Heidenheim / Manfred F. Kubiak

Per la notte di natale“: Das Motto weckt Erwartungen. Corellis Nummer acht aus opus sechs, immerhin ausdrücklich fatto per la notte di natale? Fehlanzeige. Auch kein Torelli in g oder Manfredini in C. Und wer auch immer dieses Motto nun am Ende ausgerufen haben mag, das Stuttgarter Kammerorchester oder die Programmgewaltigen des Kulturamtes: Es weihnachtete entgegen allen Erwartungen nicht sehr am Samstag beim Meisterkonzert vor 450 Besuchern im Festsaal der Waldorfschule in Heidenheim.

Dabei wäre es vielleicht ja sogar mal ganz nett gewesen, in dieser zeitlichen Nähe zum fest eine richtige Packung barocker, für die Heilige Nacht komponierter Hits verpasst zu bekommen. Denn das Gegenargument, die höre man doch immer, zieht eigentlich nur, wenn man die Konserve zu Hause aus dem Plattenschrank oder die aus dem Radio meint und als vollgültig betrachtet, was im Endeffekt allerdings die leider etwas fatale Folge mit sich bringt, dass man live, im Konzertsaal, also dort, wo es richtig Eindruck macht und wo man Musik hören sollte, solch nur vermeintlich Abgenudeltes so gut wie nie zu hören bekommt, weil sich kaum ein Interpret dem womöglich aufkommenden Vorwurf aussetzen möchte, er wolle sich mit Mainstream beim Publikum anwanzen.

Von Mozart bis Bach

Keine Überdosis Weihnacht also am Samstag. Schade. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite allerdings auch wieder durchaus verständlich, wen man bedenkt, dass das Stuttgarter Kammerorchester mit diesem Programm ja nicht nur die paar Tage vor Heiligabend auf Tour ist, sondern sich auch noch nach Neujahr hören lassen muss.

Also ging's in der Waldorfschule nicht einmal mit Barock, sondern mit dem für mehr als bloß Streichquartett gesetzten Divertimento in D, KV 155, also mit Mozart los. Der ist, obwohl oder gerade weil er so leicht daherkommt, bekanntlich immer schwer zu spielen. Und womöglich wäre er weiter hinten im Programm etwas besser aufgehoben gewesen.

Als klanglicher Kontrast zum Beispiel. Denn hier klangen die Stuttgarter Streicher, wenn man so will, als Ensemble insgesamt eine Spur echter, heimischer als später im Barock.

Gut, das mag Geschmackssache sein, und das Kammerorchester tritt mit Cembalo und Streichern, ohne Laute oder Theorbe an; aber der Sound, den das Ensemble in seinen barocken Momenten zu entfalten pflegt, ist doch eher – was sowohl in der Bedeutung von allgemein als auch vielseitig verstanden darf –, ein universeller und nicht unbedingt der, den die Spezialisten als state of the art zelebrieren.

Darauf muss man sich einlassen. Und dann ist man auch schon auf dem interpretatorischem Felde angelangt. Hier gelingt den Stuttgartern, auf die sich nicht immer in ihrer Gesamtheit die zupackende, bestimmt auch zum Wagnis neigende Art ihrer Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit überträgt, ein sehr interessant mit leichtem Vorwärtsdrall daherkommender erster Satz in Georg Friedrich Händels Concerto grosso op. 6 Nr. 4. In dieser Art würde man das gern öfter hören.

Darüber diskutieren könnte man, ob Johann Sebastian Bachs ohne Pauken und Trompeten in der Fassung für Streicher gereichte berühmte Ouvertüre Nr. 3 nun leider etwas schnell und zu tänzerisch oder glücklicherweise mal nicht so gedankenschwer gereicht wurde. Eindeutig ein wenig zu hudelig hingegen war der Eindruck beim noch viel berühmteren Air.

Venezianischer Knaller

Hingegen zum absoluten Höhepunkt des Abends gerieten die Sonaten fünfzehn und sechzehn eines geheimnisumwitterten Venezianers mit dem Namen des vielleicht geheimnisvollsten Stadtteils der Serenissima: Dario Castello. Der Mann komponierte im Übergang von der Renaissance zum Barock, und was in Heidenheim von ihm zu hören war, hätte das Kommen allein schon gelohnt. Virtuose, noch nach Neuland suchende und weniger nach später formulierten kompositorischen Regeln funktionierende, mitunter beinahe schon wie extemporiert, gleichsam aus dem Augenblick entworfen wirkende Musik voller Virtuosität, mit der die Stuttgarter, zu dieser Gelegenheit lediglich mit den Stimmführern angetreten, auch regelrecht aus sich heraus und durchaus sogar ins Risiko gingen. Das ergab fesselnde Momente und machte bleibenden Eindruck. Zwei echte Knaller.

Und sonst? Pietro Locatellis Concerto grosso op. 1 Nr. 8 mit seiner Pastorale als Reverenz ans so wenigstens einmal kurz strapazierte Konzertmotto – und Bachs Air als Zugabe eines nicht zuletzt auch deshalb sehr anregenden Abends, weil er – man kann Musik nicht nur hören, man kann sogar angeregt über sie reden – Gesprächsbedarf hinterließ.

Zweimal im neuen Jahr

Das nächste Meisterkonzert der Saison 2018/19 gibt's, wenn man so will, gleich doppelt. Es wird sich dann um die beiden Neujahrskonzerte mit dem Stuttgarter Philharmonikern am Freitag, 4. und Samstag, 5. Januar, im CC handeln. Auf dem Programm stehen dann selbstverständlich auch diverse Strauß-Walzer, aber darüber hinaus unter anderem auch etwas Bernstein oder die „Rosenkavalier“-Suite von Richard Strauss. Eintrittskarten sind im Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses in Heidenheim und in allen HZ-Geschäftsstellen im Landkreis erhältlich.