letzten beiden Vorstellungen finden am 23. und 24. August, jeweils um 20 Uhr, statt.