Heidenheim / Joelle Reimer Vier Künstler aus Schwaben und dem Allgäu stellen ab Samstag gemeinsam im Türmle des Heidenheimer Kunstvereins aus. Hierfür haben sie sich ausgiebig mit dem Raum beschäftigt.

„Ich mag keine Rosinen.“ Es gibt wohl keinen Titel, der das dunkelbraune Etwas, das am Treppenaufgang im ersten Obergeschoss des Heidenheimer Türmle hängt, passender beschreiben könnte. Miteinander verbundene Klumpen, glänzend, organisch, und obgleich viel größer als handelsübliche Rosinen, erinnert das Kunstwerk doch stark an die getrockneten Früchte.

Ob Elisabeth Bader tatsächlich keine Rosinen mag, wissen wir natürlich nicht. Was aber deutlich wird beim Gang durch die anstehende Ausstellung in den Räumen des Heidenheimer Kunstvereins: Sie mag Kunst, und sie mag es, wenn Kunst den Betrachter täuscht.

Eben ganz so wie bei den „Rosinen“: Was auf den ersten Blick weich und irgendwie schleimig scheint, fühlt sich unerwartet starr an – es ist gehärtete Schnur, die sie hier zu kleinen Klumpen geformt hat.

Kunst mit dem Raum verknüpfen

Nun könnte man freilich eine Ausstellung ausschließlich mit kunstvoll angefertigtem Dörrobst bestreiten – doch das würde dem Konzept, das die Augsburgerin im Türmle verfolgt, absolut nicht gerecht werden. Denn: Sie stellt hier nicht alleine aus, sondern gemeinsam mit drei Künstler-Kollegen, und zusammen wollen sie ihre Kunst nicht nur zeigen, sondern diese miteinander und mit dem Raum, dem historischen Türmle verschränken.

Unter dem Titel „Raumzeit“ organisieren die Vier bereits seit 2012 eine jährliche Gemeinschaftsausstellung, die sich jedoch Jahr für Jahr verändert und sowohl das räumliche Arbeiten, also das Erfassbare für den Besucher wahrnehmbar macht, als auch das, was nur indirekt erfassbar ist: Die Zeit.

In detailreicher Handarbeit

Beim Gang durch die Ausstellung treffen Baders Installationen aus Papier, Draht, Stoffen und Schnur auf jedem Stockwerk auf weitere Werke mit klingenden Namen wie „Traumpaar“, „Am Anfang war das Wort“ oder „Wanderstäbe“. Letztere gehören dem studierten Bildhauer Bernd Rummert – und damit wären wir auch schon bei der zeitlichen Dimension, denn: Es handelt sich dabei um mit dickem Draht handumwickelte Holzstäbe, und nicht ein oder zwei hat er davon gefertigt, sondern gleich ein ganzes Dutzend – mühsame Handarbeit, die enorm viel Zeit erfordert.

„Überhaupt kann man behaupten, dass die vier Künstler so etwas wie Fleißkünstler sind“, sagt Dr. Franz Eibach, Vorsitzender des Kunstvereins. Neben den „Wanderstäben“ hat Rummert beispielsweise Werke aus zahllosen kleinen Metallsplinten gefertigt; eine „Einkaufstasche“, die auf den ersten Blick an ein Kettenhemd erinnert und über dem Treppengeländer hängt, ein „Teppich“ aus Metall oder eine mit Metallringen ummantelte Bettpfanne, passenderweise neben den Toiletten aufgestellt.

Zwei Monate brauche er für eines dieser Werke, wenn er jeden Tag daran arbeite. Der dritte im Bunde, Christian Hof aus Kempten, ist studierter Mathematiker – und das spiegelt sich in seiner Kunst wider. Riesige, pastellfarbene Bilder hängen an den Wänden, doch bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass dies nichts mit Malerei zu tun hat: Er nutzt ausgediente Tastaturen, um aus tausenden Computertasten riesige Reliefs zu fertigen. „Trotz moderner Technik schaut vieles irgendwie so aus, als stamme es aus vorsintflutlichen Zeiten. Fast so, als habe jemand diese Dinge einst einfach hier im Türmle liegen lassen“, so Eibach.

Nicht zuletzt durch die Bilder von Wolfgang Mennel wird dieser Eindruck noch verstärkt. Der Fotograf aus Krumbach zeigt Aufnahmen aus privaten Archiven, aus Familienalben – beispielsweise das „Traumpaar“, Onkel und Tante in jungen Jahren – und nimmt den Betrachter dadurch mit auf eine ganz eigene Zeitreise. „Er fotografiert die Positive ab und lässt das Bild digital so verblassen, bis man es nur noch erkennen kann, wenn man weiter weg steht. Ein bisschen ist es damit wie mit der Erinnerung“, sagt Eibach.

Passend dazu eine Serie mit dem Titel „Verschwinden“ am Treppenaufgang des zweiten Stockes: Eine Landschaft, aufgenommen in Schwarz-Weiß, die mit jedem Bild etwas mehr Licht verliert und schließlich komplett ins Dunkel abdriftet.

Am Samstag, 9. März, findet um 17 Uhr die Vernissage statt. Dann kann sich jeder Besucher beim Gang durchs Türmle bis zum 12. April seine Rosinen selbst herauspicken – natürlich nur die, die er mag.

Konzept der Ausstellung „Raumzeit“

Für die gemeinsame Ausstellung haben sich vier Künstler zusammengefunden, die trotz unterschiedlicher Materialien und Vorgehensweise ein konzeptueller Ansatz verbindet. „Raumzeit“ zeigen Elisabeth Bader, Wolfgang Mennel, Bernd Rummert und Christian Hof bereits seit 2012 jedes Jahr an einem anderen Ort. Sie waren bereits in Kempten, Nürnberg, Nürtingen, Bad Aibling, Landshut und Erlangen.