Vor zirka 40 Jahren ist eine Cousine von mir mit drei kleinen Kindern und ihrem Mann „weggestorben". Auch wenn der Pfarrer in seiner Predigt mit geheimnisvoller Stimme geraunt hat, man könne nie wissen, ob Leid nicht auch sein Gutes habe, glaube ich doch, sie wäre besser am Leben geblieben. Ich habe ihren Tod als ausgesprochen unfreundlichen Akt Gottes betrachtet.

Wie soll sich Gott verhalten?

Nun kann man sich natürlich so seine Gedanken machen: Wie hätte sich Gott verhalten müssen, damit ich und viele andere zufrieden gewesen wären ? Er hätte sie natürlich mit dem Leben davonkommen lassen sollen. Aber sollen dann Mütter mit drei und mehr Kindern grundsätzlich nicht mehr sterben?

Wie sieht es dann aus, wenn eine nur zwei oder ein Kind hat? Ab welchem Alter der Kinder kann eine Frau wieder sterben? Wie würden sich manche Frauen verhalten, wenn sie wüssten, dass sie in den nächsten Jahren nicht sterben können? Und wie sähe es dann überhaupt mit uns Männern aus, die wir beim besten Willen keine Kinder bekommen können? Man sieht, die Fragerei wird allmählich ziemlich paradox.

Warum hat es mich erwischt?

Außerdem wird natürlich die wichtige Frage, warum es gerade mich oder nahe Angehörige erwischt hat, nicht beantwortet. Manche sagen, es hänge mit der Freiheit des Menschen zusammen, er könne sich für das Gute oder auch das Böse entscheiden. Dann ist die Freiheit aber ziemlich ungleich verteilt: Die Freiheit eines KZ-Häftlings ist sehr eingeschränkt. Er muss sich so ziemlich alles gefallen lassen, während der Aufseher die Freiheit hat, ihn beliebig zu schikanieren. Diese Erklärung befriedigt also nicht wirklich. Ich denke, es hängt mit unserer menschlichen Denkweise zusammen. Wären wir Tiere, so würden wir keinen Gott verehren und auch solche Fragen nicht stellen. Es ist der Preis für unser menschliches Bewusstsein, dass wir über das Leid nachdenken und nie zu einer befriedigenden Antwort kommen.

Gott meint es grundsätzlich gut mit uns

Immerhin glauben wir Christen an einen Gott, der es grundsätzlich gut mit uns meint und sich nicht freut, wenn es uns schlecht geht. Der Glaube an einen derartigen Gott kann einem im Leben schon hin und wieder ein Trost sein - und das ist etwas wert.

Günter Roth, Heidenheim