Heidenheim / Silja Kummer Seit 30 Jahren führt das Diakonische Werk in Heidenheim ein Frauen- und Kinderschutzhaus. 1518 Frauen haben sich seither vor der Gewalt in ihren Partnerschaften dorthin geflüchtet, das sind beinahe so viele Menschen wie Großkuchen Einwohner hat.

Wo sich das Haus befindet, wird so gut wie möglich geheim gehalten. Und auch die Mitarbeiterinnen bitten darum, anonym bleiben zu dürfen– zu groß ist die Angst vor Übergriffen von Männern, die die Trennungsabsichten ihrer Frauen nicht akzeptieren. Am größten ist die Gefahr natürlich für die Frauen selbst, die oftmals in Notsituationen, wenn die Gewalt zu Hause eskaliert, ohne auch nur die notwendigsten Habseligkeiten ins Frauenhaus flüchten. „Wir sind kein Strick- und Häkelclub, sondern es geht oft um Leben und Tod“, sagt die Leiterin des Hauses. Sie hat Zeitungsausschnitte gesammelt, allein in den letzten drei Monaten finden sich sieben Meldungenüber Ehedramen in Deutschland, bei denen die Frau von dem Mann getötet wurde, der ihr einmal versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten zu ihr zu stehen.

Für die 55-jährige Diplompädagogin, die seit 25 Jahren im Heidenheimer Frauen- und Kinderschutzhaus arbeitet, ist das nichts Neues. Oft, so erzählt sie, spiele der Alkoholmissbrauch des Partners eine entscheidende Rolle in den Familiendramen, auch auf Trennungsabsichten der Frau reagieren Männeroft mit Gewalt. Aber auch ganz junge Frauen, meist aus dem muslimischen Kulturkreis, die von Zwangsheirat bedroht sind, flüchten sich immer häufiger in die Einrichtung.

Die Zahl der aufgenommenen Frauen und Kinder hat sich seit 1989 annähernd halbiert, jedoch sei die Aufenthaltsdauer länger geworden, weshalb das Haus immer noch im selben Maß ausgelastet sei, schildert die Frauenhaus-Leiterin. Bis zu einem halben Jahr können die Frauen mit ihren Kindern bleiben, Zeit, um sich neu zu orientieren, vielleicht eine eigene Wohnung zu finden und wieder ins Berufsleben einzusteigen, wenn dies möglich ist.„Die Frauen, die zu uns kommen, sind viel entschiedener, was eine Trennung betrifft, als noch vor 20 Jahren“, berichtet die Diplompädagogin.

Auch gesellschaftlich habe sich in den letzten Jahrzehnten einiges geändert:„Früher war es für alleinerziehende Frauen ein großes Problem, überhaupt eine Wohnung zu finden“, schildert sie. Auch seien Alleinerziehende stigmatisiert gewesen, heute dagegen sei diese Lebensform weitgehend akzeptiert. Einen Bewusstseinswandel beobachtet sie auch bei den muslimischen Frauen: Diese seien nicht mehr bereit, alles zu ertragen, und würden vermehrt den Weg ins Frauenhaus finden.„Früher waren beispielsweise Türkinnen auch in ihrer Herkunftsfamilie geächtet, wenn sie sich vom gewalttätigen Ehemann getrennt haben.“ Dies sei heute nicht mehr zwangsläufig so.

Was das Alter der aufgenommenen Frauen angeht, sind die allermeisten zwischen 20 und 40 Jahre alt.„In der Familiengründungsphase eskaliert die Situation häufiger“, sagt die Fachfrau. Allerdings gibt es auchüber 70-Jährige im Frauenhaus, die älteste Bewohnerin, die jemals aufgenommen wurde, war 85 Jahre alt.„Oft haben die Frauen jahrelang eine Situation ertragen und stellen irgendwann fest, dass sie es nicht länger schaffen.“

Fünf bis sechs Frauen mit ihren Kindern finden Platz im Frauen- und Kinderschutzhaus, ein Notaufnahmezimmer steht immer bereit. Außerhalb der Bürozeiten kann die Polizei Frauen dorthinbringen, eine Notfallausstattung und etwas zum Essen wird immer bereitgehalten. Tagsüber kümmern sich sechs Mitarbeiterinnen, die in Teilzeit beschäftigt sind, und ein Hausmeister um die Bewohnerinnen. Der Hausmeister allerdings hat keinen eigenen Schlüssel und kann nur ins Haus kommen, wenn die Mitarbeiterinnen auch da sind.

„Ins Frauenhaus zu gehen, ist immer ein sehr mutiger Schritt“, sagt die 55-Jährige. Schließlich verlassen die Frauen ihr Zuhause und wissen oft nicht, ob und wann sie dorthin zurückkehren. Wenn es notwendig ist, werden die Frauen auch an Frauenhäuser in anderen Städten vermittelt.„Wir sind gut vernetzt und nehmen in gleichem Maße, wie wir Frauen woanders hin verweisen, auch selbst Frauen aus anderen Landkreisen auf“, berichtet die Diplompädagogin. Das Instrument des Platzverweises, mit dem die Polizei gewalttätige Männer auf Distanz halten kann, habe an ihrer Arbeit nichts geändert, berichtet die Frauenhaus-Leiterin:„Die Frauen haben oft trotzdem Angst und wollen weg.“