Ach, hätte ich doch den Rat des Autors befolgt und mir bei der Zeitungslektüre zunächst ein großes Glas mit Hochprozentigem eingeschenkt. Der Beitrag „Nach der Wahl, die Steuerqual?" wäre dann wahrscheinlich erträglicher gewesen.

Wenn Herr Rogowski einerseits der sozial abgefederten Selbstverantwortung und den Kräften des Marktes das Wort redet, andererseits aber behauptet, die Grünen seien eine staatsdirigistische Verbotspartei und SPD und Linke wollten mit einer Vermögenssteuer ans „Häusle" und die hart erarbeitete Altersversorgung ran, dann fühlt man sich doch an politische Slogans der späten 1970er-Jahre erinnert. „Freiheit oder Sozialismus" plakatierte die CDU damals.

Mehr analytische Qualität erwartet

Man gewinnt den Eindruck, dass Herr Rogowski in dieser Art Lagerdenken seit 40 Jahren verhaftet ist, ohne dass die Polemik durch permanente Wiederholung richtiger würde. Von einem ehemaligen BDI-Präsidenten hätte man sich doch mehr analytische Qualität und programmatische Kompetenz erhofft.

Wobei gegen alte Rezepte überhaupt nichts zu sagen ist – wenn sie funktionieren. Aber das tun die Parolen von Herrn Rogowski eben nicht, sondern sie haben einen Teil der politischen Probleme, vor denen wir stehen, erst verursacht.

Adäquate Besteuerung der Reichen

„It's all about taxes", hat der niederländische Journalist und Historiker Rutger Bregman den beim Weltwirtschaftsforum in Davos versammelten Eliten 2019 zugerufen, ein Ende der Steuervermeidung und eine adäquate Besteuerung der Reichen dieser Welt gefordert. Im Deutschland des Jahres 2021 besitzen die wohlhabendsten zehn Prozent der Bevölkerung zwei Drittel des Gesamtvermögens. Dem reichsten einen Prozent der Bevölkerung gehören zirka 35 Prozent des Nettovermögens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur 0,5 Prozent des Gesamtvermögens besitzt. Das Durchschnittsvermögen der reichsten 10 Prozent war 1993 50-mal größer als das der unteren 50 Prozent. Heute ist es 100-mal größer (Quelle: SZ, 06.05.21). Das, Herr Rogowski, ist das Resultat der wunderbaren Kräfte des Marktes und der sozial abgefederten Selbstverantwortung.

Stärkere Schultern und schwächere Schultern

Da finde ich dann doch, dass die stärkeren Schultern auch die schwereren Lasten tragen sollten. Wer permanent so tut, als wolle sich ein gieriger Staat mit immer neuen Tricks an dem Wohlstand vergreifen, den man sich einzig und allein durch eigene harte Arbeit erworben hat, der unterliegt gleich einer doppelten Hybris: Denn harte Arbeit ist zweifellos eine Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg, aber eben nicht der einzige Garant.

Funktionierender Staat ist Voraussetzung

Und wer erfolgreich ist, der unterschätzt gerne die scheinbar selbstverständlichen Voraussetzungen für Erfolg, die nur ein funktionierender Staat bereitstellen kann. Vielleicht sollten Wirtschaftsbosse und Industriekapitäne gelegentlich weniger mit Wirtschaftsdelegationen durch die Welt jetten und stattdessen mal inkognito zum Beispiel die Länder der Sahelzone besuchen.

Reise in die Sahelzone

Da gibt es neben atemberaubenden Naturschönheiten auch zu besichtigen, welche politischen und gesellschaftlichen Folgen ein „failing state" hat. Wer das einmal gesehen hat, der zahlt bedeutend lieber Steuern, weil er weiß, dass dieses Geld in unserem Gemeinwesen nicht so schlecht angelegt ist. Jeder, der sich mit nur halbwegs offenen Augen umschaut, sieht doch: Es ist eben nicht allen geholfen, wenn jeder nur für sich selber sorgt.

Dr. med. Axel Bürger, Zang