Heidenheim / Manfred F. Kubiak Stadtkapellmeister Jürgen Degeler leitet mit durchschlagendem Erfolg seit 20 Jahren das Städtische Blasorchester Heidenheim und sitzt auch darüber hinaus in einigen musikalischen Sätteln.

Seit 20 Jahren leitet Stadtkapellmeister Jürgen Degeler das Städtische Blasorchester Heidenheim. Weil das ein Grund zum Feiern ist, steht das nächste Konzert am Sonntag, 23. Dezember, ab 18 Uhr im Festsaal der Waldorfschule unter ganz besonderen Vorzeichen. Wie er es geschafft hat, beinahe aus dem Nichts mehrere schlagkräftige Ensembles zu formen oder welchem Wandel die Blasmusik über die Jahre unterworfen war, darüber unter anderem spricht der Stadtkapellmeister in diesem Interview.

Als Sie, Herr Degeler, vor 20 Jahren als Leiter des Städtischen Blasorchesters antraten, waren Sie um Ihre Aufgabe nicht unbedingt zu beneiden.

Wie man's nimmt. Ich hätte auch nicht anzutreten brauchen, aber das war ja, was ich gewollt hatte. Beschweren hätte ich mich also nicht dürfen. Doch wenn ich bedenke, und darauf wollten Sie bestimmt anspielen, dass das Orchester damals gerade noch 14 Mitglieder hatte und der Unterbau aus sieben Jugendlichen bestand, dann haben Sie sicher recht: aller Anfang war schwer.

Heute nun sieht das ganz anders aus. Sie haben die Zahlen sicherlich parat.

Das Städtische Orchester hat mittlerweile zwischen 50 und 60 Mitglieder, in den drei Jugendorchestern spielen 70 Kinder und Jugendliche.

Wie bewerkstelligt man einen solchen Aufschwung?

Indem man ganz unten anfängt. Ich habe zum Beispiel an der Musikschule jeden in Frage kommenden Schüler und Lehrer persönlich angesprochen und auch immer weiter nachgefragt, nachdem wir schon längst auf einem guten Weg waren. Denn man darf nicht unterschätzen, dass von zehn Jugendlichen am Ende nur einer oder zwei auch im großen Orchester sitzen. Die anderen haben bis dahin zum Beispiel Heidenheim längst verlassen, weil sie ein Studium begonnen haben, denn die meisten Kinder, die ein Instrument spielen, machen auch Abitur. Und mit dem Studium beginnen sie heute nach einer G8-Schulzeit oft schon mit 17. Früher, als es noch Bundeswehr oder Zivildienst gab, hatte ich die Jugendlichen meist bis 21 im Orchester. Es ist alles schnellebiger geworden.

Charakterisieren Sie doch mal Ihr Orchester.

Wir sind ein Verein, der beinahe das komplette Altersspektrum abdeckt, da sitzen Menschen von 16 bis 70 drin und machen gemeinsam Musik. Ich mit meinen 55 gehöre da schon zu den älteren Semestern, denn der Altersschnitt liegt bei 28, 29, 30; wir haben also eine sehr gesunde Struktur, was auch als Resultat dessen zu sehen ist, wie wir in den vergangenen 20 Jahren gearbeitet haben.

Das Städtische Orchester existiert seit 129 Jahren. Was für Musik hat man früher gespielt, und wie hat sich das im Laufe der Zeit gewandelt?

Bei den ganz alten Noten von einst handelt es sich fast ausschließlich um klassische Transkriptionen von Ouvertüren, Operetten und Opern, quer durch den Gemüsegarten. Das Notenmaterial von damals lässt darauf schließen, dass auf hohem Niveau gespielt wurde und der Anspruch mit dem von heute zu vergleichen ist. Allerdings hat sich das Instrumentarium geändert, so spielte zum Beispiel das Saxophon vor hundert Jahren so gut wie keine Rolle. Geändert hat sich auch das Repertoire, keine Frage. Filmmusik hat einen hohen Stellenwert, und es gibt, was die konzertante Blasmusik allgemein angeht, viele neue und gute Sachen, der Markt an Novitäten ist geradezu unübersichtlich groß. Nach wie vor aber pflegen wir auch traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas, die wir auch nicht aus unserem Repertoire fallen lassen werden, und das keineswegs nur, weil sie sich beispielsweise für Promenadenkonzerte eignen, sondern weil es einfach gute Musik ist, wenn man sie mit der ihr zustehenden Wertigkeit behandelt.

Alles, so sagt man, hat seine Vor- und Nachteile. Wie steht's denn damit bei einem Blasorchester?

Der Vorteil ist, dass unsere toll klingende Besetzung auch so richtig wuchtig sein kann. Der Nachteil ist, dass uns nun einmal die Farben der Streicher fehlen.

Gibt's bei Ihnen ein Nachwuchsproblem zu beklagen?

Nein, momentan nicht, obwohl wir in den vergangenen Jahren zeitweilig sogar noch mehr Jugendliche als derzeit hatten.

Spielen inzwischen weniger Kinder und Jugendliche ein Instrument als früher?

Ja, aber noch nicht massiv, würde ich sagen. Jedoch ist die Einrichtung von Ganztagsschulen in dieser Hinsicht schon zu spüren.

Sie sind in vielen musikalischen Sätteln zu Hause. Wo am liebsten?

Ich tue alles gern, aber wenn Sie mich darum bitten, etwas hervorzuheben, dann würde ich drei Dinge nennen: die Leitung des Städtischen Orchesters, dessen Aufbau im Jugendbereich – und die Cappella Aquileia, der ich als Trompeter angehöre.

Sie haben über einen langen Zeitraum, wenn man so will, an der Geschichte der Musik in Heidenheim mitgeschrieben. Welche Entwicklung hat diese in den vergangenen Jahrzehnten genommen?

Sie ist in vielen Bereichen wesentlich hochwertiger, zum Teil hochprofessionell aufgestellt und deshalb mit dem, was war, in kaum einer Weise mehr zu vergleichen. Ich war ja einer der ersten Schüler der Heidenheimer Musikschule, und mit 15 saß ich im Schwäbisch-Fränkischen Sinfonieorchester unter der Leitung von Helmut Weigel, dem Vater der Opernfestspiele, einem mit Profis durchsetzten Laienorchester. Wenn ich das mit der Cappella Aquileia von heute vergleichen soll, muss ich gar nicht weitersprechen (lacht). Was die Musik, was die Kultur allgemein anbelangt, liegt Heidenheim weit über dem Niveau anderer Städte mit 50000 Einwohnern.

Was wird das Publikum beim Jubiläumskonzert mit Ihnen nächste Woche zu hören bekommen?

Ein Best-of-Programm.

Eine Art Wunschkonzert mit Ihren Lieblingsstücken?

Könnte man so sagen, ja (lacht).

Von Heidenheim nach Heidenheim in Sachen Blasmusik

Jürgen Degeler (Jahrgang 1963, geboren und aufgewachsen in Heidenheim) studierte Trompete und Orchesterleitung am Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg und an der Musikhochschule in Stuttgart.

1998 übernahm er die musikalische Leitung des Städtischen Blasorchesters in Heidenheim. Degeler wirkte als Trompeter bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, bei den Münchner Sinfonikern und am Ulmer Theater mit.

Als Dirigent leitete er vor seiner Rückkehr nach Heidenheim die Orchester der Stadt Böblingen und war an der dortigen Musikschule als Trompetenlehrer angestellt.

Seit 2006 ist Degeler Lehrer für Trompete und Orchesterleitung an der Musikschule in Heidenheim. Aufgrund seiner Verdienste wurde er 2009 zum Stadtkapellmeister ernannt. Jürgen Degeler ist unter anderem Mitglied der „Cappella Aquileia“, dem Orchester der Opernfestspiele Heidenheim, sowie dem Ensemble „Six for Brass“.

Eintrittskarten für das Konzert am Sonntag, 23. Dezember, sind im Ticketshop des Pressehauses und in allen HZ-Geschäftsstellen erhältlich.