Heidenheim / Erwin Bachmann Aufsehenerregende Verbrechen verleiten Menschen weitaus öfter als gedacht, dummes Zeug zu reden. Ein Gespräch mit Kriminalpsychologe Roland Egg über den Fall Bögerl.

Zu dieser Einschätzung kommt Prof. Dr. Roland Egg, einer der führenden deutschen Kriminalpsychologen, der bis Ende 2014 Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden war und heute als selbstständiger Gutachter tätig ist.

Geradezu ein Paradebeispiel bildet aus Sicht des renommierten Experten das jüngste Geschehen im Mordfall Bögerl, bei dem in dieser Woche ein 47-jähriger Mann als Tatverdächtiger festgenommen worden war und bereits kurze Zeit später wieder auf freien Fuß gesetzt werden musste.

Schon früher Trittbrettfahrer

Der Königsbronner hatte sich gegenüber anderen damit gebrüstet, Details über die sieben Jahre zurückliegende Ermordung Maria Bögerls zu wissen und hatte angegeben, gar selbst der Täter gewesen zu sein.

Damit hatte er sich selbst schwer in die Bredouille geredet. Dran war freilich nichts: Wie der Arbeitslose nach seiner Freilassung gegenüber „Bild“ kundtat, hatte er schlicht zu viel getrunken, wollte sich wichtig machen – und ist so zu einem für einige Stunden über einen längeren Zeitraum meistgesuchten mutmaßlichen Verbrecher Deutschlands geworden.

Auch der Vater hat sich inzwischen beim Nachrichtenportal focus.de zu Wort gemeldet und bestätigt, dass sein Sohn „im Suff unbewusst diesen totalen Mist erzählt“ und über keinerlei Täterwissen verfügt hat.

Schräge Auftritte von Menschen, die sich mit Fakes ins öffentliche Rampenlicht rücken: „Das geschieht leider sehr häufig,“ sagt Rudolf Egg, zu dessen Arbeitsschwerpunkten unter anderem Studien zur Frage der Rückfälligkeit und Behandlung von Straftätern sowie die forensisch-psychologische Begutachtung zählen.

Seltener ist nach seiner Beobachtung, dass sich jemand selbst fälschlicherweise eines Verbrechens bezichtigt – schon eher würden irgendwelche Behauptungen ins Spiel gebracht, irgendetwas zu wissen. Nach Eggs Beobachtung gilt für Aufschneider und Trittbrettfahrer eine generelle Regel: „Je spektakulärer der Fall, desto häufiger passiert's.“

Eine Verlockung, der auch in der Sache Bögerl schon ein Wichtigtuer aus Giengen erlegen war, der geblufft hatte, Kontakte zu den Mördern zu haben und dafür sogar Geld aus der Staatskasse eingestrichen hatte.

Und die Erfolgsaussichten?

Der Wissenschaftler Egg hatte sich bereits vor vier Jahren zum Fall Bögerl geäußert und äußert sich auch heute zu den Erfolgsaussichten, den Mörder doch noch zu finden, durchaus ähnlich.

Mehr denn je sieht der den vielzitierten Kommissar Zufall gefragt, habe man die vorliegenden – mehr als 10 000 – Spuren doch inzwischen sicher zwei- bis dreimal ausgewertet. Dass man auch der jüngsten Spur nachgegangen ist, versteht sich für Egg von selbst, denn „das war schon ein deutlicher Verdacht“, wenngleich er selbst gleich an einen Trittbrettfahrer gedacht hat – und ihm ein Rätsel ist, warum die Ermittler so lange mit der Fahndung gewartet haben.

Die Hoffnung, dass ein Mörder sein schlechtes Gewissen plagt und er nach Jahren noch gesteht, sieht er durch seine Erfahrung nicht gestützt: Meist hätten sich Täter mit ihrem Verbrechen arrangiert und es verdrängt.