Heidenheim / Hendrik Rupp Rund 200 Asylbewerber sind aktuell in Heidenheim untergebracht – das ist nicht wenig, aber ein lächerlicher Klacks im Vergleich zu früheren Flüchtlingsströmen. Vor bald 70 Jahren kamen über 10 000 Flüchtlinge nach Heidenheim – und machten die Stadt buchstäblich größer.

200 Flüchtlinge? Darüber hätten Werner Kliefoth und Earle Schouten gelacht. Im Januar 1947 hatten Heidenheims erster Nachkriegs-OB und der Chef der örtlichen US-Militärverwaltung die Aufgabe, nicht weniger als 7400 Flüchtlinge in der Stadt unterzubringen – die 1000 Evakuierten noch nicht mit einberechnet.

Tatsächlich schmilzt der aktuelle Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer und den Balkan angesichts der Lage vor 70 Jahren zu einem Rinnsal zusammen: In das Gebiet der Bundesrepublik kamen zwischen 1946 und 1959 mehr als 12 Millionen Menschen. Der Kreis Heidenheim nahm zusammen mit Aalen und Ludwigsburg die meisten Flüchtlinge in Baden-Württemberg auf: 1959 wurden im Kreis Heidenheim 30 830 Vertriebene gezählt, die 28 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Etwa 40 Prozent stammten aus dem Sudetenland, 35 Prozent aus Ungarn, Jugoslawien und Rumänien, 15 Prozent aus Schlesien und 10 Prozent aus dem Baltikum und Polen.

Die Stadt wurde komplett überrumpelt

Heidenheim wurde von der Zahl der Ankömmlinge komplett überrumpelt: Nur knapp 26 000 Einwohner hatte die Stadt 1944 gehabt, im März 1947 wurden 35 500 Einwohner gezählt. Leer stehende Wohnungen? Turnhallen, die man hätte beschlagnahmen können? Fehlanzeige. Stattdessen nahm die Zahl der Flüchtlinge immer weiter zu: 1952 waren es schon fast 11 000 in der Stadt. Dies ohne den Großteil der heutigen Neubaugebiete: Kein Mittelrain und keine Reutenen, kein Osterholz – trotz gigantischer Bauanstrengungen (die Weststadt wurde quasi auf einen Schlag errichtet) wurde es in den bestehenden Häusern sehr, sehr eng.

Denn die Behörden wussten keinen anderen Ausweg als Zwangseinweisungen: Alteingesessene Heidenheimer mussten Teile ihrer Häuser für Flüchtlinge stellen, gar einzelne Zimmer in ihren Wohnungen.

Willkommene Flüchtlinge? Mitnichten!

An heutigen Stammtischen wird man diese Zeit womöglich noch verklären: Waren es nicht deutsche Volksgenossen, die damals kamen, aus dem gleichen Kulturkreis? Unfug: Auf die Älbler wirkten Ungarndeutsche und Co. befremdlich, und die Stimmung war weit weniger solidarisch, als man sie heute erinnert: Man murrte über die unbekannten Essensgerüche („Dui Flichdleng fressad bloß Knoblauch ond Kümmel“), verstand die fremden Mundarten kaum – und dann waren die Neuankömmlinge oft sogar noch katholisch. Sie feierten merkwürdige Anlässe wie Fasching, tanzten in obskuren Trachten. Ob man diese Masse wohl jemals würde integrieren können?

Ja, heute lacht man darüber, denn tatsächlich machten die Flüchtlingen Heidenheim nicht nur größer, sondern auch stärker: Während damals im Schnitt jeder dritte Kreisbewohner ein Flüchtling war, stellten die Vertriebenen 40 Prozent bei Hartmann, 30 Prozent bei Voith.

Heute nimmt man die Flüchtlinge der Nachkriegsjahre gar nicht mehr als Neubürger wahr – nur die Nachnamen klingen nicht immer nach Häberle. Und dass in Heidenheim heute der Löwenanteil aller Flüchtlinge im Kreis untergebracht ist, ganz ohne Bürgerinitiativen und Panik, mag an der DNA einer Stadt liegen, in der mehr als die Hälfte aller Bürger einen Migrationshintergrund hat.

Wer Flüchtlingen helfen will, findet Kontaktdaten und Anlaufstellen unter www.hz-online.de/asyl