Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk Laut des Auto Clubs Europa flattert derzeit eine wahre Flut von Mahnschreiben in deutsche Briefkästen. Auch Familie Roth-Schuck hat es erwischt. Die Familie soll 2011 die Mautgebühr nicht entrichtet haben - doch das stimmt so nicht. Ein Problem, das viele Reisende schon betroffen hat.

Kythira, eine kleine griechische Insel zwischen der Südspitze der Peloponnes und Kreta, ist das Sehnsuchtsziel der Familie Roth-Schuck. Seit Jahren verbringt sie dort ihren Urlaub. Um die Reise für den Hund erträglicher zu machen, wird nicht geflogen, sondern mit dem Camper gefahren. Nach den Kriegsjahren im ehemaligen Jugoslawien hat sich die Italien-Strecke entlang der Ostküste zur bevorzugten Reiseroute entwickelt. Dabei fallen natürlich Mautgebühren an, die man stets ordnungsgemäß entrichtet. Renate Roth-Schuck kann das sogar beweisen, denn die meisten Kassenbelege werden aufgehoben und nach dem Urlaub mit ins Fotoalbum geklebt.

Vor rund zwei Wochen staunte man deshalb nicht schlecht über einen Brief des italienischen Inkassobüros Nivi Credit. Der Vorwurf: Man habe im September 2011 eine Mautgebühr in Höhe von 1,90 Euro nicht bezahlt. Inklusive Nachforderungen und Bearbeitungsgebühr solle man nun 12,06 Euro innerhalb von 30 Tagen überweisen.

Eine neue Variante der Abzocke?

Um das zu überprüfen, genügte ein Blick ins Urlaubstagebuch: „Wir haben an besagtem Tag um 21 Uhr die Mautstelle bei Como passiert“, sagt Renate Roth-Schuck. „Ich habe auch gleich den Kassenbeleg dazu gefunden. Vermutlich handelt es sich um eine neue Variante der Abzocke von Urlaubern, die an der Mautstelle die Gebühr in bar bezahlen, denn die meisten Urlauber werfen diese Belege spätestens nach dem Urlaub weg und haben keinen Beweis mehr, dass die Gebühr ordnungsgemäß bezahlt wurde.“

Beweisen lässt sich diese Vermutung natürlich nicht, aber der ACE Auto Club Europa bestätigt, dass in den vergangenen Wochen eine wahre Flut von Mahnschreiben des italienischen Inkassounternehmens Nivi Credit in deutschen Briefkästen gelandet ist. Betroffen seien vor allem deutsche Italien-Urlauber, die in den vergangenen Jahren im eigenen Auto unterwegs waren und dabei vielleicht Probleme mit der Mautzahlung gehabt hätten.

Die ACE Juristen raten: Wer – etwa nach Überprüfung seiner alten Kreditkartenabrechnungen – sicher sei, dass die Maut damals nicht bezahlt wurde, sollte sie nachentrichten, jedoch ohne die zusätzlichen Mahngebühren. Sind noch Quittungen und Belege vorhanden, sollten diese an Nivi Credit geschickt werden – mit dem Verweis, dass kein Rückstand bestehe. In allen anderen Fällen müsse der Betroffene selbst entscheiden, ob er die Beträge (ohne Mahngebühren) nachentrichte oder ob er es auf einen Rechtsstreit ankommen lasse. Wer nicht bezahlt, gehe nur ein geringes Risiko ein. Da es sich um ein Nutzungsentgelt handle, müsse Nivi Credit das zuständige deutsche Gericht bemühen und einen Prozess anstrengen.

Auch der Adac beschäftigt sich mit dem Thema

Auch in der Juni-Ausgabe der ADAC-Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ ist die Rede vom Inkassobüro Nivi Credit. Im besagten Artikel heißt es, dass Nivi Credit derzeit Mahnungen an Italien-Reisende aus Deutschland schicke, die zwischen 2009 und 2011 ihre Mautgebühren nicht korrekt entrichteten. Der häufigste Fehler: Autofahrer nähmen unbeschrankte Telepass-Spuren durch die Mautstationen, ohne für dieses System angemeldet zu sein. Gelegentlich schlage auch die Bezahlung mit Kreditkarte fehl.

Das Inkassobüro berechne dann die längste theoretisch zurückgelegte Strecke – so kämen schnell Gebühren von mehr als 100 Euro zusammen. Aber: Wer mit Tankbelegen oder Kreditkartenabrechnungen nachweise, dass er eine kürzere Strecke auf der Autobahn zurückgelegt hat, könne auf eine Ermäßigung hoffen. Die Empfehlung der ADAC-Juristen: „Im Zweifelsfall immer Einspruch einlegen.“

Familie Roth-Schuck hat sich per E-Mail an das Inkassobüro gewandt und ihnen den Beleg über die geleisteten Mautgebühren zukommen lassen. Bisher gab es keine Reaktion aus Italien. Renate Roth-Schuck: „Für Urlauber ist es auf jeden Fall wichtig, alle Zahlungsbelege über mehrere Jahre hinweg aufzuheben.“