Jedes Organ, das nicht richtig benützt wird, verkümmert mit der Zeit; eine Niere, die nichts auszuscheiden hat, geht genauso zugrunde wie ein Arm, der länger nicht bewegt wird. So ist das auch mit unserem Immunsystem; seit Millionen von Jahren nehmen wir mit jedem Atemzug tausende Viren und Bakterien auf, die unser Immunsystem wach und aktiv halten.

Biodiversität gilt auch für Mikroorganismen

Nun beobachten wir vor allem in der westlichen Welt seit Jahrzehnten nicht nur einen dramatischen Rückgang der Biodiversität in der äußeren Natur mit gravierenden Folgen, sondern auch bei den Mikroorganismen, die jeden gesunden Menschen normalerweise billionenfach besiedeln.

Allergiequote bei 30 Prozent

Für beide Bereiche, Makro- und Mikroökologie gilt eine einfache Regel: Je höher die Biodiversität, umso gesünder und robuster ist das System. Der mikrobielle Artenschwund hat inzwischen bei Menschen hauptsächlich in Industrieländern die Disposition zu zahlreichen Erkrankungen erhöht, im englischsprachigen Raum (USA, Großbritannien, Australien) beispielsweise liegt die Allergiequote von Kindern und Jugendlichen bei über 30 Prozent, in Indonesien bei 2 Prozent. Aber auch Stoffwechselerkrankungen, Fettleibigkeit und psychische Störungen stehen damit in Zusammenhang. Je reichhaltiger der Kontakt mit verschiedenen Mikroben in der Kindheit, umso gesünder entwickeln sich die Immunsysteme – das ist ein wissenschaftliches Faktum.

Angstmache als Geschäftsmodell

Kein wissenschaftliches Faktum ist die Sinnhaftigkeit von Luftfilter-Anlagen in Klassenzimmern, mit denen das Diversitätsproblem weiter verschärft wird. Hier scheint mir das Leitmotiv weniger die Gesundheit der Kinder als einmal mehr ein lukratives Geschäftsmodell zu sein, dessen treibender Motor, die Angstmache, inzwischen immer hemmungsloser und offensichtlich auch erfolgreicher eingesetzt wird.

Kuhstall-Effekt

Gesunde Immunsysteme entwickeln sich bei den Kindern durch körperliche Aktivität an der frischen Luft mit reichen Kontakten zu Mensch und Vieh – wir sprechen hier vom Kuhstall-Effekt. Wie die persönliche und geistige, so braucht auch die immunologische Entwicklung der Kinder möglichst vielfältige Anregungen. Es wird wohl noch einige schlechte Erfahrungen brauchen, bis die Einsicht reift, dass wir mit sterilisierten und überdigitalisierten Klassenzimmern den Kindern Schaden zufügen und sie längerfristig krank machen.

Respekt für Entscheidung

Insofern sei dem Heidenheimer Gemeinderat und der Stadtverwaltung Respekt gezollt, dass sie mit ihrer Entscheidung gegen diesen Unsinn gesunden Menschenverstand bewiesen haben.

Dr. med. Thomas Hardtmuth, Steinheim