Gemeinhin werden Seilbahnen in Regionen eingesetzt, die zu steil für Straßen sind. Plant man eine Seilbahn parallel zu einer gut ausgebauten Verkehrsinfrakstruktur, bedarf dies einer besonders genauen Begründung der Notwendigkeit.

Auch wenn eine Großteil der Baukosten von 31 Millionen Euro durch staatliche Fördermittel abgedeckt sind, entbindet dies nicht von der Pflicht eines verantwortungsvollen Umgangs mit Steuergeldern. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in welcher der Staat durch die Corona-Pandemie neue Schulden in Rekordhöhe aufnehmen muss.

Bei einer so hohen Investitionssumme für eine allenfalls marginale Verbesserung der Verkehrsanbindung eines Ortsteils von gerade einmal 6000 Einwohnern, der bereits über einen guten und außerdem umweltfreundlichen öffentlichen Nahverkehr verfügt, muss die Frage erlaubt sein, ob hier das Gebot der Maßhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit noch eingehalten wird.

Auffällig häufig betonen die Verantwortlichen, dass es ausschließlich um eine bessere Verkehrsanbindung für die Bürger der Reutenen geht, nicht etwa um touristische Zwecke oder Ähnliches. Fast schon befremdlich wirkt dabei die Bereitschaft, für eine geringe Verbesserung für einen letztlich kleinen Teil der Heidenheimer Gesamtbevölkerung solch unverhältnismäßig hohe Baukosten in Kauf zu nehmen. Ein Schelm, der deshalb vermuten würde, dass es hinter den Kulissen um die Verbindung des Fußballstadions mit der Innenstadt geht, was aus Gründen der politischen Opportunität natürlich nicht als vorrangiges Ziel deklariert werden kann.

Stolz erklärte OB Ilg, dass ein solches Projekt weit und breit einmalig wäre. Es ist schon Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins, wenn diese Einmaligkeit hauptsächlich als Indiz für den eigenen Ideenreichtum gesehen wird und nicht die Frage aufwirft, ob es vielleicht an wirtschaftlichen Gründen liegen könnte, dass vergleichbare Projekte in anderen Kommunen bisher nirgends umgesetzt wurden.

Dabei könnten die Zeiten für einen Kommunalpolitiker, der etwas Einmaliges schaffen möchte, kaum günstiger sein. Meine Kinder protestieren seit über einem Jahr regelmäßig mit der Fridays-for-Future- Bewegung auf dem Rathausplatz für ihre Zukunft und gegen den Klimawandel. Für die jungen Menschen unserer Stadt wäre es wahrlich etwas Einmaliges, wenn ihr OB verkünden würde, 31 Millionen (auch hier dürfte es ja staatliche Fördermittel geben) zu investieren, um die erste CO2-neutrale Stadt der Region zu werden.

Meine Frau ist Krankenschwester am Klinikum und kümmert sich in der Notaufnahme seit über einem Jahr fast täglich um Patienten, die an Covid erkrankt sind. Vor einem Jahr haben sie und ihre Kollegen/-innen dafür viel Applaus bekommen. Allein an ihren Arbeitsbedingungen, die sie oft an ihre Belastungsgrenze bringen, hat sich seither nichts geändert. Natürlich würde eine Fahrt mit der Gondel ans Klinikum in gewisser Weise auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen bedeuten, aber ich glaube, die Betroffenen hatten sich da etwas anderes vorgestellt.

Viele Menschen glauben, dass die Corona-Krise auch eine Chance zur Veränderung darstellt, und dass sie auch in der (Kommunal-)Politik zu einer Rückbesinnung auf soziale Kernkompetenzen führen kann, dass sie uns Zufriedenheit mit dem, was ist, Bescheidenheit und manchmal sogar Demut lehren kann.

Dass ausgerechnet in einer solchen Zeit die Machbarkeit eines Prestigeprojektes wie der Seilbahn geprüft wird, lässt mich zweifeln, ob die Dinge im Rathaus ähnlich gesehen werden. Die Hoffnung, dass sich durch die Krise, auch in unser aller Verständnis von kommunaler Verantwortung etwas zum Guten ändert, habe ich nicht aufgegeben. Ich würde mir eine breitere öffentliche Debatte darüber wünschen, was unsere Stadt am Dringendsten braucht. Mir persönlich wären Investitionen in Umwelt, Bildung und Gesundheit dabei wichtiger als eine Seilbahn.

Dr. Alexander Maier, Heidenheim