Kreis Heidenheim / Catrin Weykopf Pfefferspray und Schreckschusspistolen haben Konjunktur. Allein seit Jahresbeginn haben viermal mehr Landkreisbewohner einen kleinen Waffenschein beantragt als sonst im gesamten Jahresverlauf. Die Polizei sieht die Entwicklung kritisch.

Eine Schreckschusswaffe besitzen darf jeder, der älter als 18 Jahre ist. Sie aber mit in die Öffentlichkeit nehmen, sie beispielsweise im Handschuhfach dabei haben oder in der Handtasche, dazu benötigt man einen kleinen Waffenschein. Diesen bekommt man auf Antrag im Landratsamt und seit Jahresbeginn ist die Nachfrage danach so hoch wie noch nie.

Im Schnitt acht bis zehn Anträge für den kleinen Waffenschein werden normalerweise pro Jahr im Kreis gestellt, berichtet Sigrid Engel-Gold, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung. Seit Jahresbeginn 2016 hat sich diese Zahl drastisch nach oben entwickelt: 27 kleine Waffenscheine wurden seit 1. Januar bereits bewilligt, Anträge für weitere zehn liegen vor und warten auf Bearbeitung.

Viermal mehr Personen als sonst im gesamten Jahresverlauf wollten sich somit allein in den ersten zwei Monaten des neuen Jahres in die Lage versetzen, eine Schreckschusspistole mit in die Öffentlichkeit zu nehmen. Die Entwicklung im Kreis folgt damit einem Trend, der seit Winter 2015 bundesweit zu beobachten ist. Wie das Bundesininnenministerium kürzlich mitteilte, sei in den vergangenen drei Monaten ein Anstieg um 21 000 Anträge bei den kleinen Waffenscheinen zu verzeichnen. Doch warum?

Es geht um allgemeine Sicherheit

„Viele Menschen sind in Sorge, dass sie von der Polizei nicht ausreichend geschützt werden können“, berichtet Landratsamtmitarbeiterin Engel-Gold von den Argumenten, die sie in den Gesprächen mit den Antragstellern hört. „Die Leute haben Angst vor Überfällen, Einbrüchen und Dieben und haben den Eindruck, dass die Polizei zu lange brauchen würde, bis sie kommt und helfen kann.“

Einen direkten Zusammenhang mit den Silvester-Ereignissen von Köln oder der wachsenden Zahl an Flüchtlingen im Kreis kann Engel-Gold aus den Gesprächen mit den Antragstellern nicht ableiten. „Das wird uns gegenüber so jedenfalls nicht thematisiert. Es geht den Leuten eher um ihre allgemeine Sicherheit“.

Sagen, warum sie einen kleinen Waffenschein möchten, müssen die Antragsteller nicht – im Gegensatz zur Waffenbesitzkarte, die man für eine Schusswaffe mit scharfer Munition benötigt. Für diese muss ein Bedürfnis wie die Jagd oder die Aktivität als Sportschütze nachgewiesen und eine Sachkundeprüfung abgelegt werden. Einen „echten“ Waffenschein, mit dem man eine scharfe, geladene Waffe mit sich führen darf, bekommt man als Normalbürger sowieso nicht.

Für den kleinen Waffenschein gelten indes in vieler Hinsicht abgemilderte Regeln: So müssen Antragsteller für den kleinen Schein weder eine Haftpflichtversicherung noch eine bestandene Waffensachkundeprüfung vorweisen. Dies bedeutet, dass die Träger von Schreckschusswaffen nicht darüber Bescheid wissen müssen, wie sich ein Notstand definiert, wann sie also in Notwehr handeln, wenn sie die Waffe benutzen.

Die Chancen, einen kleinen Waffenschein zu erhalten (siehe Info), stehen demgegenüber gut. Rund 95 Prozent aller Anträge werden bewilligt, bestätigt Sigrid Engel-Gold. Derzeit allerdings dauere die Bearbeitung länger als die sonst durchschnittlichen sechs Wochen. Dies allerdings habe nichts mit der größeren Zahl der Anträge zu tun, sondern damit, dass derzeit angesichts der beginnenden Jagdsaison die waffenrechtlichen Anträge von Jägern Vorrang haben.

Doch wer sind die Menschen, die sich jetzt mit dem kleinen Waffenschein ausrüsten? „Ganz normale Leute“, sagt Engel-Gold. „Und nicht einmal nur junge, wir hatten auch schon 80-Jährige, die den Schein beantragt haben.“

Waffe schon länger zu Hause

Dass mit der gestiegenen Nachfrage nach dem Schein auch die Nachfrage nach den Waffen selbst steigt, bestätigt Walter Rödter, Inhaber eines Waffengeschäfts in Giengen. „Ja, es wird vermehrt gezielt danach gefragt – nach Schreckschusswaffen, aber auch nach Pfefferspray.“ Und auch Rödter ist in den vergangenen Monaten öfter auf den kleinen Waffenschein angesprochen worden: „Viele, die ohnehin schon eine Schreckschusswaffe zu Hause haben, denken jetzt darüber nach, den Schein zu beantragen, um sie dann mit sich führen zu dürfen“, erklärt der Händler. Das Thema Flüchtlinge kann jedoch auch er nicht als Hauptgrund für die gestiegene Nachfrage ausmachen. „Es ist mehr ein allgemeines Bedürfnis nach Sicherheit“, sagt auch Rödter.

Mit großen Bedenken beobachtet die Polizei die Entwicklung. „Tatsächlich scheint das Thema Sicherheit verstärkt in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken“, bestätigt der Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm, Wolfgang Jürgens. Er jedoch hält Pfeffersprays und Schreckschusswaffen für „unnötige Dinge“, die ihren Besitzern „nur ein falsches Gefühl von Sicherheit“ geben könnten. Um sie überhaupt richtig einzusetzen, sei ständiges Training erforderlich – davon abgesehen sei ihr Einsatz nicht sinnvoll. „Es ist erstes Ziel, im Konflikt zu deeskalieren, den Konflikt zu entschärfen. Das geht mit einer Waffe in der Hand im Regelfall nicht“, so Jürgens.

Polizei mahnt: Selbstverteidigung nicht mit Waffen

Vermehrt im Einsatz mit derartigen Waffen konfrontiert sind die Beamten im Kreis Heidenheim allerdings noch nicht. Drei Fälle verzeichnet das Ulmer Präsidium seit Jahresbeginn: Einmal wurde das Pfefferspray durch einen Beteiligten einer Schlägerei verwendet. In einem zweiten Fall setzte sich das Opfer eines Raubes damit zur Wehr – jedoch nur bedingt erfolgreich, wie Jürgens betont. Im dritten Fall nahm eine Frau das Spray an sich, weil sie beobachtete, wie eine Passantin bedroht wurde. Zum Einsatz des Sprays kam es dann jedoch nicht.

Polizeisprecher Jürgens sieht aber nicht nur Probleme bei der Anwendung, sondern auch bei den Folgen, die der Gebrauch von Spray und Schreckschusspistolen haben kann. „Diese Waffen sind höchstens zur Tierabwehr gedacht. Wer damit einen Menschen außerhalb der Grenzen der Notwehr verletzt, macht sich unter Umständen selbst strafbar“, appelliert er. Aus Sicht der Polizei empfiehlt er deshalb, Selbstverteidigungs- oder Selbstbehauptungskurse zu besuchen. Jürgens: „In einem gutem Kurs lernt man übrigens auch, dass rund 90 Prozent der Fälle sexueller Gewalt von Bekannten oder Verwandten ausgehen, nicht von Fremden.“

Kleiner Waffenschein: Wer ihn bekommt und wer nicht

Um den kleinen Waffenschein zu beantragen, muss man mindestens 18 Jahre alt sein, darf kein Alkoholproblem oder eine psychische Erkrankung haben und muss geschäftsfähig sein.

Geprüft wird, ob ein Eintrag im Bundeszentralregister zu begangenen Straftaten oder verhängten Vorstrafen vorliegt. Zudem wird geprüft, ob ein laufendes Ermittlungsverfahren gegen den Antragsteller läuft und ob er der örtlichen Polizei in negativer Hinsicht bekannt ist.

Auch bei der örtlichen Gemeindeverwaltung werden Informationen eingeholt, etwa ob die Melde- und Adressdaten korrekt sind.

Der Schein berechtigt dazu, eine Schreckschuss-, Reizstoff- (z.B. Reizgas) oder Signalwaffe mit sich zu führen (außer bei Veranstaltungen), die über ein Prüfsiegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) verfügt.

Inhaber des Scheins werden alle drei Jahre überprüft. Sollte eine der Antrags-Voraussetzungen nicht mehr gegeben sein, wird die Berechtigung entzogen. Beispiele wären Alkohol am Steuer oder die Beteiligung an einer Gewalttat.