Heidenheim / Siglinde Broich-Bernt Zeit für eine Tasse Kaffee? Das fragt Siglinde Broich-Bernt ihre Zufallsbegegnungen. Diesmal Ilse Frindt, die „Lebkuchenfrau vom Eugen-Jaekle-Platz“.

Obwohl sie weder Spargel sticht noch Erdbeeren pflückt, bei der Weinlese zu finden ist oder Orangen in Israel erntet, darf Ilse Frindt mit Fug und Recht behaupten: „Stimmt. Ich bin Saisonarbeiterin.“

Die 63-Jährige lässt keinen Zweifel aufkommen, dass das mit zu den flotten Sprüchen gehört, mit denen sie regelmäßig die Besucher erfreut, wenn sie von Mai bis September an der Kasse des Waldfreibades sitzt. Von Mitte Oktober bis Heiligabend macht sie dann ihren Kunden den Mund mit Lebkuchen aus der mittelalterlichen Stadt Nürnberg wässrig.

Beständigkeit wichtig

Beständigkeit ist Ilse Frindt in ihrem Leben stets wichtig gewesen. Und so wundert es nicht, dass sie nach über sechs Jahrzehnten immer noch in der Wohnung lebt, in der sie mit vier Geschwistern aufgewachsen ist.

Neuselhalden steht als Geburtsort im Stammbuch, Herbrechtingen im Adressbuch. Die meisten Stunden ihres Lebens hat die gelernte Einzelhandelskauffrau aber sicher in Heidenheim verbracht. Ausgebildet im Modehaus Haux, wechselte die extrovertierte Ilse Frindt zur Konkurrenz und erlebte mit, wie aus Merkur Horten wurde, aus Horten Horten extra, schließlich das Kaufhaus Rupprecht, daraufhin Kaufring. Im November 2000 ging schließlich nichts mehr.

Vorübergehend arbeitslos

Mit 44 Jahren wurde Frindt, die sich im Laufe der Zeit zur stellvertretenden Abteilungsleiterin hochgearbeitet hatte, wie so viele andere mit ihr vorübergehend arbeitslos. „Ich habe es zwar mit einer Umschulung zur Buchhalterin versucht“, sagt Frindt, „konnte aber nicht wirklich Fuß fassen.“ In den Absagen hieß es oftmals: „Leider unterqualifiziert.“ Ebenso häufig aber auch: „Überqualifiziert.“ Fünfeinhalb Jahre ging nichts mehr.

„Ich arbeitslos? Das war schlimm“, erinnert sich Frindt. 2006 dann die Wende. Die Stadtverwaltung in Heidenheim suchte eine Saisonkraft für die Sommermonate im Waldbad, „und zu meinem Glück konnte ich noch im selben Jahr meine Brötchen an der Kasse bei der Eislaufbahn verdienen.“ An Freizeit oder Urlaub sei bis 2010 nur im März zu denken gewesen, „denn von April bis Oktober war mein Arbeitsplatz im Waldbad, von November bis Februar bei der Eislaufbahn“.

Bekannt als „Lebkuchenfrau“

Die ist in Heidenheim mittlerweile Geschichte, doch nach ihrem Aus hat Frindt die Hände nicht in den Schoß gelegt. „Ich arbeite viel zu gern“, sagt die 63-Jährige, deren Namen zwar wenige kennen, dafür umso besser das Gesicht der „Lebkuchenfrau vom Eugen-Jaekle-Platz“.

Dort wird Frindt nicht müde, die Vorzüge der einzelnen Sorten aufzuzeigen, Stunde um Stunde, Tag für Tag, von Woche zu Woche. Immer geduldig und freundlich, denn „keiner ist so wichtig wie der Kunde“.

Genau so hält sie es mit den Badegästen, nimmt sich schon mal Zeit für ein „Schwätzle“ und kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Bläst der Wind mal stärker, tauft Frindt das Waldbad kurzerhand zum Wellenbad um und verbreitet selbst an den saisonstärksten Tagen gute Laune: „Alles, was man gern macht, ist kein Stress.“

Familie steht im Mittelpunkt

Von Weihnachten bis April widmet sich die Herbrechtingerin ganz der Familie: „Ich käme nie auf die Idee, mich außerhalb der Saison arbeitslos zu melden.“ Ihre ganze Liebe gilt ihren beiden Großneffen, die Frindt bislang unangefochten für „die Coolste“ halten. In dieser Zeit kann sie sich zudem etwas intensiver um eine pflegebedürftige Schwester kümmern.

Schon bald steigt die Saisonarbeiterin auf ihr Gefährt mit, wie sie sagt, „30 BS“ – „Beinstärke“, erklärt sie. Mit ihrem 21-Gang-Fahrrad legt sie in den Sommermonaten gut und gerne 4000 Kilometer zurück. Die Betonung liegt auf gerne. Fragt man Ilse Frindt: „Wie lange müssen Sie denn noch?“, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: „Zweieinhalb Jahre darf ich noch.“