Wie empfinden nach Heidenheim geflüchtete Ukrainer die Situation in ihrer Heimat, welche Perspektiven sehen sie für ihr Land und für sich selbst und wie schätzt ein Politik- und Verteidigungsexperte die Situation ein? Das und vieles andere kam am Donnerstagabend bei einer Diskussionsrunde im Heidenheimer Pressehaus vor rund 60 Interessierten zur Sprache. Der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter, die ukrainische Journalistin Irina Mazuruk und das ukrainische Ehepaar Julia Pestrikova und Sergei Pestrikov beantworteten bei der Veranstaltung „HZ im Gespräch“ die Fragen von Moderatorin Silja Kummer, Mitglied der Redaktionsleitung, die von HZ-Redakteur Arthur Penk übersetzt wurden.

Überhastete Flucht

In bewegenden Worten schilderten Julia Pestrikova und Sergei Pestrikov ihre überstürzte Flucht aus dem unter Beschuss liegenden Mariupol Mitte März. Zwei Stunden hätten sie Zeit gehabt, zu entscheiden, ob sie mit ihren drei Kindern die Stadt verlassen. „Es gab keinen offiziellen Fluchtkorridor, aber wir hatten gehört, dass es eine Feuerpause vom Artilleriebeschuss geben soll“, erzählte Julia Prestrikova. Also hätten sie alles schnell zusammengepackt, sich zu siebt mit vier Katzen in ihr Auto gesetzt und seien losgefahren. „Auf einer nahen Kreuzung ist eine Bombe eingeschlagen, ich habe nur die Augen geschlossen und gebetet.“ „Alles, was wir in 15 Jahren aufgebaut hatten, haben wir in drei Taschen gepackt, mehr bleibt uns nicht“, ergänzte Sergei Pestrikov. „Heute ist es schwer vorstellbar, dass wir es überhaupt geschafft haben“, so seine Frau.

Durch Kontakte nach Heidenheim

Das Ehepaar kam ebenso wie die Journalistin Irina Mazuruk durch persönliche Kontakte nach Heidenheim. Diese berichtete, sich hier sehr willkommen zu fühlen und von den Heidenheimern sehr viel Hilfsbereitschaft zu erfahren. Sie erzählte aber auch, dass es in russischsprachigen Kreisen schwierig sei, über den Krieg zu sprechen: „Ich versuche meistens, das Thema zu umschiffen, denn es könnte schnell zu Konflikten kommen, und das versuche ich zu vermeiden“, so Mazuruk.

Mitschuld hat die russische Propaganda

Einer der Gründe dafür sei, dass viele hier lebende Menschen die russischen Medien konsumierten. Und das russische Fernsehen sende nach wie vor Propaganda und Lügen, sowohl über den Krieg als auch über dessen Hintergründe. „Es wird ständig berichtet, das Russland Frieden wolle, dass die Ukraine russischstämmige Menschen unterdrücke und dass sie Russland habe angreifen wollen“, sagte Mazuruk. „Das geht schon lange so und auch vor dem Angriff gab es seit langer Zeit diese völlig unbegründeten Behauptungen. Aber dass es Krieg geben könnte, das hätte ich nie gedacht.“

Auf die Situation der Medien in der Ukraine angesprochen erklärte die Journalistin, dass diese vor dem Krieg frei und unabhängig gewesen seien, was auch heute noch zum größten Teil der Fall sei, zumindest in den nicht besetzten Gebieten. „Natürlich gab und gibt es auch private und staatliche Massenmedien, eine Zensur gibt es jedoch nicht.“

Gezielte Falschinformationen

Dass Krieg und Propaganda zusammengehören, betonte Roderich Kiesewetter. „Nirgendwo wird so schnell und viel gelogen wie im Krieg“, sagte der Abgeordnete im Hinblick auf die Situation in Russland. Die dortigen Medien verbreiteten sehr gezielt Falschinformationen, die auch in den digitalen Medien landeten. Vor allen Dingen über den Kanal Telegram sei die russische Propaganda sehr aktiv. Durch die falschen Nachrichten sollen Kiesewetter zufolge die hohen Verluste verschleiert werden: „Auf russischer Seite gibt es 30.000 Tote und 60.000 Verletzte.“

Ganze Stadt ein Trümmerhaufen

Der Abgeordnete berichtete auch von der schrecklichen Situation in der Stadt Irpin bei Kiew, die er zusammen mit CDU-Chef Friedrich Merz besuchte. „Wenn Russland behauptet, es greife nur militärische Ziele an, dann ist das eine glatte Lüge. Die Stadt ist zu 90 Prozent ein Trümmerhaufen. Ich habe Wohnhäuser gesehen, die aus kurzer Distanz von Kampfpanzern zerschossen waren, und von Kugeln durchsiebte, blutverschmierte Privat-Pkw. In diesem Krieg werden von russischer Seite furchtbare Kriegsverbrechen begangen“, so Kiesewetter. Dass diese ganz gezielt und geplant seien, macht er daran fest, dass die russische Armee mobile Krematorien hat, „um die Opfer der Kriegsverbrechen zu verbrennen und keine Spuren zu hinterlassen“.

Wie wird der Krieg ausgehen?

Und wie schätzt der Abgeordnete den Ausgang des Krieges ein? „Das hängt ganz wesentlich davon ab, wie wir hier in Deutschland und Europa mit der Situation umgehen. Ob uns die eigene Heizung wichtiger ist als die Menschen in der Ukraine“, so Kiesewetter. Mehrfach warnte er davor, Russland das Feld zu überlassen. Er skizzierte zwei Szenarien: Im positiven gelingt es der Ukraine, die russische Armee zurückzudrängen und die Grenzen vom Januar wieder herzustellen, sie mit einer internationalen Schutztruppe zu sichern und im besten Fall Putin und andere Verantwortliche vor das Kriegsverbrechertribunal zu bringen.

Russland wird weiter angreifen

„Aber wenn wir die Ukraine nicht ausreichend unterstützen, werden wir das negative Szenario erleben“, so Kiesewetter. Dann werde es einen Waffenstillstand geben, Russland gewinne Zeit, werde diese nutzen und dann Moldau und die baltischen Staaten angreifen. „Ich persönlich werde alles dafür tun, dass das erste Szenario eintritt, sonst kommt der Krieg auf die Nato zu“, betonte der Abgeordnete.

Viel mehr Unterstützung gefordert

Deshalb ist für Kiesewetter die Stärkung der Ukraine die einzige Lösung. „Wir müssen die Menschen mit allem unterstützen, was völkerrechtlich möglich ist. Zwar nicht mit Soldaten, aber wir müssen so viele Waffen liefern, wie benötigt werden. Wenn wir nichts tun, wird der Krieg zu uns kommen, wir müssen jetzt umfassend helfen“, so der Politiker. Er geht davon aus, dass die Sanktionen gegen Russland wirken werden, auch wenn das drei Jahre dauern könnte. „Das bedeutet für uns vielleicht auch Entbehrung, aber ich glaube an eine freie Ukraine, die selbstbestimmt ist. Und dafür müssen wir alles tun.“

Wenig Hoffnung auf frühes Kriegsende

Sie mache sich keine Illusion, dass der Krieg schnell beendet werden könnte, sagte Irina Mazuruk, „ich fürchte, es wird alles noch schlimmer werden“, so die Journalistin. Sie habe auch Angst vor einer nuklearen Bedrohung. Deshalb sieht sie ihre Zukunft auch absehbar in Deutschland. „Ich werde die Sprache lernen, die deutsche Kultur und Tradition kennenlernen und ich werde versuchen, nützlich zu sein für die deutsche Gesellschaft und für meine Heimat, die Ukraine.“ Trotz allem sei es schwierig für sie, positiv zu denken, vor allen Dingen weil ihre Mutter und ihre Tochter nebst Mann nach wie vor in der Ukraine leben und dort nicht wegwollen.

„Wir können nicht zurückkehren, der Krieg hat in meinem Herzen tiefe Wunden hinterlassen. Mariupol ist ausgelöscht“, so Julia Pestrikova. Auch sie hat Angst um ihre Mutter, die die Stadt nicht verlassen will, vor allen Dingen, wenn der Winter kommt. „Wir haben keine andere Perspektive, als uns hier zu integrieren, und wir wurden in Deutschland sehr nett und freundlich empfangen, dafür sind wir sehr dankbar.“