Schweigen, schreien, ignorieren – sind sich zwei nicht „grün“, kann sich das auf vielerlei Art äußern. Wie lässt sich solch eine verfahrene Situation bereinigen? Ein Gespräch mit dem Klärungshelfer Jürgen Brandt aus Heidenheim.

Herr Brandt, haben Sie ein Patentrezept auf Lager, wie sich Unstimmigkeiten zwischen Menschen aus dem Weg räumen lassen?

Dafür gibt es kein Rezept. Ein solches würde bedeuten, andere manipulieren zu können. Mit Manipulation werden Differenzen aber niemals ausgeräumt, sondern eher verstärkt. Grundsätzlich ist eine Verständigung nur möglich, wenn man beachtet, dass jeder Mensch seine ureigene, ihm nicht zu nehmende Würde hat.

Wenn ein Zerwürfnis aus der Welt geschafft werden soll, tun sich viele schwer mit dem ersten Schritt, weil sie darin ein Zeichen der Schwäche sehen. Ist das wirklich so?

Sobald Menschen ein Hindernis wahrnehmen und sich zutrauen, es anzusprechen, ist das ein Zeichen dafür, dass sie stark genug sind, sich damit auseinanderzusetzen. Probleme anzugehen ist immer ein Ausdruck von Stärke, nie von Schwäche. Dabei sollte man sich lösen von dem, was andere angeblich für Stärke oder Schwäche halten.

Es kann sein, dass man sich innerlich nicht so stabil fühlt. Dann sollte man sich selber Zeit geben oder sich eine Unterstützung suchen.

Mancher Dissens lässt sich bei etwas gutem Willen sicher ohne fremde Hilfe beseitigen. Aber wann ist die Unterstützung durch einen Mediator angeraten?

Wichtige Zutaten eines echten Dialogs sind Offenheit, Augenhöhe, Interesse, Empathie, Respekt und Wertschätzung. Es ist meiner Meinung nach ratsam, einen unabhängigen Dritten dazu zu holen, wenn der Respekt und die Augenhöhe verloren gegangen sind. Augenhöhe gibt es auch innerhalb von hierarchischen Rangordnungen. Die Personen und ihre Rollen dürfen nicht durcheinandergebracht werden.

Was sollten die Beteiligten auf jeden Fall beherzigen?

Wir werden Differenzen nur auflösen, wenn wir uns zuvor bemüht haben, den anderen zu verstehen. Also nach seinen Bedürfnissen, Sorgen und Interessen zu fragen und zu versuchen, diese nachzuvollziehen. Jemanden zu verstehen bedeutet aber nicht automatisch, Verständnis für ihn zu haben.

Gibt es auf der anderen Seite etwas, das eine Verständigung von vornherein ausschließt?

Es gibt zwei goldene Regeln. Erstens: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Zweitens: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Die Vorbereitung beginnt also mit einem Nachdenken über sich selber und mit einer Reihe von Fragen: Wie möchte ich, dass mit mir umgegangen wird? Warum will ich eine bestehende Differenz ausräumen? Was ist mein tieferes Motiv? Welchen Anteil habe ich an dem Problem? Bin ich bereit, meine Verantwortung für mich zu übernehmen?

Der einzige Mensch, den ich beeinflussen kann, bin ich selber. Deshalb muss ich bei mir beginnen. Den anderen habe ich zunächst einmal zu nehmen, wie er ist.

Wie werde ich ihm gerecht?

Ich sollte mich fragen, welches Bild ich von ihm habe, und wie ich seine Würde achten kann. Dazu muss ich die Fähigkeit zu einem Wechsel der Perspektive mitbringen: Ist aus meiner Sicht nachvollziehbar, weshalb er sich gerade so und nicht anders verhält? Kann ich mich zumindest ein wenig in ihn hineinversetzen?

Man darf außerdem nicht gleich Wunden aufreißen, sonst wird er sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht öffnen. Und man kann auch niemandem sein eigenes Weltbild überstülpen. Die Welt ist halt nicht nur so, wie du selbst sie siehst. Was für dich eine Bagatelle darstellt, erscheint anderen möglicherweise wie eine Katastrophe.

Wir alle kennen das: Im Bemühen, das Richtige zu tun, verrennen wir uns bisweilen und landen in einer Sackgasse. Oder in einem noch tieferen Zerwürfnis, weil wir die falschen Worte gewählt haben. Ist es irgendwann zu spät für einen erneuten Anlauf?

Solange Menschen leben, gibt es grundsätzlich die Möglichkeit, eine Verständigung anzugehen. Unter Umständen kann das ein sehr langer Weg sein. Man sollte auch eines bedenken: Nicht jeder Konflikt muss gelöst werden.

Manchmal geht es auch nicht, denn du kannst bildlich gesprochen nicht Ufer und Brücke zugleich sein. Und eine Brücke kann man nur gemeinsam bauen.

Klärung heißt folglich nicht zwangsläufig Harmonie. Sie kann auch Uneinigkeit oder Trennung bedeuten. In diesem Fall muss man sich fragen, wie man mit der Klarheit über die Situation umgeht.

Wo es Streit gibt, sind meist verletzte Gefühle im Spiel. Wie schafft man es, zu den Fakten zurückzukehren?

Man kommt nie zu den Fakten zurück, ohne sich zuvor Gefühle anzusehen und sie zu benennen. Es hat ja, wie richtig angemerkt, eine Verletzung stattgefunden, und die findet immer auf der Gefühlsebene statt. Deshalb ist es auch eine reine Killerphrase, zu sagen: Lass uns mal sachlich bleiben.

Ich komme noch einmal auf die bereits angesprochene Bereitschaft zurück, jemanden zu verstehen. Haben Menschen gegenseitig ihre Menschlichkeit erkannt, auf der Ebene der Empfindungen, ist ein wichtiger Schritt getan. Auf dieser Basis kann man in Vorleistung treten und sich öffnen. Natürlich ist damit das Risiko verbunden, dass man erst recht wieder verletzt wird. Aber man muss es ein Stück weit riskieren, sich quasi „nackt“ zu machen.

Wer streitet, lässt sich leicht zu einer Provokation verleiten …

… und die ist grundsätzlich auch nichts Negatives. Es kommt eher darauf an, was durch die Provokation ausgedrückt werden soll. Wut ist das Gefühl, dass man etwas ändern möchte. Aggressionen deuten darauf hin, dass man eine Grenze verteidigen will.

Teilen Sie den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft heute häufiger und unnachgiebiger gestritten wird als noch vor ein paar Jahren?

Wir haben in Deutschland eine katastrophale Streitkultur. Es wird fast nur um des Rechthabens willen gestritten. Das bekommen wir jeden Tag vorgelebt. Übrigens auch in den Medien.

Nehmen wir zum Beispiel Talkshows. Die Teilnehmer geben dort doch nur Statements ab, aber sie reden nicht miteinander. Es findet keine themenbezogene Auseinandersetzung statt. Das Zuhören spielt keine Rolle.

Diesen Vorwurf muss sich die Ampel-Koalition in Berlin auch regelmäßig gefallen lassen.

Stimmt. Aber wir haben die drei Partner ja gerade gewählt, damit sie sich auseinandersetzen. Denn konstruktiver Streit, der sich an der Sache orientiert, ist wichtig.

Spielt bei der ausgeprägten Streitlust vielleicht eine Rolle, dass die meisten eine Rechtsschutzversicherung haben?

Darum geht es sicher nicht in erster Linie, aber an dem Gedanken ist schon was dran. Möglicherweise gehen wir tatsächlich zu früh zum Rechtsanwalt. In unserer Kultur gibt es einen zentralen Gedanken: Ich habe recht. Dabei übersieht man nur zu gerne, dass der andere aus seiner Warte auch recht hat.

Außerdem scheuen wir die unangenehmen Gefühle, um Sachen selber auszutragen. Dahinter steckt auch die Angst vor der Reaktion des anderen. Wir wenden uns deshalb an einen Anwalt. Am Ende trifft dann das Gericht eine Entscheidung, und wir haben keine Verantwortung dafür zu übernehmen, obwohl wir tief enttäuscht zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Gericht eine ganz andere Entscheidung getroffen hat.

Die Konfliktlösung ist ja praktisch Ihr Geschäftsmodell. Können Sie verstehen, dass ein Betroffener, der weniger professionell an die Sache herangeht, schnell aufgibt, weil er keinen Erfolg sieht?

Lassen Sie es mich so sagen: Differenzen haben immer etwas mit unangenehmen Gefühlen zu tun. Es ist schon nachvollziehbar, wenn jemand davor zurückscheut. So wie bei der heißen Herdplatte, nachdem er sich einmal die Finger verbrannt hat.

Oft ist man auch innerlich nicht in der Verfassung, einen Konflikt anzugehen. Das sollte man sich dann auch zugestehen. Dabei geht es nicht um eine Schwäche, sondern um eine Fürsorge für sich selber.

Welche Vorsätze haben Sie für 2023?

Ich will noch stärker tun, was meine Passion ist: die Verständigung zwischen Menschen fördern.

Im neunten Teil der Serie geht es darum, wie man eine Sucht in den Griff bekommt.

Wirtschaftsmediator und Klärungshelfer


Jürgen Brandt arbeitet als Wirtschaftsmediator, Klärungshelfer und Dozent für Produktentwicklung. Ehrenamtlich ist er unter anderem in der Notfallseelsorge tätig. „Ich habe also auch mit den Grenzbereichen des Lebens zu tun“, sagt der 63-Jährige, „und stelle mich den Menschen, wie sie sind.“