Heidenheim / erwin bachmann Fünfeinhalb Jahre nach der Entführung und Ermordung Maria Bögerls zeichnet sich eine neue polizeiinterne Weichenstellung ab. Ende dieses Jahres soll die Sonderkommission „Flagge“ aufgelöst werden, deren Arbeit dann eine Ermittlungsgruppe fortführt.

Die im Mai 2010 gebildete Soko hatte mit rund 80 Ermittlern angefangen. Im Laufe der Zeit wurde die Personalstärke dieser aus verschiedenen Spezialisten zusammen gesetzten Truppe immer wieder vermindert. Aktuell gehören dieser beim Polizeipräsidiums Ulm angesiedelten Soko nach Angaben von Armin Burger, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Ellwangen, noch 13 in Vollzeit beschäftigte Beamte an, die aber nicht jeden Tag in vollem Umfang zugange sind. Wie Polizeisprecher Wolfgang Jürgens erläutert, schwankt die Soko-Stärke im gegenwärtigen Alltag zwischen zehn und 18 Angehörigen und wird jeweils der aktuellen Auftragslage angepasst.

Das Ende der Soko wird aber nicht den Schluss der Aufklärungsarbeit in dieser Mordsache bedeuten, die zu den spektakulärsten Fällen der gesamten Nachkriegszeit zählt. Die Sonderkommission wird in eine sogenannte Ermittlungsgruppe überführt, die bei der Ulmer Kriminalinspektion 1 angesiedelt sein wird. Deren Chef ist Kriminaloberrat Thomas Friedrich, der bisher schon Leiter der Soko „Flagge“ ist und weiterhin auch an der Spitze der neuen Ermittlungsgruppe stehen wird. Wie seitens der Staatsanwaltschaft betont wird, werden die Ermittlungen auf dieser Ebene mit den identischen Personen weitergeführt, die auch schon bei der Soko tätig waren. Auf diese Weise sei kein Informationsverlust zu befürchten, so Armin Burger, der auf Anfrage zudem darauf verweist, dass mit der neuen Organisationsform kein Rückgang der Ermittlungs-Intensität einhergeht: Es gehe allein um die Struktur, nicht um mehr oder weniger Personal. „Die Tätigkeit bleibt am Ende genau gleich,“ bestätigt man im Ulmer Präsidium, wo man eher von einer Umbenennung sprechen will: Eigentlich bestehe eine Soko aus mehreren großen Einsatzabschnitten, was im vorliegenden Fall nicht mehr gegeben sei, weil außer dem Standbein „Ermittlungen“ alle anderen Bereiche abgearbeitet seien.

Aber noch firmiert die Organisationseinheit unter dem Namen Soko, die allein schon deshalb ein Stück Kriminalgeschichte schreiben wird, weil es zumindest in Baden-Württemberg noch nie eine Sonderkommission mit einer solch langen Lebensdauer gegeben hat. Und dort hat man auch jetzt noch durchaus viel zu tun. Bereits im Mai dieses Jahres hatte Thomas Friedrich gegenüber unserer Zeitung angekündigt, ein zweites Mal den riesigen Funkzellen-Datenbestand überprüfen zu lassen, der vor allem aus Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum besteht. Diese vor mehr als fünf Jahren angesammelten Mobilfunkdaten waren bereits in einem frühen Stadium ausgewertet worden. Dies geschah nach damaligen Stand der Technik. Mittlerweile steht den Ermittlern eine neue, auf den Bedarf der Kriminalisten zugeschnittene Software zur Verfügung, mit deren Hilfe in den Datensätzen Fehler gefunden und bereinigt werden können, die in einem Teil der damals von mehreren Providern angelieferten Daten stecken, weil die Handy-Nummern in unterschiedlichen Mustern und Formaten zur Verfügung gestellt worden waren.

Die erneute Überprüfung läuft bereits seit Monaten und erstreckt sich auf alles in allem 600 000 Datensätze, aus denen sich im Regelfall die Aufenthaltsorte eines jeden Handy-Besitzers recht genau nachvollziehen und sich in der Gesamtbetrachtung auch detaillierte Bewegungsprofile erstellen lassen. Die wohl noch bis Jahresende währende Sisyphusarbeit wird von Beamten des Landeskriminalamtes und verschiedener Dezernate des Polizeipräsidiums Ulm unterstützt, darunter auch von Cyber-Crime-Spezialisten.

Im Zuge dieser anhaltenden Untersuchung des Datenberges ist auch ein Personenkreis ins Visier der Polizei geraten, der bislang in diesem Ermittlungsverfahren außen vor war. Dass dies nicht überall auf Begeisterung stößt, zeigt das Beispiel eines in Nattheim wohnenden Mannes, der – wie auch sein Sohn – erst fünf Jahre nach der Ermordung Maria Bögerls mit der Tatsache konfrontiert worden ist, dass seine Handy-Daten zur Tatzeit im Bereich des Klosters Neresheim aufgelaufen waren. In beiden Fällen kam es zu Vernehmungen, beide Männer konnten jeden Verdacht ausräumen, doch zumindest der Senior hat bis heute seine Zweifel, ob die seinerzeitige Funkzellenabfrage rechtens war. Für ihn geht die Reichweite dieses Eingriffs – „eine massenhafte Vorratsdatensammlung“ – schlicht zu weit, und so hat er den Vorgang inzwischen dem Landesdatenschutzbeauftragten zur Kenntnis gebracht.

Dem laufenden Unternehmen liegt offenbar die letzte große Hoffnung zugrunde, auf methodischem Wege mit Hilfe neuer Technik zu einer neuen Spur zu kommen. Andere Möglichkeiten, wie etwa ein unter tausenden Männern gestarteter Massen-Gentest, sind ausgereizt – und keine der mehr als 10 000 Spuren, die von der Soko „Flagge“ im Laufe der zurückliegenden Jahre aufgenommen worden sind, hat das gehalten, was sie vielleicht einmal versprochen hat. So gibt es denn aktuell weiter keine greifbaren Ermittlungsansätze und nichts, was auf eine heiße Spur hindeutet, nicht einmal auf eine lauwarme.