Heidenheim / hz Leserbrief zum Konflikt zwischen Betreuern und Psychiatrie (“Brauchen psychisch Kranke manchmal Zwang?“, HZ vom 26. September)

Einige Berufsbetreuer haben Kritik an der Psychiatrie Heidenheim geübt, da diese Patienten möglichst zwangsfrei behandeln will, nach Maßgabe des „Experten für die gewaltfreie Psychiatrie“, Chefarzt Dr. Zinkler. Die im Artikel genannten Betreuer haben in ihrer Kritik recht. Sie sind per Gesetz die rechtlichen Vertreter ihrer Betreuten, werden aber nicht über bevorstehende Entlassungen benachrichtigt und erhalten erst unter erheblichem Aufwand einen Entlassbrief, der Informationen über das nachstationäre Vorgehen und die Medikation enthält.

Die Argumentation, dass die Klinik zweimal jährlich eine Gesprächsrunde mit allen Beteiligten anbiete, erscheint indiskutabel bezüglich der Patientenanzahl und deren individueller Problemsituation.

Einen akut psychotischen Patienten oft über Wochen unbehandelt zu lassen, mit ihm seine Situation ausdiskutieren zu wollen ohne medikamentöse Basisbehandlung, ist aus meiner Sicht unterlassene Hilfeleistung und ein klarer Kunstfehler, der negative Auswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit haben wird.

Aus eigener jahrelanger Erfahrung als Arzt in der Akutpsychiatrie war die überwiegende Zahl der Akutaufnahmen zum Entlasszeitpunkt dankbar, dass medizinisch notfallmäßig, eben ungefragt, eingegriffen wurde. Standard war, dass diesen Patienten im Verlauf der Behandlung das Vorgehen und die Begründung der Vorgehensweise einer Zwangsmaßnahme erklärt wurden.

Jüngst gab es einen Fall in Heidenheim, bei dem ein entsprechend seiner Medikation (Neuroleptika) auf Null dosierter Patient eine Frau am Werkgymnasium niedergestochen hat, da er psychotisch war (die HZ berichtete). Die Abdosierung fand in der Psychiatrie Heidenheim statt. Der Patient war bereits vorher lange Zeit in der Forensik, war dabei, sich zivil und sozial in ein normales Leben zu integrieren. Dies ist aber eben wegen alleiniger Gespräche nicht gelungen.

Die Folgen sind: Der Patient, der sich vor dem Vorfall sozial durch lange Therapie wieder reintegriert hatte, geht für weitere Jahre in die Forensik. Und in der Bevölkerung kann der Eindruck entstehen, psychisch Kranke seien gefährlich. Schon lange überweise ich meine Patienten, sofern möglich, in andere psychiatrische Kliniken.

Die richterliche Genehmigung einer Unterbringung und/oder einer Zwangsbehandlung wird immer noch durch das BGB und nicht von der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung geregelt. Und das ist gut so.

Dr. Uwe Maiter, Heidenheim (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie)