Seit zweieinhalb Wochen steigt die Zahl der Corona-Fälle im Landkreis Heidenheim exponentiell an. Am Mittwoch meldete das Gesundheitsamt 114 Infektionen mehr als am Vortag. Im Land Baden-Württemberg liegt der Landkreis Heidenheim mit einer Inzidenz von 284,6 relativ weit vorne. Bundesweit führen aber Landkreise die Liste an, die eine Inzidenz von über 700 haben. Trotzdem sagt Landrat Peter Polta: „Die Lage erfüllt uns mit großer Sorge.“

Nicht auf den Bund warten

In der relativ niedrigen Impfquote von 57 Prozent sieht man im Landratsamt einen Grund für die hohe Zahl der akuten Erkrankungen. Landrat Polta kündigte deshalb am Donnerstag aufgrund der Situation an, eine eigene Impfstrategie für den Landkreis zu entwickeln. „Ich warte nicht, bis auf Bundesebene Entscheidungen getroffen werden“, so Polta. Dem Landkreis stehe ab sofort ein mobiles Impfteam aus Ulm vorrangig zur Verfügung. Darüber hinaus sollen in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten im Landkreis Impfteams zusammengestellt werden, die Vor-Ort-Termine für Booster- und Erstimpfungen anbieten.

Gemeinden suchen Räume

Als weiteren Schritt kann sich der Landrat vorstellen, vom Landkreis eingesetzte Impfteams mit Honorarkräften zu beschäftigen. Die Städte und Gemeinden sollen dafür geeignete Orte benennen und auch Räume zur Verfügung stellen. Peter Polta appelliert dringend an alle Ungeimpften: „Jetzt wird es allerhöchste Zeit für eine Erstimpfung.“

Beispiellose Corona-Infektionswelle im Landkreis Heidenheim

Nachdem das Kreisimpfzentrum Ende September geschlossen wurde, lag die Hauptlast der Impfungen bei den niedergelassenen Ärzten. Diese schaffen es jetzt aber nicht mehr, Menschen in ausreichender Zahl zu impfen. Denn neben Erst- und Zweitimpfungen sind mittlerweile auch Drittimpfungen für Menschen empfohlen, deren erste Impfung schon mehr als sechs Monate zurückliegt. „Die Arztpraxen sind derzeit stark belastet“, sagt Dr. Jörg Sandfort, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Neben chronisch kranken Patienten sehe man sich mit einer „beispiellosen Infektionswelle“ konfrontiert, die nicht nur auf Covid-19 zurückzuführen sei. „Wir müssen sehr viel testen und die infektiösen Patienten von den anderen trennen“, so der niedergelassene Hausarzt aus Steinheim.

Hingehen, wo die Menschen sind

Rund 2200 Drittimpfungen haben die 69 Impfpraxen im Landkreis Heidenheim bereits verabreicht. Das reicht natürlich noch lange nicht aus: „Wir brauchen Unterstützung“, sagt Jörg Sandfort ganz klar. Eine Wiedereröffnung des Kreisimpfzentrums, wie es von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagen wurde, scheint den Verantwortlichen dabei nicht die richtige Lösung zu sein: „Wir haben gesehen, dass beispielsweise die Impfaktionen vor Supermärkten sehr gut funktioniert haben“, so Landrat Peter Polta. Die mobile Komponente sei wichtig, man wolle dort hingehen, wo die Menschen sind.

Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen rechnet Jörg Sandfort mit einem steigenden Interesse auch an Erstimpfungen. „Die Nachfrage nimmt zu“, meint er. Angesichts der Vorbehalte, die viele noch gegenüber den neuen mRNA-Impfstoffen haben, sagt der Mediziner: „Die Menschen sollten sich mehr mit den Risiken beschäftigen, die eine Corona-Erkrankung mit sich bringt.“ Zudem sei eine Impfung ein Beitrag zum Schutz der Allgemeinheit, den jeder leisten sollte.

25 Prozent Corona-Impfdurchbrüche im Landkreis Heidenheim

Einen vollständigen Schutz gegen eine Corona-Infektion bieten auch die Impfungen nicht. Von den derzeit an Covid-19 erkrankten Menschen hätten rund 25 Prozent bereits zwei Impfungen erhalten. „Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung deshalb sinnlos ist“, so Sandfort. Auch wenn Infektionen auftreten, hätten die Betroffenen trotzdem einen Schutz gegen schwere Verläufe. „Auch Menschen, die einen Sicherheitsgurt anlegen, haben Unfälle“, sagt der Allgemeinmediziner. Trotzdem seien sie besser vor deren Folgen geschützt, führt er den Vergleich zu Ende.

Noch keine Termine

Wann und wo die mobilen Impfteams zum Einsatz kommen, wird derzeit noch geplant. In einer Telefonkonferenz hat Landrat Polta die elf Oberbürgermeister und Bürgermeister im Landkreis informiert und deren Zustimmung eingeholt. Der Kreistag soll am kommenden Montag über die Vorfinanzierung der Impfteams abstimmen. Daniela Hägele wurde zur Impfkoordinatorin ernannt. Die Mitarbeiterin des Landratsamts war auch bereits im Kreisimpfzentrum tätig. Zudem sollen die Pflegeheime im Landkreis informiert werden, dass auch sie den Besuch eines mobilen Impfteams anfordern können, um ihre Bewohnerinnen und Bewohner durch eine Drittimpfung zu schützen.

Mehr Geimpfte in der Nachbarschaft

Die aktuellsten Informationen des Sozialministeriums Baden-Württemberg zeigen die Zahl der Impfungen zum Stand 24. Oktober.

Zu diesem Zeitpunkt lag die Impfquote im Landkreis Heidenheim bei 56,8 Prozent (Vollimmunisierung). Die landesweite Quote lag bei 62,1 Prozent. Die Nachbarlandkreise Göppingen (61,5 Prozent), Alb-Donau-Kreis (62 Prozent) und Ostalb-Kreis (62,1 Prozent) haben weitaus bessere Impfquoten aufzuweisen. In der Stadt Ulm liegt der Anteil der vollständig Geimpften sogar bei 68,1 Prozent.