Sie widmen eine ganze Seite der Frage nach der Wiedereinführung von G 9. Dort heißt es vom Kultusministerium zynisch, das G 8 sei „in der Fläche gut etabliert“. Kein Wunder, wenn an den meisten Orten keine andere gymnasiale Schulform angeboten wird. Dort, wo Schüler die Wahl haben, fällt das Ergebnis nämlich klar zugunsten von G 9 aus.

Viel zu sehr auf Rand genäht

Spätestens seit Corona sollte nun allen deutlich geworden sein, dass G 8 viel zu sehr auf Rand genäht ist, um nachhaltig zu funktionieren. Das Bildungsniveau, auf das wir uns in Deutschland (noch) zu Recht etwas einbilden, wird durch eine Verkürzung der Schulzeit sicher nicht angehoben.

Inzwischen ist nicht nur die für die kindliche Entwicklung nötige Freizeit ein knappes Gut geworden, auch die Lernmethoden nähern sich immer mehr dem sogenannten Bulimielernen an: für eine Schulaufgabe Stoff in sich hineinfressen, am Prüfungstag alles aufs Blatt kotzen, und danach für die nächste Prüfung lernen. Die Eltern haben all das längst erkannt.

Mehrheit der Eltern für G 9

Ende 2020 kamen bei einer Petition in Baden-Württemberg 63 000 Unterschriften für G 9 zusammen. Bei einer Befragung in den Regierungsbezirken Stuttgart, Karlsruhe, Tübingen und Freiburg kam heraus, dass sich etwa 90 Prozent der Eltern dort eine Rückkehr zu G 9 wünschen.

Keine pädagogischen Gründe

Der Philologenverband Baden-Württemberg schließt sich mit Nachdruck und guten Argumenten dieser Ansicht an. Schüler, Eltern und Lehrer wollen also zurück zum G 9. Einen vernünftigen pädagogischen Grund für G 8 gibt es ja auch nicht. Wenn es aber keine pädagogischen Gründe gibt, welche sind es dann? Will die Landesregierung möglichst schnell brave Steuerzahler generieren und opfert für dieses kurzfristige Ziel die nachhaltige Bildung im Land der Tüftler und Ingenieure? Oder geht es darum, das Gymnasium im Sinne der Grünen möglichst an die immer noch ungeliebte Gesamtschule anzugleichen?

Zum Wohl der Schüler

In der oben erwähnten Samstagsausgabe kommt auch der alte, neue Ministerpräsident Kretschmann ausführlich zu Wort. Er betont, dass wir jetzt keinen Weltanschauungsstreit an den Schulen gebrauchen können. Dann wäre es doch eine ganz gute Idee, einmal die weltanschaulichen Gründe beiseitezulassen und sich bei der Frage nach G 8 oder G 9 am Wohl der Schüler, an den Wünschen der Eltern und den Argumenten der Lehrer zu orientieren. Corona bietet dem neu gewählten Kabinett in Stuttgart jetzt die Chance dazu.

Martin Walter, Heidenheim