Kreis Heidenheim / Carolin Wöhrle Immer mehr Bürokratie erleichtert ihnen die Arbeit nicht gerade. Was tun?

Das Patentrezept, die große Lösung für all die Probleme, mit denen die Ehrenamtlichen der Nachbarschaftshilfen konfrontiert sind, ist noch nicht gefunden. Und ob es sie überhaupt gibt, ist fraglich. Den Leitern der Gruppen in den Kreisgemeinden ist das durchaus bewusst. Und dennoch hoffen sie, dass sie das grundlegende Problem doch zumindest entschärfen können: den Mangel an Freiwilligen, die sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren wollen und können.

Die Gruppen leisten seit Jahren und Jahrzehnten wertvolle Dienste in ihren Gemeinden: Helfer besuchen vor allem alte und kranke Menschen zuhause. Sie sind keine Pflegekräfte, wollen das auch gar nicht sein, aber sie können im Alltag mit kleinen Diensten aushelfen: den Einkauf erledigen, kleine Fahrdienste oder beim Putzen der Wohnung unterstützen. Und vor allem: da sein. Zuhören. Gesellschaft leisten. Es ist wohl eine der Hauptaufgaben der freiwilligen Helfer.

„Vereinsamung ist bei älteren Menschen heutzutage ein großes Thema“, sagt Susann Minette, Sozialarbeiterin bei der Heidenheimer Caritas. „Sie freuen sich, wenn sich jemand dann für sie Zeit nimmt, wenn es die Angehörige aus verschiedenen Gründen nicht können.“

Die Gesellschaft hat sich verändert

Ausreichend Freiwillige für dieses Ehrenamt zu finden, war schon immer kein Selbstläufer, aber längst nicht so schwierig wie heute. Die Gesellschaft hat sich verändert, das weiß auch Irene Dominicus von der Nachbarschaftshilfe Königsbronn: „Vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben wir nur sehr wenige junge Leute gewinnen können.“ Früher waren es vor allem junge Frauen, die in der Nachbarschaftshilfe tätig waren haben: Mütter, die bei den Kindern zuhause geblieben sind und sich nebenbei ehrenamtlich engagiert haben.

Heute zieht es auch viele junge Mütter wieder früher zurück ins Berufsleben. Zeit fürs Ehrenamt bleibt da zwischen Job und Familie kaum. Veränderung Nummer zwei: Träger der Nachbarschaftshilfe sind in den meisten Fällen die Kirchengemeinden.

Auch hier bröckelt der Kontakt zu den Gemeindemitgliedern im Allgemeinen und zu den Jungen im Besonderen immer mehr. „Diejenigen, die sich dann dennoch ehrenamtlich engagieren, sind hart umkämpft“, sagt Dominicus. „Die Jungen sind dann lieber unter ihresgleichen, etwa in Sportvereinen.“

Die Helfer der Nachbarschaftshilfe helfen nicht umsonst. Früher bekamen sie eine Aufwandsentschädigung für die Stunden, die sie tatsächlich geleistet haben. Seit Mai 2018 bekommen sie die Ehrenamtspauschale. Der Grund: Die Berufsgenossenschaft hatte festgestellt, dass die Arbeit und die Art der Entlohnung den zulässigen Rahmen für eine Aufwandsentschädigung sprengen.

Maximal 2400 Euro im Jahr

Mehr als 2400 Euro pro Jahr dürfen nun nicht mehr verdient werden, die Entlohnung erfolgt über diese Pauschale. In der Praxis bedeutet das aber, dass ein Helfer monatlich mal mehr und mal weniger gearbeitet hat als das, was er am Ende als Pauschale bekommen sollte. Zu viel geleistete Stunden müssen dann in der Praxis wieder über weniger Arbeit ausgeglichen werden. Für die Helfer mindestens irritierend, für die Leiterinnen und Organisatoren der Nachbarschaftshilfe im Hintergrund ein enormer bürokratischer Mehraufwand. „Diese Bürokratie wiederum sprengt das ehrenamtliche Arbeiten“, sagt Irene Dominicus. Wegen der Pauschalierung, so sagt ihre Kollegin Ingrid Schmidt aus Steinheim, seien viele Helfer bereits abgesprungen.

Eine weitere Hürde

Nun kam in diesem Jahr eine weitere Hürde hinzu: Neue Nachbarschaftshelfer müssen 30 Schulungsstunden leisten, damit die Gruppen weiterhin vom Landratsamt anerkannt werden. Diese Anerkennung wiederum ist Voraussetzung dafür, dass der Einsatz der Nachbarschaftshilfe über die Pflegekasse abgerechnet und so für die Betreuten kostenlos bleiben kann. Ab Pflegestufe 1 beläuft sich der Betrag auf maximal 125 Euro monatlich. Gilt die Nachbarschaftshilfe nicht als anerkannt, müssen die Leistungen von den Senioren aus eigener Tasche bezahlt werden.

Nun haben die Leiterinnen der Nachbarschaftshilfen nicht per se etwas gegen die Schulungen. Die Befürchtung ist nur, dass die 30 Stunden – auch wenn sie für die Ehrenamtlichen kostenlos sind – vom Engagement zurückschrecken lassen.

Was also tun? „Wir müssen uns gut überlegen, wie wir die Nachbarschaftshilfe zukunftsfähig aufstellen können“, sagt Susann Minette. Es sei schwer, das langfristig dem Ehrenamt zu überlassen. „Die Nachbarschaftshilfe zu professionalisieren, bringt aber auch nichts“, glaubt die Steinheimerin Ingrid Schmidt: „Auch dann werden die Leute fehlen. Am generellen Pflegenotstand können wir nichts ändern.“ Zu viele Menschen brauchen aktuell Hilfe, zu wenige stehen für die Aufgaben zur Verfügung.

Derzeit bleibt akut also nur die Möglichkeit, Werbung für das Engagement der Nachbarschaftshilfen in den einzelnen Gemeinden zu machen. Die Ehrenamtlichen wollen zeigen, wie gut es tun kann, anderen Gutes zu tun. Dass gerade auch neu Zugezogene so neue Kontakte im Dorf knüpfen können. Dass man zusammen in der Gruppe auch bei Ausflügen schöne Stunden miteinander verbringen kann.

Für die große Lösung sieht Susann Minette am Ende aber die Politik in der Pflicht: „Wenn die ihre Aufgaben wieder richtig wahrnehmen würde, beispielsweise mehr Plätze für die Kurzzeitpflege zur Verfügung zu stellen, dann könnten die Nachbarschaftshilfen wieder ihre originären Aufgaben erfüllen. Und das nach wie vor ehrenamtlich.“

Begleitende Schulung für neue Helfer

Die 30 Schulungsstunden gelten für alldiejenigen, die neu zur NAchbarschaftshilfe kommen. Sie können begleitend zum Einsatz absolviert werden und müssen nicht zwangsläufig vorher abgeschlossen sein.

Der Unterricht umfasst zum einen Theoriestunden, die sich jeweils mit verschiedenen Themenbereichen der Nachbarschaftshilfe befassen.

Dazu gehören beispielsweise der Umgang mit der Rolle als Vertrauensperson, Basiswissen zu den häufigsten Krankheiten und Behinderungen im Alter sowie das richtige Handeln in einer Krisen- oder Notfallsituation.

Vorgesehen ist zudem eine kleine Hospitation in einem Altenheim oder der Sozialstation oder alternativ beispielsweise der Besuch geeigneter Veranstaltungen und Vorträge zum Thema. cw