Mittags in den Heidenheimer Schloss-Arkaden. Vor der Heiß-Theke des Metzgers reiht sich die Kundschaft in einer Warteschlange auf. Neben den belegten Wecken gehen auch warme Mahlzeiten über den Tisch. Manche essen vor Ort, die meisten nehmen das Essen verpackt und zugeschweißt in Warmhaltebehältern aus Styropor mit an den Arbeitsplatz oder nach Hause. Dass es zu den Wegwerf-Behältern auch eine Mehrweg-Alternative gibt, darauf wird auf einem Schild an der Theke zwar hingewiesen, doch Gebrauch macht an diesem Mittag davon niemand.

Warum nicht? „Ich wusste gar nicht, dass es das gibt“, antwortet einer der Kunden. Und jetzt, da er es weiß, würde er es nächstes Mal nutzen? „Weiß nicht“, lautet die Antwort. Was er nach dem Essen mit dem Behälter macht? Der komme in den Gelben Sack.

Mehrweg ist für Kundschaft kostenlos

„Verkäufer und Kunden müssen sich erst an das neue Angebot gewöhnen“, sagt Stefanie Schundner von der Metzgerei Häußler. Schon bevor die neue Mehrweg-Angebotspflicht zum Jahresbeginn in Kraft trat, hatte die Metzgerei das System im Angebot. Genutzt hätten es bislang vielleicht fünf Menschen.

Aktiv beworben werde das System beim Verkauf nicht. Dazu hätten die Mitarbeiter angesichts des Andrangs mittags gar keine Zeit. Dabei wäre die Handhabung nach der ersten Nutzung ganz einfach und kostet der Kundschaft nichts, sofern sie den Behälter an einer der Rückgabestellen innerhalb von 14 Tagen wieder abliefert. Lediglich eine App muss vorher auf dem Mobilgerät installiert sein, anhand dieser das Mehrweg-Geschirr ein- und ausgecheckt wird.

Welche Mehrweg-System die meisten Gastronomen nutzen

Entschieden hat sich die Metzgerei allerdings für ein System, das die Mehrheit der Heidenheimer Gastronomie nicht nutzt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Mehrweg-behälter nicht dort abgegeben werden müssen, wo sie befüllt wurden, sondern alle Betriebe Annahmestellen sind, die das System nutzen. Für Häußler sei ausschlaggebend gewesen, dass im Ulm, wo ebenfalls Filialen betrieben werden, mehrheitlich dieses System genutzt werde, zudem seien die Behälter aus Glas.

In Heidenheim hat sich die Mehrheit laut Angaben von Martin Bosch, Betreiber des Hotel-Restaurants Linde und Vertreter des Heidenheimer Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, für das System Vytal entschieden, das ähnlich funktioniert. „Die Welt ist bunt, deshalb hat die Dehoga-Kreisstelle keine Vorgabe gemacht. Bei der Hauptversammlung haben wir darüber gesprochen, wer was anbieten will und welche Erfahrungen schon gemacht wurden.“

Jetzt haben die Kunden die Wahl: Wegwerf-Geschirr oder Mehrweg?

Vorreiterin war Ellen Klaiber vom Gasthaus Wacholder, Kollegen aus der Branche gefiel es und stiegen ein. „Es sollte einfach und durchschaubar sein.“ Bosch erzählt, dass bereits die Hälfte seiner Gäste auf das Vytal-System zurückgreife. Ein Vorteil sei, dass es dem Gast nichts koste. Erst wenn die Rückgabefrist verpasst worden sei, würden zehn Euro beim Gast abgebucht.

Pommes in der Einweg-Plastikbox: dazu muss es ab sofort eine Mehrweg-Alternative geben.
Pommes in der Einweg-Plastikbox: dazu muss es ab sofort eine Mehrweg-Alternative geben.
© Foto: nicoletaionescu, stock.adobe.com

Voll hinter dem Mehrweg-System steht auch Manfred Laun vom Stattgarten. „Uns war schon lange klar, dass wir etwas für die Nachhaltigkeit tun wollen und haben mehrere Systeme ausprobiert.“ Vytal habe ihn überzeugt. Unter anderem auch deshalb, weil das System auch ohne App genutzt werden könne. Dann gibt es Pfandkarten. Genutzt würden die Behälter bislang erst von wenigen Gästen. Einige scheuten sich davor, ihre Daten in der App zu hinterlegen. Entmutigen lässt sich Laun nicht von solchen Vorbehalten. Das werde sein wie beim Rauchen einst: „Früher konnte man sich nicht vorstellen, dass die Gäste zum Rauchen nach draußen gehen. Heute ist es normal.“

Diese Gastro-Betriebe nutzen das gleiche Mehrweg-System

Acht Akzeptanzstellen gibt es derzeit im Landkreis Heidenheim für das System. „Es wäre schön, wenn es noch mehr werden“, sagt Laun. Mit dabei sind neben Stattgarten, Wacholder und Hotel-Restaurant Linde auch das Hotel Hirsch, in Giengen die BSH-Betriebsgastronomie, die Pizzeria Sud Italia, Widmanns Albleben in Zang, Pacos Speisewerkstatt in Dettingen. Weitere Stellen finden sich in Aalen, Dillingen und Ulm.

Noch große Lücken im Mehrweg-Angebot

Einsteigen könnten durchaus noch einige Lokale und Fastfood-Anbieter. Bei der Nachfrage nach Mehrweg-Geschirr in einigen Lokalen vor allem mit asiatischer und türkischer Küche in der Heidenheimer Innenstadt zeigen sich noch Lücken. Mehrweg? Dazu nur ein freundliches Kopfschütteln. Einige reagieren verwundert beim Hinweis auf die Verordnung und erzählen, dass sie davon noch nichts gehört hätten.

Umdenken ist angesagt

Dazu kann Bärbel Hörger vom Kreisabfallwirtschaftsbetrieb nur den Kopf schütteln: „Ein Geschäftsbetreiber hat eine gewisse Verantwortung und kann nicht erwarten, dass ihm automatisch alles zugetragen wird.“ Bei Neueröffnungen biete der Kreisabfallwirtschaftsbetrieb eine Beratung an. Gerade mal zehn Prozent meldeten sich zurück. Wenn vermehrt Fehlwürfe im Müll auffielen, auch dann kämen Berater auf die Firmen zu. „Ich glaube nicht, dass die Leute nichts davon wissen, denn dass wir ein Problem mit Kunststoff haben, ist bekannt.“ Doch nicht nur die nachlässigen Gastro-Betriebe, auch die Kundinnen und Kunden seien nun gefordert: „Wir können nicht sagen, dass wir Ressourcen sparen müssen und im Alltag dann weitermachen wie bisher. Wenn wir was ändern wollen, müssen wir jetzt anfangen“, appelliert Hörger.

Bärbel Hörger vom Kreisabfallwirtschaftsbetrieb Heidenheim
Bärbel Hörger vom Kreisabfallwirtschaftsbetrieb Heidenheim
© Foto: Christian Thumm

Bäckerei Gnaier setzt auf eigenes Mehrweg-System

Angefangen hat man zum Beispiel auch bei der Bäckerei Gnaier. Denn anders als beim To-Go-Geschirr, wo die Verordnung auf Plastik abzielt, muss beim To-Go-Becher immer eine Alternative angeboten werden, auch bei Papierbechern. Allerdings hat sich der Heidenheimer Bäcker aus Kostengründen für ein eigenes System entschieden. Bestellt sind die Becher laut Auskunft Verwaltungsleiter Dario Acri schon lange, doch habe sich die Lieferung verzögert. „Sobald sie da sind, legen wir los.“ Bestellt man dann bei Gnaier ein Heißgetränk zum Mitnehmen, kann man für 50 Cent einen Becher dazu kaufen und diesen beim nächsten Mal eintauschen und erneut befüllen lassen. Dass die Mehrheit der Kunden darauf anspringt, bezweifelt Acri allerdings. Denn schon jetzt könne man seinen eigenen Becher mitbringen, was jedoch die wenigsten tun. „Es muss auch ein Umdenken beim Verbraucher stattfinden.“

Die Heidenheimer Bäckerei Gnaier bietet alternativ zum Einwegbecher künftig ein eigenes Mehrweg-System an.
Die Heidenheimer Bäckerei Gnaier bietet alternativ zum Einwegbecher künftig ein eigenes Mehrweg-System an.
© Foto: Lukasz Burchardt

Die rechtliche Lage seit diesem Jahr

Restaurants, Bistros und Cafés, die Essen für unterwegs verkaufen, sind seit 2023 verpflichtet, ihre Produkte sowohl in Einweg- als auch in Mehrwegverpackungen anzubieten. Die Mehrwegvariante darf nicht teurer sein als das Produkt in der Einwegverpackung. Laut Bundesumweltministerium richtet sich die neue Mehrwegangebotspflicht aus dem Verpackungsgesetz an alle „Letztvertreibenden", die Lebensmittelverpackungen aus Einwegkunststoff sowie Einwegbecher, unabhängig von deren Material, in Verkehr bringen. Letztvertreibende sind die, die mit Essen oder Getränken zum Mitnehmen an Verbraucherinnen und Verbraucher verkaufen, also in der Regel Gastronomiebetriebe, aber auch Kantinen, Tankstellen und Cateringbetriebe.

Von der Pflicht ausgenommen sind kleinere Geschäfte wie Imbisse, Spätkauf-Läden und Kioske, in denen insgesamt fünf Beschäftigte oder weniger arbeiten und die eine Ladenfläche von nicht mehr als 80 Quadratmetern haben. Diese Betriebe müssen jedoch ihren Kundinnen und Kunden ermöglichen, deren eigene, mitgebrachte Mehrwegbehältnisse befüllen zu lassen.

Verstöße gegen die Mehrwegpflicht können mit einem Bußgeld von bis zu 10.000 Euro geahndet werden. Eine Überprüfung obliegt der unteren Abfallbehörde beim Landratsamt.