Steinheim / HZ Noch heute wundert sich Jürgen Petzl aus Steinheim über so manche Eigenart der Amerikaner. Dennoch lebt er seit vielen Jahren gerne in Colorado Springs (Colorado) in den USA.

Colorado ist ungefähr so groß wie Deutschland. Es ist nur einer von 50 Staaten, die die USA ausmachen. In Deutschland leben etwa 82 Millionen Menschen, während in Colorado nicht mal sechs Millionen Einwohner leben. Hier hat man also viel mehr Platz! Deswegen ist hier wahrscheinlich auch alles größer. Das reicht von Autos, die teils doppelt so groß sind wie deutsche Fahrzeuge bis hin zu den Fahrbahnen, die innerorts breiter sind als Autobahnen in Deutschland. Deutsche Fahrer können auch parallel einparken – eine Kunst, die die Amis nicht unbedingt beherrschen. Wozu auch, wenn alles so offen ist.

300 Sonnentage im Jahr

Die unermessliche Weite trägt aber auch zur Schönheit Colorados bei. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man durch eines der weiten Täler fährt mit Bergen auf jeder Seite. 300 Tage Sonne pro Jahr helfen dabei natürlich auch ungemein. Hier in Colorado Springs wird es zwar auch schon mal kalt im Winter mit ein wenig Schnee, aber der taut meistens schon nach ein paar Tagen. Wir sind hier auch auf 2000 Metern Höhe. Deswegen ist der Himmel auch viel blauer als in Deutschland. Einfach mal vorbeikommen und selbst erleben…

Manche Dinge sind aber auch ähnlich zu Deutschland. Obi zum Beispiel kennt in Deutschland jeder. Wenn man die USA besucht und in einem „Home Depot“ einkauft, fühlt man sich gleich wie zuhause. Alles ist orange und man kann auch das gleiche wie bei Obi erstehen. Es gibt aber auch andere Einkaufserlebnisse. „Costco“ zum Beispiel ist einer der Großhändler in den USA. Man bekommt alles viel günstiger und bekommt nicht nur ein Stück Seife – es sind 20 Stücke Seife.

Das ist der Lifestyle hier in den USA: Je mehr, desto besser. Quantität ist meist wichtiger als Qualität. Die Bauweisen der Häuser sind ein gutes Beispiel. In Deutschland sind die Häuser kleiner, aber aus Stein gebaut. Nach 100 Jahren steht das Haus immer noch. Moderne Häuser in den USA sind aus Holz gebaut. Das macht sie viel günstiger, aber natürlich auch nicht so langlebig.

Besondere Mentalität der Amerikaner

Die Mentalität in den USA ist aber auch anders. Hier ist es eher üblich, dass man nach nur ein paar Jahren umzieht, meist wegen eines neuen Jobs. In Deutschland ist man sesshafter. Ein weiteres Beispiel sind die „free refills“. Als Schwabe stehe ich natürlich mit ganzem Herzen dahinter: wenn man im Restaurant noch ein wenig Durst hat, bekommt man seine Pepsi Cola einfach nochmal aufgefüllt – umsonst.

Leider ist da auch der Mangel an Bäckereien. Wo ich herkomme, findet man an jeder Ecke eine. Hier ist das überhaupt nicht der Fall. Und die Backwaren lassen hier sowieso zu wünschen übrig. Toastbrot gilt hier als der Standard und von Wasserwecker hat hier noch niemand gehört.

Religion spielt in den USA eine große Rolle. Unglaublich viele Menschen leben angeblich so, wie es in der Bibel steht. Viele versammeln sich sonntags in riesigen Kirchen mit 10 000 Menschen. Leider folgen sie nur den Passagen in der Bibel, die ihre Ansichten unterstützen. Religion spielt auch eine große Rolle in der Politik, obwohl das eigentlich nicht so sein dürfte. Abtreibung zum Beispiel ist ein heißes Thema. Einfach ausgedrückt, die Republikaner sind gegen die Abtreibung, die Demokraten dafür. Viele Wähler haben entweder keine Ahnung, wofür die Republikaner stehen oder es ist ihnen egal, aber weil sie gegen die Abtreibung sind, werden sie grundsätzlich für die Republikaner stimmen. Das gleiche gilt für die Gesundheitsversorgung. In Deutschland ist man es gewohnt, einen Teil des Gehalts an die Krankenkasse zu zahlen. Wenn man dann krank ist, wird die Behandlung größtenteils von der Krankenkasse bezahlt. Wenn man nicht krank ist, werden mit dem Geld die kranken Mitbürger behandelt. Jeder trägt seinen Teil dazu bei. Hier gibt es auch Krankenkassen, aber die bezahlen für viel weniger, und viele Menschen sind dagegen, auch nur einen Cent für andere auszugeben. Man ist hier einfach viel egoistischer.

Die Denver Broncos begeistern die Massen

In Deutschland ist Fußball Nationalsport, hier in Colorado dagegen weitgehend unbekannt. In den USA dreht sich alles um Baseball und American Football. Die großen Vereine hier in Colorado sind die Denver Broncos (Football) und die Colorado Rockies (Baseball). Besonders die Broncos haben eine große Anhängerschaft. Die Mannschaftsfarben sind blau und orange und wenn das Team sonntags spielt, kann man hier nur noch diese Farben sehen. Sowas erlebt man in Deutschland nur, wenn die National-Elf die Fussball-Weltmeisterschaft gewinnt. Ich persönlich bevorzuge natürlich DFB-Elf…

Regeln und Gesetze sind ein großer Bestandteil der Kultur in Deutschland. Hier gibt es die natürlich auch, aber es sind bei Weitem nicht so viele wie in Deutschland. Das macht hier alles freizügiger, viele nutzen das aus. Man gibt ihnen den kleinen Finger und sie nehmen die ganze Hand. So etwas wie den TÜV in Deutschland gibt es hier nicht. Jeder kann fahren, was er will. Das resultiert in viele liegengebliebene Fahrzeuge, aber natürlich auch in Autos, die gegen jedes Gesetz verstoßen, weil man ja sonst keine Regeln befolgen muss. Das gleiche gilt für Marihuana. Kleine Mengen sind in Colorado legalisiert worden. Ich dachte, das würde allen genügen, aber ich sehe hier in meinem Job als Polizist immer noch viele Straftaten, die mit Marihuana zu tun haben. Das reicht von Einbruch in Marihuana-Shops bis zu bewaffnetem Raub und zwölf Morden direkt hier in Colorado Springs, die von kleinen Dealern begangen werden, weil sie nicht ihre 50 Dollar von ihren Kunden für die 20 Gramm Marihuana bekommen haben.

Dazu trägt natürlich auch bei, dass man Waffen an jeder Ecke kaufen kann und diese ganz ohne Waffenschein offen tragen kann. Wenn ich die gleiche Waffe verdeckt tragen will, muss man sich beim Sheriff anmelden.

Nur Schwerverbrecher dürfen keine Waffen besitzen. Es scheint mir aber so, als ob denen dieses Gesetz egal wäre. Während einer Verkehrskontrolle hatte der Fahrer eines Autos sehr lange gebraucht, um das Auto anzuhalten. Das ist natürlich verdächtig. Viele Verdächtige nutzen die paar Sekunden, um etwas zu verstecken, das ich nicht finden soll. Als das Auto endlich angehalten hatte, habe ich mich vorsichtig dem Fahrer genähert. Es war ein 15 Jahre alter Junge, der nicht mal einen Führerschein besaß. Er verhielt sich sehr verdächtig, weshalb ich ihn aus dem Auto zog. Dabei fiel mir die Waffe auf, die er versucht hatte, unter dem Fahrersitz zu verstecken. Sie war aber zu groß. Gegen ihn lagen mehrere Haftbefehle für Schwerverbrechen vor. Während des Verhörs gestand er, dass er sich nicht sicher war, ob er mich erschießen sollte oder die Waffe verstecken. Er hat sich fürs Verstecken entschieden, weil er nicht wusste, ob ich mit meiner Waffe umgehen kann oder nicht. An dem Tag wollte er nicht sterben – mit seinen 15 Jahren.

Als Polizist auch in gefährlichen Situationen

Vor einiger Zeit hatte ich einen Einsatz für „shots fired“. Als ich ankam, habe ich einen Mann und eine Frau angetroffen, die in der Wohnung leben. Sie haben mir gesagt, dass ein Unbekannter einen Mann in der Wohnung erschossen hatte. Das Opfer befand sich im Schlafzimmer. Ich habe versucht, ihn wiederzubeleben, aber vergeblich. Er hatte eine Schusswunde auf der rechten Seite seiner Brust und die Kugel ist nach unten in den Körper eingedrungen. Zwei Dinge fand ich besonders verdächtig: Der Mann war nackt und ich habe ihn im Schrank gefunden. Das Paar, dass wir angetroffen haben, war verheiratet, und das Opfer war der Vater der zwei Kinder der Dame. Nach einer langen Befragung des Ehepaars stellte sich heraus, dass der Ehemann seine Gattin mit dem Opfer überrascht hatte. Der Gatte hatte das Opfer im Schlafzimmerschrank gefunden. Obwohl er um sein Leben gefleht hatte, erschoss ihn der Ehemann. Wir waren ein wenig zu schnell vor Ort und der Gatte musste eine Geschichte erfinden. Seine Frau hat versucht, für ihn zu lügen, aber es ist schwierig, die gleiche Lüge zu erzählen.

Ich bin Diabetiker seit über drei Jahrzehnten. Viele denken, dass das nicht unbedingt ein Vorteil ist für einen Polizisten. Das kann ich aber widerlegen. Ich hatte einen Verdächtigen, der eine 1 ml-Spritze bei sich gehabt hatte. Er hat mir erzählt, dass er Diabetiker sei und deswegen die Spritze brauche. Er hatte aber nichts anderes dabei: kein Insulin, keinen Blutzuckertester, oder sonst etwas, dass ich erwarten würde. Dann habe ich ihn gefragt, was sein HBA1c war. Dieser Wert zeigt den durchschnittlichen Blutzucker an. Meiner ist 5.7. 10 wäre schon viel zu viel. Der Verdächtige sagte, dass sein HBA1c viel höher sei – 50. Bei diesem Wert wäre sein durchschnittlicher Blutzucker 1388. Wenn das mal nicht zu hoch ist… Er sitzt jetzt im Gefängnis und der Staatsanwalt und meine Kollegen nutzen meine Fachkenntnis, um Verdächtige zu überführen. Manchmal zahlt es sich also aus, Diabetiker zu sein...