Ist das Kunst, wenn sie im Vorfeld einer Ausstellung so noch gar nicht existiert? Ja! Und – nein, es geht nicht darum, zu verwirren, sondern den besonderen Ansatz der beiden Künstlerinnen Lisa Moll und Oana Paula Vainer, beide Absolventinnen der Kunstakademie Stuttgart und dekoriert mit Kunstpreisen und hochrangigen Stipendien, die ab Freitag im Türmle ausstellen, richtig einzufädeln.

Zur Geschichte der beiden sei gesagt: Beide kannten sich bis zu dieser Ausstellungsplanung noch nicht. Beide kannten das Türmle noch nicht. Beide kannten Heidenheim noch nicht. Aber inzwischen schon. Ein Ansatz ihrer gemeinsamen Kunst, die jetzt gezeigt, erlebt und weiterentwickelt werden soll, war, sich mit den für sie jeweils neuen, unbekannten Bedingungen auseinanderzusetzen und daraus etwas zu machen. Natürlich Kunst.

Gemeinsamer Dialog

So entstanden die anschaubaren Arbeiten in ihrer besonderen Kombination erst durch den gemeinsamen Dialog der Künstlerinnen untereinander, durch die Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsraum „Türmle“ und die Beschäftigung mit der Entwicklungsgeschichte der Stadt, ihrer Historie und ihrer industriellen Realität.

In der Begegnung der beiden war schnell klar, dass es kein willkürliches Zueinanderfinden als Künstlerinnen“paar“ ist, sondern dass ihre jeweiligen differenzierten, lange gebildeten Denkweisen und künstlerischen Ausdrucksformen den Beitrag zur wesentlichen Schnittmenge ergaben, die diese situativ einzigartige Ausstellung ausmacht, und das entstand über eine mehrtägige Begegnungs- und Aufbauphase vor Ort. So sind daraus gemeinsame Bild-, Klang- und Dialogwelten entstanden, an denen sie die Besucher teilnehmen lassen. Eine Begegnung der besonderen Art.

Keine individuelle Zuordnung

Folgerichtig ist, dass die beiden Künstlerinnen wert darauf legen, dass die installierten Arbeiten nicht einer der beiden Künstlerinnen direkt zugeordnet werden können. Allerdings die Autorenschaft haben eindeutig die beiden. Sie sprechen von einem Verdichtungsmoment ihrer Begegnung als Künstlerinnen im Türmle. Und Verdichtung meint hier auch, die Arbeiten auch an das Türmle „anzuschmiegen“, so wie es auch die prähistorischen Malereien in der Höhle von Lascoux sind. „Irgendwie ist das Türmle ja in seiner Beengtheit auch eine Höhle.“

Es geht also um den Respekt vor dem Ort, der Historie und der Wahrnehmung der Betrachtenden. Und so sollen Betrachter wie auch die Künstlerinnen das, was sie sehen, schaffen und geschaffen haben, mit ihrer eigenen Erzählweise verbinden. Und die stammt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder anders gesagt – wo kommt etwas her, wo geht etwas hin und durch welche Filter? Als größtes Verdichtungsmoment, als Brennpunkt, steht diese Ausstellung also für das Hier und Jetzt. Spätestens ab da sind auch die Betrachtenden zuständig. Und wichtig ist den beiden Künstlerinnen – es gibt kein Falsch und kein Richtig, alles zählt. Manches mag direkt ein inneres Bild, einen Gedanken, eine Erinnerung auslösen, anderes vielleicht nicht.

Firma Voith einbezogen

Um die Aktualität in der Ausstellung bildhaft bzw. plastisch umzusetzen, bezogen die Künstlerinnen auch die Firma Voith ein, die bereit war, mit ihrem technologischen Wissen Teile ihrer Exponate zu produzieren. Und dieses Wissen soll in der Ausstellung mitsprechen. Aber nicht nur das, auch die Urfunde der Heideschmiede und andere historischen Artefakte spielen eine Rolle in der Bild-Erzählung.

Wichtig – die Ausstellung mit dem markanten Titel „Je weniger ich weiß, desto besser“ ist keine Spielerei, auch wenn sie manchmal spielerischen oder humoristischen Charakter hat. Sie ist aus einem tiefen, vertiefendem Umgang mit dem Leben verbunden, also vielleicht verspielt anmutend, aber im Kern ernst. Und darüber muss man reden.

Alles in Bewegung

Dabei spielt die Erkenntnis eine Rolle, dass sich alles in Bewegung befindet, dass wir situativ nur Fragmente sehen können, und dass das Leben eine einzige Herausforderung ist, nämlich schwimmen zu lernen, nicht nur im übertragenen Sinn. So ist naheliegend, dass das Thema „Schwimmen“ neben anderen wie z. B. „Produkt und Produktion“ in dieser Ausstellung auch seinen Platz findet.

Beim Vorab-Ausstellungsbesuch war der Dialog mit den beiden Künstlerinnen bereits erweiternd und hoch anregend. Vielleicht auch schon ein Teil der Kunst und ihres Künstlerinnenseins.

Am Freitag, 13. Januar um 19 Uhr ist Vernissage im Türmle. Die Künstlerinnen selbst werden in Form einer Performance in die Ausstellung einführen. Führungen mit interessanten Impulsen finden immer mittwochs um 16 Uhr und samstags um 11.30 Uhr statt.

Ausstellung bei Heidenheimer Kunstverein Plastische Figuren aus Schafwolle im Türmle

Heidenheim

Vernissage als Performance


Am Freitag, 13. Januar um 19 Uhr ist Vernissage im Türmle. Die Künstlerinnen selbst werden in Form einer Performance in die Ausstellung einführen. Führungen mit interessanten Impulsen finden immer mittwochs um 16 Uhr und samstags um 11.30 Uhr statt.