Die Ausführungen im oben bezeichneten Leserbrief, noch dazu von einem Arzt, kann man angesichts der aktuellen Pandemielage nur mit Kopfschütteln und ungläubigem Erstaunen zur Kenntnis nehmen. In allen Kliniken machen die Ungeimpften einen Anteil von mindestens zwei Dritteln, teilweise rund  90 Prozent aus, - ein klarer Beweis, dass das die Infektionslage  und v.a. die Hospitalisierung eben nicht von Geimpften und Ungeimpften in vergleichbarem Umfang beeinflusst werden. Angesichts der Verzweiflung und Überlastung des Pflegepersonals, der Verschiebung notwendiger Operationen wie im eigenen Familienbereich selbst erlebt, fehlenden Intensivbetten für anderweitig Schwerkranke und mancherorts beginnenden Triage-Vorbereitungen von „Angstpropaganda und Dauergetöse“ zu reden, ist mehr als zynisch und dürften Betroffene und Pflegekräfte als schallende Ohrfeige empfinden. Das zumindest indirekte Plädoyer gegen Beschränkungen für Ungeimpfte und Impfgegner, gegen 2G-Regeln usw. stellt den Realitätsbezug und das medizinethische Koordinatensystem des Autors in Frage, auch wenn es in der Tat nicht mehr zutrifft, nur von einer „Pandemie der Ungeimpften“ zu sprechen. Natürlich steigt mit der Gesamtzahl der Infektionen auch der Anteil der Geimpften, zumal  angesichts der vielfach ansteckenderen Deltavariante und teilweise länger zurückliegender Impfung. Diesbezüglich mussten auch die Experten sich auf Basis neuerer Erkenntnisse korrigieren. Insofern ist  zwar richtig,  dass sich auch die Geimpften zu sehr in Sicherheit und Sorglosigkeit haben wiegen lassen, wobei aber eben vor allem Kontakte mit Ungeimpften und insbesondere die folgende Weiterverbreitung in dieser Gruppe fatale Folgen haben kann wie die Belegung der Covid-Stationen zeigt.

 Fakt ist jedenfalls, dass die katastrophale Lage mit vielen Toten durch eine höhere Impfbereitschaft hätte vermieden werden können. Man darf schon fragen, weshalb in Portugal, Spanien, Italien, Israel, möglich ist, was hierzulande nicht funktioniert bzw. nicht durchsetzbar ist – und Kritiker wie den Autor des Leserbriefs auf den Plan ruft. Selbst das katastrophal von Corona getroffene Brasilien ist dank einer hohen Impfbereitschaft und –quote mittlerweile auf dem Weg aus der Pandemie. Auch Teile der Bevölkerung im Landkreis HDH mit der bis vor Kurzem noch geringsten Impfquote und vierthöchsten Neuinfektionszahl in ganz BW stellen ein eklatantes  Beispiel von Ignoranz dar.  

 Es ist daher berechtigt, den unbeirrten Egoismus und die bornierte Rücksichtslosigkeit der Impfverweigerer in Frage zu stellen, das hat nichts mit Diffamierung zu tun und gilt insbesondere für diejenigen mit teilweise absurden Ansichten wie durch die Impfung eingeflößten Chips , Missbildungen, Unfruchtbarkeit usw. Kritik betrifft natürlich nicht jene, die sich aufgrund medizinischer Indikation nicht impfen lassen können. Was die vom Autor des Leserbriefes angeprangerten Medienkampagnen anbetrifft, sollte er sein Augenmerk daher eher auf die Echokammern in den sog. Sozialen Medien richten, die mit abstrusen Falschmeldungen die Scheinargumente der Impfverweigerer befeuern. Dass er in seinem Beitrag zumindest die Frage aufwirft, ob die angeblich gestiegene Zahl von Notaufnahmen aufgrund Herz-Kreislauf-Erkrankungen (statt gestiegenem Stresspegel) auch an den Impfungen  selbst liegen kann, rückt ihn zumindest bedenklich in die Nähe dieser absurden Parolen.

 Bis in den Frühherbst war die Debatte in Medien und Politik geprägt von Öffnungsschritten, Freiheitsrechten und Sorglosigkeit, allen Appellen der überwältigenden Mehrheit der  Wissenschaftler zum Trotz. Warnungen im Spätsommer wurden nicht gehört, übereinstimmende Modellrechnungen und Voraussagen aller führenden Experten zum wiederholten Mal ignoriert. Dass die Corona-Lage mit steigender Zahl  von Intensivpatienten und Toten nun exakt so eingetroffen ist wie prognostiziert, haben Politiker und Gesellschaft, insbesondere die ständigen Freiheitsadvokaten maßgeblich zu verantworten – ohne Konsequenzen für sie selbst natürlich. Es konnte jedenfalls sehr lange von der behaupteten, fortgesetzten medialen Stigmatisierung der Ungeimpften keine Rede sein. Im Gegenteil, den Freiheiten auch der Ungeimpften wurde trotz Impfappellen lange entsprochen, - mit nur geringen Vorgaben. Und wie im neuen Zeitgeist häufig üblich, dominierten die Belange der Minderheit  sogar lange die der Mehrheit. Dass sich angesichts der oben genannten Notsituation nun allerdings die Tonlage und Toleranz ändert, ist nachvollziehbar und berechtigt.

Freiheiten kann man wiederherstellen und Einschränkungen zurücknehmen, selbst Existenzen lassen sich trotz unbestreitbarer Tragödien wieder aufbauen, Tote aber nicht mehr lebendig machen. Das RKI rechnet unabänderlich mit 50000 Toten bis zum Frühjahr, zusätzlich zu den rund 100000 bereits Verstorbenen. Auf welcher Berechnungsgrundlage  die vom  Autor angegebene Untersuchung  der Uni Duisburg angesichts dieser Zahlen  im Gegensatz zum Statistischen Bundesamt ableitet, dass die Übersterblichkeit in der Pandemie sogar gesunken sein soll, bleibt nebulös – wie auch die Korrektur mittels des demografischen Faktors. Wohlweislich wird auch verschwiegen, dass die besagte Studie auf die in 2020 kaum vorhandenen Grippetoten und zufolge des Lockdowns  wenigen Verkehrsstoten  verweist, wobei es ohnehin wiederum zynisch ist, die Toten gegeneinander aufzurechnen.  Das alles klingt sehr nach der bekannten Position des  thailändischen  Corona-Kritikers Bhakgdi . Übereinstimmenden Daten der Fachleute zufolge ist die Übersterblichkeit zwar bislang geringer als bei den Nachbarländern mit 8-11, beträgt aber immerhin rund Faktor 4.

Inwieweit auch die zitierte Publikation im Magazin Lancet wissenschaftlich gegengeprüft und vor allem inhaltlich korrekt wiedergegeben ist, bleibt abzuwarten. Soweit recherchiert, handelt es sich hier um eine Einzelmeinung auf sehr dünner Datenbasis, die jedenfalls nicht kongruent mit den Realitäten in den Krankenhäusern ist. Im Gegensatz zu den Ausführungen des Lesers ist nach bisherigem Wissenstand die Viruslast bei Geimpften meist geringer und ihre Infektionsgefahr kürzer, zumal für andere Geimpfte.  

Offensichtlich ging (und geht) es uns in Deutschland bislang immer noch zu gut, so dass für einen bestimmten Anteil  der Bevölkerung und auch für manche Politiker und Autoren keine Notwendigkeit besteht, Lehren aus den vergangenen Infektionswellen zu ziehen und Fakten zu akzeptieren. Freilich ist es nun zu spät, selbst mit einer erhöhten Impfquote  die galoppierende vierte Welle noch zu drücken, weil der Schutz erst in ein paar Wochen wirkt. Für die bereits Infizierten, wovon laut RKi  durchschnittlich rd 400 täglich versterben werden, kommt die Hilfe ohnehin zu spät. Die Welle eindämmen könnten nur massive Kontaktbeschränkungen für alle, die in Deutschland offenbar nicht mehr durchsetzbar sind.  Zusätzlich muss eine Impfpflicht folgen.

 Solidarität ist keine Einbahnstraße, der viel beschworene Zusammenhalt in der Gesellschaft wurde und wird aber maßgeblich von den Impfverweigerern unterminiert, denen nur die Belange der eigenen Person wichtig sind und denen jede Einsicht und Verantwortung für die Gefährdung anderer, für Pflegekräfte, für Schwerkranke, deren Operation verschoben werden muss oder Notfallpatienten ohne Bettenoption fehlt. Auf mangelnde Aufklärung kann man sich inzwischen kaum noch berufen. Die Geimpften haben zumindest versucht, ihren Beitrag zu leisten. Insgesamt stellt sich der Autor als Arzt mit seinem Plädoyer für die unbeschränkten Freiheiten der Ungeimpften in verantwortungsloser Weise gegen die erdrückende Mehrheit der Wissenschaft – und die Mehrheit der in Solidarität Geimpften.

Wolfgang Jäkel, Heidenheim,