Heidenheim / Erwin Bachmann Ein DNA-Abgleich ergab keinen Treffer, der Tatverdächtige aus Königsbronn ist wieder auf freiem Fuß - also insgesamt ein Misserfolg? Nicht aus Sicht der Polizei.

Die Enttäuschung bei den Ermittlern sitzt tief, denn die über Nacht entstandene Hoffnung, den Mordfall Maria Bögerl nach nunmehr fast sieben Jahren doch noch aufklären zu können, hat sich jäh verflüchtigt. Ein am Mittwochabend in Königsbronn festgenommener Mann musste am Donnerstagnachmittag wieder auf freien Fuß gesetzt werden, nachdem bereits am späten Vormittag feststand, dass sich der gegen ihn gerichtete Verdacht im Zuge einer DNA-Analyse nicht erhärten ließ.

Alles hatte auf einen Erfolg hingedeutet

Noch am Tag zuvor hatte alles darauf hingedeutet, dass endlich die lang ersehnte Bewegung in diesen spektakulären Kriminalfall kommt. Wobei der eigentliche Ausgangspunkt der vermeintlich heißen Spur schon deutlich länger zurückliegt, auf jenen Julitag des Jahres zu datieren ist, an dem sich der 47-Jährige durch eigenes, bis heute unverständliches Handeln in den Dunstkreis des dringenden Tatverdachts gebracht hatte und so in die Schusslinie der Ermittler geraten war.

Im nordrhein-westfälischen Hagen, wo er sich wegen einer medizinischen Behandlung aufhielt, hatte der betrunkene und verwahrlost daherkommende Mann auf offener Straße zwei junge Leute angesprochen und ihnen – so sagt die Polizei – erklärt, dass er aus Ochsenberg komme und er es gewesen sei, der Maria Bögerl im Mai 2010 erstochen habe.

Als Grund gab er in wirrer Sprache an, die Familie Bögerl gehasst zu haben, und ließ auch noch wissen, einst einen Speziallehrgang bei einer Bundeswehr-Kompanie für psychologische Verteidigung absolviert zu haben. All dies und noch mehr – darunter Sachverhalte, die so in der Öffentlichkeit nicht bekannt waren – ist zweifelsfrei gesichert, denn die beiden geistesgegenwärtig reagierenden Passanten hatten die Stimme des ihnen unbekannten Mannes mit dem Handy aufgenommen.

Fahndungsaufruf acht Monate später

Diese Dokumentation bildete mehr als acht Monate später die Grundlage für einen Fahndungsaufruf, mit dem das Bundeskriminalamt am Mittwochnachmittag an die Öffentlichkeit gegangen war.

Nur Stunden später wurde diese Fahndung auch über die ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ ausgestrahlt, die von 5,6 Millionen Zuschauern gesehen worden ist. Während und nach der Sendung meldeten sich über die Studio-Hotline rund 180 Anrufer, die der Polizei Informationen zum Fall Bögerl zukommen ließen. Um die 60 Zeugen gaben an, die Sprachaufzeichnung erkannt zu haben.

Schon zuvor hatten mehrere Zeugen aufgrund der Stimmaufnahme zweifelsfrei einen in Königsbronn wohnenden Mann identifiziert, auch wenn das veröffentlichte Phantombild kaum Ähnlichkeit mit dem Gesuchten aufwies. Er wird als einfach strukturiert und bisweilen verwirrt beschrieben, der des öfteren in einem Tarnanzug in den heimischen Wäldern herumstreift und selbst erfundene Wehrspiele absolviert. Im November vergangenen Jahres soll er sich in stationärer psychiatrischer Behandlung befunden haben.

Zugriff gelungen

Der Ansatz klang vielversprechend, sah offenbar ganz nach einer sensationellen Wende aus. „Nach unserer Einschätzung könnte dieser Unbekannte tatsächlich der Mörder von Maria Bögerl sein,“ hieß es in der TV-Sendung aus dem Munde von Kriminalhauptkommissar Michael Bauer, der nach der Auflösung der Soko „Flagge“ zusammen mit einem Sachbearbeiter als letzter verbliebener Spezialfahnder beim Polizeipräsidium Ulm am Fall Bögerl arbeitet.

Und auch der Zugriff gelang: Noch vor Mitternacht klickten die Handschellen, als der Gesuchte, der noch am Nachmittag desselben Tages in einem Lebensmittelladen in Königsbronn gesehen worden war, in seiner Wohnung festgenommen wurde.

Er ließ es geschehen, leistete keinen Widerstand und wurde nach Ulm in Polizeigewahrsam gebracht, wo er die ganze Nacht über vernommen wurde. Dabei räumte er ein, im Sommer letzten Jahres tatsächlich in Hagen gewesen zu sein, bestritt aber jede Beteiligung an der Entführung und Ermordung Maria Bögerls.

DNA-Test ist negativ

Entscheidende Bedeutung kam bei dieser Sachlage einer bei dem Mann erhobenen DNA-Probe zu, die am Donnerstagvormittag beim Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg analysiert und mit einer mutmaßlichen Täter-DNA abgeglichen wurde. Nur wenige Stunden später lag das ernüchternde Ergebnis dieser kriminaltechnischen Untersuchung auf dem Tisch: Die DNA des Mannes stimmt nicht mit dem vor sieben Jahren im Auto Maria Bögerls sichergestellten Erbgut überein.

Gegen 13 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt

„Der Tatverdacht gegen den festgenommenen Mann hat sich damit nicht erhärtet,“ hieß es in einer am frühen Nachmittag von der Staatsanwaltschaft Ellwangen und dem Polizeipräsidium Ulm formulierten Erklärung.

Schon kurze Zeit später wurde der von allen Vorwürfen entlastete Mann wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen 13 Uhr wurde der falsche Verdächtige von Ulm zurück nach Königsbronn gebracht – begleitet von acht Kripo-Beamten, die mit ihm in die Wohnung gingen und dort noch einmal nach Spuren suchten, um zu sehen, ob er nicht doch tatbeteiligt ist.

Das Ergebnis war auch hier negativ, wie Pressestaatsanwalt Armin Burger auf Anfrage mitteilte. Die Durchsuchung sei rasch beendet gewesen, habe keine Hinweise auf einen dringenden Verdacht ergeben. Einem Focus-Online-Reporter sagte der sichtlich erleichterte Königsbronner unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Polizeigewahrsam folgenden Satz ins Mikrofon: „Ich bin wieder frei, ich bin aus dem Schneider, das ist bewiesen.“

Fahndung erst acht Monate später: Warum?

Bleibt die Frage, warum sich die Ermittler erst nach acht Monaten entschieden haben, mit dieser vermeintlich heißen Spur an die Öffentlichkeit zu gehen. Erster Staatsanwalt Armin Burger erklärt in diesem Zusammenhang, dass man in all dieser Zeit keinesfalls untätig gewesen sei, sondern mit der Stimmenaufzeichnung und später auch mit dem Phantombild intensive Ermittlungen betrieben habe.

Unter anderem habe man Meldeämter abgegrast, umfangreiche Akten der Rentenversicherung durchforstet. Dies alles zunächst hinter den Kulissen, weil eine Öffentlichkeitsfahndung – das jüngste Geschehen unterstreicht dies – immer mit erheblichen Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte eines Verdächtigen verbunden sei.

Das habe man vermeiden wollen. Mit ein Grund für das zunächst interne Vorgehen könnte nach Informationen unserer Zeitung aber auch das Bestreben gewesen sein, mögliche Mittäter nicht aufzuschrecken und so einer Verdunkelungsgefahr entgegenzuwirken.

Und jetzt? „Wir ermitteln weiter,“ sagt Ulms Polizeipressesprecher Uwe Krause, der es auch als einen Erfolg sieht, dass man diese Spur jetzt abschließend klären konnte. Man bleibe dran, zumal man jetzt gesehen habe, dass das Interesse in der Bevölkerung an dem Fall nach wie vor groß sei.

Jetzt gehe es darum, auch andere Hinweise abzuarbeiten und auf ihre Relevanz hin zu prüfen, die im Zuge dieser Öffentlichkeitsfahndung eingegangen seien. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es auch weitere Ermittlungen im Umfeld des freigelassenen Mannes.

Diese Arbeit wird von der beim Polizeipräsidium Ulm eingerichteten Ermittlungsgruppe gemacht, die aktuell auf die frühere Soko-Stärke von 20 Mann hochgefahren worden ist und in dieser Struktur auch die nächsten Tage weitergeführt wird.

DNA-Test

Die DNA-Analyse ist zusammen mit dem Fingerabdruckverfahren (Daktyloskopie) ein zentrales Instrument zur Aufklärung von Straftaten. Die DNA ist der Träger der menschlichen Erbsubstanz. Geringste Spuren wie Hautschuppen, Haare, Sperma oder Speichelreste reichen aus, um die Identität eines Menschen nahezu sicher festzustellen.

Bei der DNA-Analyse wird die am Tatort gefundene Erbsubstanz mit der eines Verdächtigen verglichen. Mithilfe der Technik konnten auch schon lange zurückliegende Verbrechen aufgeklärt werden. Die Spuren dürfen aber nur im Hinblick auf das Geschlecht und zur Feststellung der Identität analysiert werden. Die Auswertung auf weitere Merkmale wie Augen-, Haar- oder Hautfarbe ist bislang verboten.

Beim Bundeskriminalamt wurde 1998 eine zentrale DNA-Analysedatei eingerichtet. Gespeichert sind darin Daten von Beschuldigten, verurteilten Straftätern und von am Tatort gesicherten Spuren. Sie hat nach Angaben des Bundesinnenministeriums bisher dazu beigetragen, rund 1360 Tötungsdelikte, 2370 Sexualstraftaten, 8200 Raub- oder Erpressungsfälle sowie mehr als 94.000 Diebstähle aufzuklären.