Heidenheim / Kathrin Schuler Die Klassen werden größer, Förderstunden werden gestrichen und Fachunterricht eingeschränkt: Der Stellenmarkt für Lehrkräfte ist wie leergefegt.

Die Schülerzahlen steigen, doch an einem fehlt es hinten und vorne: den Lehrkräften. Mehr als 500 Lehrstellen konnten in Baden-Württemberg zu Beginn des laufenden Schuljahres nicht besetzt werden. Gebessert hat sich die Situation seither nicht: Besonders schwierig wird es dann, wenn Lehrkräfte während dem Schuljahr plötzlich ausfallen – etwa aufgrund einer längerfristigen Krankheit.

Auch in den Heidenheimer Schulen spürt man den Lehrermangel, denn auch die geographische Lage spielt bei der Thematik eine entscheidende Rolle. „Hier auf der Ostalb ist der Lehrermangel eklatant zu spüren“, sagt Ingeborg Fiedler, die als Rektorin des Friedrich-Schiller-Gymnasiums und als geschäftsführende Schulleiterin der vier Heidenheimer Gymnasien das Problem genau kennt. Während Ballungszentren wie Stuttgart noch vergleichsweise gut dastehen, sind ländliche Gebiete wie Ostwürttemberg wesentlich stärker betroffen: Sie gelten als sogenannte Mangelregionen, in denen Lehrerstellen besonders schwer zu besetzen sind.

Der Topf ist leer

Grundsätzlich muss beim Lehrermangel zwischen zwei Problemen unterschieden werden: Während die Grundschulen von einem generellen Mangel an Lehrkräften auf dem Stellenmarkt betroffen sind, fehlt es an den weiterführenden Schulen vielmehr an Ersatzlehrern, die etwa im Krankheitsfall für einen längeren Zeitraum einspringen können.

Für genau solche Fälle gibt es eigentlich einen Pool mit Vertretungslehrern. Doch: „Der Topf ist immer recht schnell leer“, sagt Fiedler. Es sei schwierig bis unmöglich, Lehrer von außerhalb zu finden, die in Heidenheim für einen überschaubaren Zeitraum einspringen. Das liege vor allem an den weiten Fahrtwegen, die die Lehrer dann auf sich nehmen müssten: „Für jemanden aus Stuttgart lohnt es sich nicht, für ein paar Wochen einen Job in Heidenheim anzunehmen.“ Insbesondere, wenn auch in der näheren Umgebung Lehrer gebraucht werden.

Auf freie Stellen kaum Bewerber

Die mangelnde Reserve trifft die Grundschulen sogar noch härter, denn hier fehlen bereits bei regulär zu besetzenden Stellen Bewerber. „Früher hatten wir auf eine freie Stelle 50 Bewerbungen und mehr“, sagt Werner Weber, geschäftsführender Schulleiter der Heidenheimer Grundschulen und Rektor der Friedrich-Voith-Schule.

Heute könne man die Bewerber an einer Hand abzählen – wenn es überhaupt so viele sind. Woran das liegt? „Viele Lehrkräfte gehen momentan in den Ruhestand, aber es kommen zu wenig nach“, sagt Weber. Durch die Umstellung des Lehramtsstudiums auf das Bachelor- und Mastersystem an den Pädagogischen Hochschulen dauere es länger, bis die angehenden Lehrer ihren Abschluss in der Tasche haben und auf dem Stellenmarkt zur Verfügung stehen.

Unterricht am Minimum

Umso härter trifft es die Grundschulen, wenn während dem laufenden Schuljahr plötzlich Lehrkräfte ausfallen. Eine 100-prozentige Versorgung – also das, was eigentlich mindestens gegeben sein muss – ist dann nicht mehr möglich: „An der Friedrich-Voith-Schule fehlen derzeit 80 Lehrerstunden“, sagt Jörg Hofrichter vom Staatlichen Schulamt Göppingen, das für die Unterrichtsversorgung in den Heidenheimer Grundschulen zuständig ist. Bei rund 800 Unterrichtsstunden sind das immerhin zehn Prozent.

Damit darunter nicht die Schulausbildung der Kinder leidet, müssen interne Maßnahmen getroffen werden: Im Klartext werden infolge des Lehrermangels die Klassen größer, Gruppen werden zusammengelegt, Fachunterricht eingeschränkt und Förderstunden gestrichen. Für die vorhandenen Lehrer bedeutet der Engpass in erster Linie Mehrarbeit: „Aus ihrer pädagogischen Verantwortung heraus sind viele bereit, mehr Stunden zu übernehmen – auch über ihre studierten Fächer hinaus“, sagt Weber.

In Heidenheim fehlt es an Kunstlehrern

Denn in bestimmten Fächern sei der Lehrermangel noch deutlicher zu spüren: „Das betrifft vor allem die Naturwissenschaften“, sagt Fiedler. Ein spezifisch in Heidenheim auftretendes Problem ist dagegen der Mangel an Kunstlehrern: Im laufenden Schuljahr konnten in diesem Fach an den Heidenheimer Gymnasien zwei Stellen nicht besetzt werden. „Der Pflichtunterricht kann jedoch durch die befristete Einstellung einer Lehrkraft im Rentenalter und Abordnungen gedeckt werden“, sagt Stefanie Paprotka vom Regierungspräsidium Stuttgart. So teilen sich in Heidenheim Schiller- und Hellenstein-Gymnasium derzeit einen Kunstlehrer: Anders geht es nicht.

Die Talsohle noch nicht durchschritten

Zeiten von Lehrermangel und -überschuss haben sich schon immer abgewechselt, sagen Ingeborg Fiedler und Werner Weber. Dass es derzeit an Lehrkräften fehlt, hat mehrere Gründe – die Umstellung des Lehramtsstudiums und die Mehrzahl an Schulkindern durch die Flüchtlingswelle sind nur zwei davon.

Da dem Lehrermangel aber entsprechend gegengesteuert werde, seien in Zukunft wieder bessere Zeiten zu erwarten. „Doch momentan haben wir die Talsohle noch nicht durchschritten“, sagt Weber.