Heidenheim / Günter Trittner Die Landwirtschaft im Landkreis gehörte vor 30 Jahren zu den Bio-Pionieren. Heute trägt man den Titel Biomusterregion. Mit den damit verbundenen Fördermitteln soll Bio den Bürgern noch schmackhafter gemacht werden.

Biomusterregion: Der Landkreis Heidenheim war im Verbund mit einigen Kommunen im Ostalbkreis unter den ersten vier Gebietskörperschaften landesweit, denen dieser Titel zugesprochen wurde. Eine Auszeichnung einerseits, ein Auftrag andererseits.

Seit November im Amt

Seit November vergangenen Jahres versucht Johanna Böll diesem Begriff noch mehr Strahlkraft zu geben. Nach außen, um zu zeigen, dass dem ökologischen Wirtschaften im Landkreis hohe Bedeutung zugemessen wird, nach innen, um bei Erzeugern und Verbrauchern ein noch größeres Interesse an gesunden und umweltverträglich erzeugten Lebensmitteln zu wecken.

Die Ökotrophologin und Öko-Agrarmanagerin brauchte dazu im Landkreis nicht bei null anzufangen. „Hier passiert schon was“, weiß sie. 54 Höfe werden im Landkreis nach EU-weit geltenden Vorgaben biologisch geführt, die meisten gehören noch Verbünden mit strengeren Auflagen an. Diese Höfe bewirtschaften elf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche.

Pioniere der 80er-Jahre

Der Landesschnitt liegt inzwischen zwar auch auf diesem Niveau. Dafür gab es im Landkreis schon in den 80er-Jahren eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft, welche sich die Förderung der biologischen Landwirtschaft zum Ziel gesetzt hat. Johanna Böll erkennt in der Zielsetzung der Bio-Pioniere damals ganz deutlich die Richtung, in die auch die Biomuster-Region führen soll. Nur dass der Anstoß diesmal nicht von Verbrauchern, sondern vom Land ausgeht.

Dieses hat denn auch ein klares Ziel gesteckt: Bis 2030 sollen 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet werden. „Das erfordert noch viel Bewusstseinsarbeit“, weiß Böll.

Ziele für das erste halbe Jahr

Aus diesem Grund hatte sie sich für das erste halbe Jahr ihrer auf drei Jahre befristeten Aufgabe Öffentlichkeitsarbeit als erstes Ziel gesetzt und Treffen von Erzeugern organisiert, damit auch diese sich besser kennenlernen. „Es ist gut angelaufen“, meint Georg Feth, der zuständige Dezernent im Landratsamt.

Dass die Dunstelkinger Brauerei Hald künftig Biogerste nicht mehr von außerhalb des Landkreises kaufen muss, ist einer der erzielten positiven Effekte dieser Gespräche. Denn diese kann auch ein heimischer Landwirt liefern. Nur wusste man voneinander nicht. Für Böll ein Beweis, dass es sich lohnt, miteinander zu reden.

Nicht geklappt hat der Versuch, einen Biometzger zu finden. Hier muss nicht nur gesichert sein, dass konventionell und biologisch erzeugtes Fleisch nicht vermengt wird, auch bei der Verarbeitung des geschlachteten Tieres dürfen nur Mittel eingesetzt werden, welche ökologisch korrekt sind. Man denke nur an Gewürze, sagt Böll.

Besseres Essen für Schüler

Auch das Lebensmittelangebot für Kindergärten und Schulen hat Böll sich zum Thema gemacht. Derzeit bemüht sie sich darum, „Bio in den Handel zu bringen“. Idee ist, dass Supermärkte Regale einstellen, die eigens mit ökologischen und regionalen Produkten befüllt werden. Damit könnte dem Verbraucher zentral an einem Ort ein größeres Sortiment angeboten werden, als es den einzelnen Hofläden möglich ist. Und: „Wir erreichen hier auch eine ganz andere Kundschaft.“

Starke Nachfrage nach regionalen Produkten

Böll verspürt, dass auch das Interesse beim Handel da ist, denn regionale Produkte seien derzeit generell stark nachgefragt, „Die Landwirte hier sind alle schon sehr kreativ“, lobt sie die bereits existenten Einrichtungen zur Vermarktung der Produkte.

Gut gelaufen aus Sicht von Böll ist auch die unlängst im Eselsburger Himmelszelt abgehaltene Schnippel-Disco. Dabei wurde optisch weniger schönes Gemüse, das vielfach deswegen nicht in die Ladenregale kommt, zubereitet. Übergeordnetes Thema dabei: nachhaltige Ernährung. Auch ein ökumenisches Frauenfrühstück habe die Erwartungen mehr als erfüllt.

Schutz des Grundwassers

Aus Sicht von Feth war die Tatsache, dass der Landkreis fast vollständig Wasserschutzgebiet ist, mit ein Grund für die Ausweisung zur Biomusterregion. „Es geht um die Minimierung des Nitrats im Grundwasser.“ Vor wenigen Wochen nun ist die Landeswasserversorgung in Stuttgart auf die Heidenheimer Landkreisverwaltung zugekommen und hat eine Unterstützung in Aussicht gestellt.

Pragmatischer Zugang

Johanna Böll begreift ihren Auftrag sehr pragmatisch. Einerseits Impulse geben, andererseits Stimmen aufgreifen und darauf hören, wo etwas gebraucht wird. Ein Anrufer hat sich gemeldet, der Interesse daran hat, einen Arche-Hof für bedrohte Tierarten zu gründen. Auch ein Modell der Hühnerhaltung verfolgt sie mit Interesse. Dabei bezahlen die Kunden die Aufzucht der Tiere und erhalten im Gegenzug nebst den frischen Bio-Eiern die Gewissheit, dass geschlüpfte Hähne in diesem Betrieb ein Recht auf Leben haben.

30 000 Euro pro Jahr von der Landeswasserversorgung

Die Landeswasserversorgung betrachtet die Biomusterregion Heidenheim als beispielgebend und ist bereit, während der Laufzeit des Programms 30 000 Euro pro Jahr an Fördermitteln bereitzustellen, wenn landwirtschaftliche Betriebe auf eine biologische Bewirtschaftung umstellen.

„Aus Sicht des Trinkwasserschutzes ist ein Bio-Betrieb für uns ideal“, sagt Bernhard Röhrle, der Pressesprecher der Landeswasserversorgung. Es sei ein Ziel der Landeswasserversorgung, die biologische Landwirtschaft zu forcieren. Nur über den Weg weniger Düngung, weniger Spritzmittel, weniger Chemie werde es gelingen, Nitrat im Grundwasser zu verhindern und dauerhaft ein sauberes Trinkwasser zu bewahren. „Wir sollten weg von der konventionellen Landwirtschaft hin zur biologischen Landwirtschaft. Wir sehen darin einen großen Vorteil“, sagt Röhrle.

Was aber für den Sprecher der Landeswasserversorgung nicht heißt, dass es keine konventionellen Höfe mehr geben darf. Auch für diese gebe es Möglichkeiten, besser auf die Qualität des Grundwassers zu achten. Weil man aber wisse, dass Landwirte, die ihre Höfe umstellen, eine Durststrecke zu durchlaufen haben, sei man bereit, hier fördernd zu helfen. Röhrle könnte sich vorstellen, dass auch andere lokale Unternehmen der Wasserversorgung sich dieser Förderung anschließen. gt