Kreis Heidenheim / Laura Strahl Forscher haben zwei in den 60er- und 70er-Jahren in Steinheim entdeckte Skelette einer neuen Tierart zugewiesen – und nach Dieter Eisele benannt.

Vor gerade mal eineinhalb Monaten hat es die Gemeinde Steinheim mit der überraschenden Entdeckung eines Meteoritenfragments in die Schlagzeilen geschafft. Jetzt sorgen die archäologischen Funde aus dem Steinheimer Becken – wenigstens in Fachkreisen – für weiteren Gesprächsstoff. Und zwar mit dem Micromeryx? eiselei. Dem was? Gemeint ist damit eine freilich längst ausgestorbene rehkitzgroße Moschustierart aus der Zeit des Miozäns, die Forscher aus Basel und vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart jetzt erforscht haben.

Die beiden circa 14 Millionen Jahre alten Teilskelette, anhand derer sich die Unterschiede zur bisher bekannten Art namens Micromeryx flourensianus bestätigt haben, wurden bereits 1969 und 1971 von Dr. Elmar Heizmann bei archäologischen Grabungen gefunden – aber erst jetzt genauer unter die Lupe genommen. „Sie sind erstaunlich vollständig“, sagt Wirbeltierpaläontologin Dr. Manuela Aiglstorfer vom Stuttgarter Naturkundemuseum. Sie stammt ursprünglich aus dem Nördlinger Ries und hatte bereits beim Schreiben ihrer Doktorarbeit über fossile Wiederkäuer mit der archäologischen Vergangenheit Steinheims zu tun.

Seit Juli 2016 arbeitete sie nun erneut an der Aufarbeitung des vor Jahrzehnten im Meteorkrater freigelegten Materials. Und das mit Begeisterung: Mit zehn Teilskeletten habe man im dort das „reichste Material an fossilen Moschustieren“ gefunden, schwärmt Aiglstorfer. Neben Fundorten in Spanien, wo die fossile Ausbeute ähnlich gut war, gelte Steinheim in Fachkreisen als „sehr, sehr außergewöhnlich“, als sogenannte Schlüssel-Fundstelle.

Wieso „Vampirhirsch“?

Der Schlüssel zur jetzigen Entdeckung übrigens lag unter anderem in der Computertomographie. Wie Aiglstorfer berichtet, wurde mit Hilfe der radiologischen Untersuchungsmethode das Innenohr eines männlichen und weiblichen Skeletts erforscht. Dabei habe man Unterschiede zur bisherigen Art entdeckt. Weitere Abweichungen gebe es an Knochen- und Zahnbau sowie speziell am Schädel. Außerdem sei der Micromeryx? eiselei etwas größer gewesen als der Micromeryx flourensianus. Ansonsten waren sich die beiden Säbelzahnhirsch-Arten rein äußerlich aber sehr ähnlich, sahen – laienhaft ausgedrückt – aus wie Rehkitze. Die Männchen hatten zudem lange Eckzähne, um Weibchen zu beeindrucken. Der Spitzname „Vampirhirsch“ kommt also nicht von ungefähr.

Wer sich jetzt ein genaues Bild machen möchte, kann das jetzt im Meteorkratermuseum tun. Dort nämlich steht bereits seit vielen, vielen Jahren eine mit Fell präparierte Rekonstruktion eines Micromeryx flourensianus. Und mehr noch: Sogar ein gegossenes Skelettmodell der neuen Art ist schon seit Langem im Steinheimer Museum zu sehen. Ohne es zu wissen, haben die Museumsmacher ein Exemplar des Micromeryx? eiselei in einer Vitrine platziert.

Benannt nach Dieter Eisele

Besonders freuen dürfte das Steinheims Alt-Bürgermeister Dieter Eisele. Denn nach ihm wurde die neue Art benannt. Wie Paläontologin Aiglstorfer beschreibt, habe man bei der Namensgebung Bezug auf den Entdeckungsort nehmen wollen. Fündig geworden sei man schließlich in der Person Dieter Eiseles, der sich vor 40 Jahren sehr für die Einrichtung des Meteorkratermuseums eingesetzt und die archäologischen Grabungen unterstützt habe. „Ich war immer sehr interessiert an der Geschichte“, sagt Eisele, der nun für alle Zeiten in der Wissenschaft verewigt ist.

Im Steinheimer Rathaus zeigt man sich freilich ebenfalls hoch erfreut. Vor allem im Hinblick auf den im kommenden Jahr anstehenden 40. Geburtstag des Meteorkratermuseums: Geplant sind laut Bürgermeister Olaf Bernauer Führungen, Vorträge und Sonderausstellungen. Auch Repliken des Urpferds und von Mastodonten (ausgestorbenes Rüsseltier) will man zu diesem Anlass aus Stuttgart nach Steinheim holen.

Wer sich fragt, wofür das „?“ in Micromeryx? eiselei steht

Wie Dr. Aiglstorfer erklärt, deutet einiges darauf hin, dass es sich nicht nur um eine neue Art, sondern sogar um eine neue Gattung handelt. Bislang sind unter Wissenschaftlern drei Gattungen anerkannt: Moschus (seltene Exemplare leben noch heute in Asien), Micromeryx und Hispanomeryx. Jetzt sollen weitere Untersuchungen folgen, um festzustellen, ob „nur“ eine neue Art oder doch eine neue Gattung gefunden wurde. In letzterem Fall müsste man sich über die Namensgebung noch einmal Gedanken machen. So oder so – bis das Fragezeichen verschwindet, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern.