Heidenheim / Manfred F. Kubiak In einer Woche geht die Spielzeit 2015 der Heidenheimer Opernfestspiele zu Ende. Vor Torschluss hat sich Manfred F. Kubiak mit dem Festspieldirektor Marcus Bosch unterhalten.

Wie jedes Jahr zuerst: das Wetter. Welche Note würden Sie dem diesmal geben?

Eins plus.

Dennoch waren, wie im Vorjahr, nicht alle Opernvorstellungen ausverkauft. In einer Stadt, die, wie Sie 2014 konstatierten, ihre Festspiele lebt, müsste es doch möglich sein, neun Vorstellung mit jeweils 860 Besuchern voll zu kriegen. Warum klappt das nicht?

Mal vorne weg: Das war ja in den Jahren zuvor durchaus auch anders, wir lagen schon bei hundert Prozent Auslastung. Aber in der Tat: Opern wie der „Bajazzo“, die „Cavalleria rusticana“ oder auch „Macbeth“ sind nicht die bekanntesten, was sich dann erst mal auf den Vorverkauf auswirkt. Und viele denken ja umgekehrt, wir wären ausverkauft. Hinzu kommt, aber das werden Sie von allen Theatern dieser Welt hören, dass Kaufentscheidungen immer kurzfristiger getroffen werden . . .

Lief deshalb der Vorverkauf für „Macbeth“ zunächst sogar schlechter als für die vergangene Jubiläumsspielzeit?

Ja, die Leute haben offenbar erst einmal abgewartet. Und nach der Premiere und nachdem die Kritiken heraus waren, hat der Verkauf dann deutlich angezogen. Ich bin sehr gespannt, was sich bei den letzten Vorstellungen noch tut. Es gibt noch Karten, aber auch nicht mehr unendlich viele, denn inzwischen steuern wir insgesamt auf eine Auslastung zu, die wohl näher an den 100 Prozent liegen wird als an 90. Und mit allem, was bei „Macbeth“ über 90 Prozent hinausgehen wird, bin ich hochzufrieden.

Aber 2016 gehen Sie mit der „Boheme“ auf Nummer-sicher.

Ja und nein, denn wenn man die Programm-Philosophie, Blockbuster im Wechsel mit für Heidenheim neuen Titeln anzubieten, beim Wort nimmt, dann erfüllt die „Boheme“ hier einfach alle Kriterien. Denn diese Oper ist sowohl ein Blockbuster als auch ein Stück, das, obwohl man dies, zumal be einem Sommerfestival, kaum glauben mag, tatsächlich in 51 Jahren hier nie auf dem Programm gestanden hat. Insofern war sie jetzt einfach mal dran.

Und hat den Vorteil, dass sie jeder kennt.

Meinetwegen – aber ich möchte dem Heidenheimer Publikum jetzt mal ein großes Kompliment auszusprechen. Schauen Sie sich unser Galakonzert dieses Jahr an. Es war ausverkauft und wurde gefeiert, obwohl vermeintlich schwieriger Schostakowitsch auf dem Programm stand. Vor fünf Jahren wäre so etwas schlicht unmöglich gewesen. Es ist also inzwischen durchaus große Neugier auf Neues da, und in Sachen Oper sehe ich uns ebenfalls auf einem guten Weg. Wir werben sehr, mit allen Mitteln und, wie ich meine, immer erfolgreicher um das Vertrauen unseres Publikums. Und wir werden das weiter tun, solange wir Festspiele machen.

In der Tat ist auffällig, dass die Konzerte, die in früheren Jahren die Besucherstatistik eher nach unten gezogen haben, zuletzt von der Auslastung her sogar vor der Oper lagen . . .

. . . wofür es eine ganz einfache Erklärung gibt: die Qualität. Die Kasarova war dieses Jahr da, Pieter Wispelwey, „Al Ayre Espanol“, 2016 kommt das „Schumann-Quartett“ . . . Die Qualität der Orchester, die hier mittlerweile spielen, die kann sich, glaube ich, wirklich sehen lassen. . . . Das kann sich, glaube ich, schon sehen lassen.

Wie lief aus Ihrer Sicht der „Macbeth“?

Ich bin vor allem froh darüber, dass die Inszenierung mit dem Thema Gewalt so gut umgegangen ist . . .

Ach, kommen Sie, wovon reden wir denn da. Im Vergleich zu dem, was sich das Publikum sonst von morgens bis abends in Action-Filmen oder im „Tatort“ gönnt, ist Verdi doch glatt Kinderprogramm.

Ich weiß nicht, ob Opernpublikum Action-Filme anschaut.

Ich schon.

Ich nicht.

Nicht mal, wenn Bruce Willis mitspielt und auch Ironie und Selbstironie kein Tabu sind?

Nicht mal dann. Aber ich weiß schon, auf was Sie hinauswollen. Und „Tatort“ schaut wirklich jeder. Allerdings darf man nicht vergessen, dass der innere Abstand zur Mattscheibe viel größer ist als in der Oper zu den Personen auf der Bühne. Sonst wäre das Faszinosum Theater auch viel geringer . . .

. . . dann hat unsere Gesellschaft inzwischen den Blick für die Realitäten verloren . . .

Genau das. Nehmen sie Computerspiele. Was da in der Breite gespielt wird, da verliert man ja, aus meinem Blickwinkel betrachtet, den Glauben an die Zivilisation. Auf der anderen Seite darf man aber auch mal positiv sehen, dass Theater, dass die Oper ein so hohes Maß an Identifikation einfordert und dass die unmittelbare Sprache hier so hoch ist, dass Gewalt vom Publikum plötzlich mit ganz anderen Maßstäben gemessen und mit ganz anderen Augen betrachtet wird. Und speziell an „Macbeth“ ist dann auch noch, dass es keine Liebesgeschichte ist – zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Wahrscheinlich ist deshalb die Wahrnehmung so auf die Gewalt fixiert. In „Tosca“ gibt es auch nicht weniger Leichen, aber das wird halt als Liebesgeschichte gesehen.

Dann bin ich jetzt mal gespannt, wie Sie den „Macbeth“ künstlerisch bewerten.

Ich empfinde ihn als künstlerisch gelungen, wobei ich, wie immer, sehr kritisch mit meiner eigenen Leistung bin und mich deshalb umso mehr über tolle bis enthusiastische Kritiken freue. Hermann Schneider hat als Regisseur die Geschichte mit sehr vielen Denkanstößen versehen und dabei den Hintergrund, wie Gewalt entstehen kann, stärker herausgearbeitet als die Gewalt an sich. Wie von mir erwartet, ist der Chor sensationell. Er hat sich über das Musikalische hinaus auch szenisch toll eingebracht, mit einer großen inneren Beteiligung. Ein besseres Ensemble für den „Macbeth“ kann ich mir auch nicht vorstellen. Insofern war und ist die Arbeit sehr glückhaft.

Glücklich gemacht haben muss Sie auch die Tatsache, dass der Gönnerclub „100 OH!s“ dieses Jahr seine schon in Namen formulierte, angestrebte Soll stärke erreicht hat.

In der Tat. Und es macht mich noch glücklicher, dass nicht davon auszugehen war, dass der Club in so kurzer Zeit schon komplett sein würde.

Was muss man leisten, um Clubmitglied zu werden und zu bleiben?

Jedes Mitglied muss pro Saison mindestens 1000 Euro für die Oper mitbringen. Und der Club bleibt in dieser Größe exklusiv. Das nächste Projekt in dieser Hinsicht ist ein Club zur Unterstützung der „Cappella Aquileia“, die „55 Aquileias“, von denen jeder 555 Euro mitbringen muss. Drei Mitglieder haben wir schon.

Das wäre dann doch vielleicht auch etwas für Felix Magath, der, für viele überraschend, bei der Premiere zugegen war. Ist er auch schon Mitglied in einem Festspielunterstützerclub? Bei dem Geld, das im Fußball verdient wird, könnte man für ihn ja glatt einen eigenen kreieren . . .

(lacht) Nein, Felix Magath, der übrigens ein sehr an Kultur interessierter Mensch ist, ist bei uns noch keinem Club beigetreten.

Hat ihm der „Macbeth“ denn gefallen?

Ja, sehr. Und er hat übermitteln lassen, dass der den Opernfestspielen in Heidenheim Champions-League-Niveau attestiert.

Sie wollen ja bekanntlich jedes Jahr noch einen weiteren Schritt nach vorn tun in der Qualitätsentwicklung der Festspiele. Heuer war die Verpflichtung des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn ein in der Tat richtig großer Schritt. 2016 gibt's dann die zweite Opernschiene.

Da hat der Gemeinderat ja vorgestern die Weichen gestellt, und, die Junge Oper mit eingerechnet, ist das dann schon die dritte Schiene. Wir haben vor, zunächst zweimal pro Saison und neben der Neuinszenierung im Rittersaal eine minimalistisch inszenierte Verdi-Oper anzubieten; nächstes Jahr „Oberto“. Das Ziel ist, diese Produktionen auch nach außerhalb zu verkaufen und mit anderen Festivals zu kooperieren. Das bedeutet auch, dass selbstverständlich die „Cappella Aquileia“ als Botschafterin Heidenheims dieses Produktionen spielen wird. Und unser Verdi-Klang, unter anderem mit italienischen Ventilposaunen, soll dann auch überraschen.

Motto „Wie es Verdi hätte hören wollen“, in Richtung historische Aufführungspraxis?

Historisch nicht uninformiert sind wir ja alle, deshalb kann ich mit dem Begriff „historische Aufführungspraxis“ inzwischen auch wenig anfangen. Ich will nicht vergeblich nach einem Begriff oder einer Schublade suchen für das, was wir hier vorhaben. Das ist ja genau der Reiz: eine, ich nenne das jetzt mal tagesaktuelle Auseinandersetzung mit den historischen Kenntnissen, die einem zur Verfügung stehen. Die Theorie muss mit Lebendigkeit einhergehen. Wir müssen alles wissen, und dann müssen wir in erster Linie Musik machen . . .

Ein Wort noch zur Jungen Oper, bitte.

Das lief alles noch besser als im vergangenen Jahr. Aylin Kaip, ein Eigengewächs der Festspiele, wenn man so will, hat mich mit ihrem Bühnenbild erneut vollkommen überzeugt. Und dann hat es Martin Philipp, der immer bis zur letzten Sekunde der Generalprobe als Regisseur alles gibt, wieder mal geschafft, dass das Ergebnis sagenhaft war. Ich hoffe, dass ich ihn auch in Zukunft so oft wie möglich nach Heidenheim holen kann. Es sind ja nicht nur Kinder gekommen, sondern gezielt auch Erwachsene, weil sich herumgesprochen hat, dass man so wie dort im Zelt der Jungen Oper wie sonst kaum anderswo die unmittelbare Kraft des Theaters spüren kann. Da geht mir das Herz auf, ich bin ganz verliebt in unsere Kinderoper.

Ihr Saison-Fazit, wenn möglich, bitte, nur in einem Satz.

Bester Chor, beste Sänger, bestes Wetter.