Heidenheim / Nadine Rau Mit einer Sportart, die in Deutschland unbekannt ist, in Teilen Asiens dafür zur Tradition gehört, will der HSB junge Flüchtlinge ins Vereinsleben einbinden.

Ein Ziel auf ehrliche Weise erreichen – das ist die Übersetzung des usbekischen Worts Kurash. Für den Leiter der Sambo-Abteilung des HSB, Eduard Marker, lautet das klare Ziel: Integration. Für die jungen Flüchtlinge lautet das klare Ziel: Den Gegner mit dem Rücken auf den Boden bringen, bevor man ihn selbst berührt. Dann hat man den Kampf nämlich verloren.

Seit Januar gehört der Ringsport Kurash beim HSB fest zum Programm. „Wir sind der erste Verein in Deutschland, der das anbietet“, ist Marker überzeugt. Unter dem Titel „Kurash macht Courage“ trainieren bislang zwölf Jugendliche, die größtenteils zwischen 15 und 25 Jahre alt sind, regelmäßig.

Mit im Boot hat Eduard Marker einen echten Profi auf dem Gebiet. Vladimir Lybko gehörte einst der sowjetischen Judo- und Sambo-Nationalmannschaft an, kämpfte später in der Judo-Bundesliga und ist einer der wenigen Kurash-Trainer, die es in Deutschland überhaupt gibt. Er wohnt zwar in der Nähe von München, kommt aber einmal pro Woche fürs Training nach Heidenheim.

Ein Film über den Ringsport

Möglich geworden ist Kurash vor allem durch die finanzielle Förderung des Sozialministeriums. Marker kann mit dem Geld den Trainer bezahlen, der sein Wissen Stück für Stück an die hiesigen Anleiter weitergibt. Außerdem kann er damit technische Geräte kaufen, denn nur mit der neuen Sportart allein ist es nicht getan.

Die Jugendlichen sollen nämlich einen Imagefilm konzipieren und drehen, der aus ihrer Sicht für die breite Öffentlichkeit gedacht ist. So will man die oft negative Meinung über Geflüchtete verändern.

Überdies braucht man das Geld auch für Kurash-Anzüge, die ähnlich wie Judo-Anzüge aussehen. „Die Jungs waren total begeistert, als ich ihnen die Anzüge gezeigt habe“, sagt Marker. Überhaupt könne man sie von dieser Art Sport total überzeugen, denn das Kräftemessen sei in deren Kulturen fest verankert. „Die Sieger werden in einigen Ländern wie Helden gefeiert“, sagt Marker, der selbst aus Kasachstan kommt. Sein Ansatz ist es, Schnittstellen zwischen der Tradition der Jungs und unserem Vereinsleben zu finden.

„Vor allem über Facebook funktioniert das sehr gut“, weiß der Sambo-Trainer. Dort gehen Bilder von Kämpfern in Kurash-Anzügen nur so durch die Decke und minderjährige Flüchtlinge aus aller Herren Länder stehen dadurch in Kontakt.

„Es macht sie stolz, im Internet solche Kämpfer aus ihrem Land zu sehen und dann selbst ,Kurash Heidenheim' auf dem Rücken zu tragen“, sagt Marker. Dieses Gefühl lasse sich gut nutzen, um die Jungs in die richtige Richtung zu lenken, sich hier zu engagieren und in die Gesellschaft einzubringen.

Kein Publikum in Deutschland

Vergleichbar ist Kurash in Usbekistan, was die Popularität angeht, mit Fußball in Deutschland. Bei einer Weltmeisterschaft, so Marker, schauen sich schon mal über 100 000 Zuschauer im Stadion die Kämpfe an. So viele Leute passen noch nicht einmal ins Berliner Olympiastadion.

Auch wenn die angehenden Kurash-Kämpfer hier kein großes Publikum haben, fehlt es trotzdem nicht an Emotionen. „Wir machen das manchmal auch spontan draußen“, so Marker. Wenn einmal einer angefangen habe, würde sich jeder mit dem anderen messen wollen. „Da könnte man meinen, der größte Wettkampf findet gerade statt.“ Fünf Minuten dauert ein regulärer Kurash-Kampf, und je nachdem, mit welchen Körperteilen man seinen Gegner auf den Boden bringt, gibt es unterschiedlich viele Punkte. Nur beim Rücken eben nicht – da ist Schluss.