Heidenheim / Elena Kretschmer Bei Scramblers Motorcycles in Schnaitheim ist jede Maschine ein Unikat. Dasselbe gilt für ihre Macher. Besonders gern bauen Daniel Bosch, sein Bruder Michael und Kumpel Sven Paukner in ihrer Werkstatt japanische Motorräder um – echte japanisch-schwäbische Wertarbeit also, die allerdings der Familie und Freunden vorbehalten bleiben soll.

Was haben ein Partieführer in der Papierproduktion, ein Schlosser und ein Kommunikationsdesigner gemeinsam? Im Fall von Daniel „Dani“ Bosch, Michael „Migge“ Bosch und Sven „Svenske“ Paukner ist es die Liebe zu alten Motorrädern, besonders zu japanischen. „Weil’s einfach die geilsten Mopeds sind“, sagt Daniel kurz und bündig, führt seinen Gedanken aber gleich weiter aus: „Die Engländer haben gute Vorarbeit geleistet, aber die Japaner haben’s noch besser gemacht. Da bekommt man zuverlässige Technik zu einem guten Preis.“

Doch zurück auf Anfang. Die erste gemeinsame Leidenschaft, durch die sich das Dreiergespann überhaupt erst kennenlernte, war das Snowboarden. Die vielen Wochenenden, die sie zusammen mit weiteren Gleichgesinnten in den Bergen verbrachten, schweißten sie zusammen. Schließlich steckte Dani, der seit seinem fünften Lebensjahr Motocross fährt, die anderen noch mit diesem Sport an. „Wir waren jeden Mittwochnachmittag und Sonntagmorgen auf der Strecke in Schnaitheim“, erinnert sich der heute 43-jährige Heidenheimer.

Dort kamen die drei auch zu ihrem Namen „Scramblers“. „Im Verein haben sie unsere Clique immer ein bisschen belächelt und als ,die Outlaws da unten‘ bezeichnet. Bis ein Kumpel irgendwann gesagt hat: Also wenn überhaupt, dann sind wir Scrambler. Das ist irgendwie hängen geblieben und ich hab’ dann auch Dekore mit dem Namen für unsere Mopeds gemacht“, erklärt Sven, der Kommunikationsdesigner ist.

Eine kleine Halle als Werkstatt

Und weil zum Crossen auch viel Schrauben gehört, kam es gelegen, dass der Vater der „Bosches“ Zweiradmechaniker war und eine kleine Halle in Schnaitheim als Werkstatt angemietet hatte. „Nach seinem Tod stand aber erst mal alles auf der Kippe, weil uns das allein zu teuer war“, erklärt Sven. Doch es fanden sich noch drei Freunde, die mitmachten. In dieser Halle schrauben Daniel, Michael und Sven noch heute und dort bauten sie auch ihr erstes Motorrad gemeinsam um.

Die Idee dazu kam ihnen, als Sven 2012 ein Foto von einem Scrambler anschleppte: „Das ging schon so in die Richtung wie das, was wir jetzt bauen.“ Außerdem gefielen ihnen die meisten Motorräder, die auf der Straße herumfuhren, schlichtweg nicht. „Also haben wir gesagt, wir machen es selber.“ Bis sie den Schritt tatsächlich wagten, vergingen eineinhalb Jahre. Doch was lange währt, wird endlich gut und so war die erste gemeinsam umgebaute Yamaha SR 500, Baujahr 1980, sofort heiß begehrt. „Eigentlich haben wir die für Migge gebaut, aber ein Kumpel aus Stuttgart wollte sie unbedingt haben“, erzählt Sven weiter.

Die Bedingung war schließlich, dass er sie so nehmen muss, wie die drei sie umbauen. Er willigte ein und KRAD XX1 war geboren – jedes Scramblers Bike bekommt seine eigene, fortlaufende Nummer. „Wir haben ihm das Moped dann vorbeigebracht und er hat sie gleich in seinem Showroom aufgestellt. Und weil wir selber überrascht waren, wie gut sie geworden ist, haben wir uns aus Spaß im Bike Exif beworben. Wir hätten nie gedacht, dass das klappt, aber so war es“, sagt Sven stolz. Bike Exif ist eine in der Szene hoch angesehene Online-Plattform aus Neuseeland, die genau solche Umbauten wie die der Scramblers vorstellt. „Wir waren überwältigt von den Reaktionen. Wir hatten auf einen Schlag 2000 Facebook-Follower mehr und Anfragen aus Asien, Amerika, Australien, Russland und, und, und.“

Nur ein Hobby

Doch allen erteilten sie eine Absage. „Wir wollen das wirklich nur hobbymäßig machen, als Freunde Spaß an der Sache haben und dann bauen, wenn wir Zeit haben. Wir wollen kein Dienstleister sein, der baut, was Geld bringt und dann womöglich noch unsere Freundschaft deswegen aufs Spiel setzen“, sagt der 38-jährige Michael entschieden.

Das zweite und dritte Bike war dann ein Zwilling, also auch eine Yamaha SR 500, zu unterscheiden lediglich an der Farbe des Tanks. Es folgten weitere Yamaha-SR500-, Honda-CB250- und CB450-Umbauten, umfangreiche Artikel im „Fuel Magazin“ und dem „Oilfinger“ sowie einem kleineren japanischen Magazin. Aktuell warten noch eine alte Yamaha XT und eine Simson auf ein Makeover und es wird damit geliebäugelt, mal einen Tracker zu bauen. Das Credo stets: Es wird so gebaut, wie sie es wollen. „Momentan sind wir an KRAD XX9 und X10“, so Daniel.

Jeden Umbau planen sie erst mal, bevor sie ihn umsetzen. „Wir reden im Vorfeld darüber, was wir haben wollen. Jeder hat eine ungefähre Vorstellung und wir einigen uns dann auf eine Richtung“, so Sven. Probleme habe es da noch nie gegeben, schließlich ergänze man sich untereinander gut und ticke ähnlich. Wenn es an die Details geht, fertigt Sven manchmal ein Modell aus Pappe an. Neben dem Design ist der 44-Jährige als gelernter Elektroniker auch für diese zuständig. Jede Maschine wird komplett auseinandergenommen und von Grund auf neu aufgebaut. „Bei uns wird wirklich jedes Teil angefasst, mehr kann man fast nicht machen“, sagt Michael. Zum Beispiel wird der Rahmen verändert – mal kommt was weg, mal wird was hingeschweißt. Oder die Form: „Eben so wie wir denken, dass es gut aussieht.“

Für den Motor und das Schweißen sind die Bosche-Brüder verantwortlich. Michael als gelernter Schlosser und Daniel, den man laut seinem Bruder nachts wecken könnte und er einem einen Motor zusammenbauen würde, kümmern sich ums Schweißen und die Motoren. „So viel Wissen wie er haben nicht viele“, sagt Michael, der scherzend von sich selbst behauptet, beim sonntäglichen Schraubertreff hauptsächlich fürs Rumhängen und Biertrinken da zu sein.

Das Lackieren überlassen sie, nachdem sie einige Male von Profis enttäuscht wurden, einem Freund, der eigentlich aus dem Bodypainting- und Airbrush-Bereich kommt. „Der macht das wirklich 200-prozentig gut“, lobt ihn Sven. Die Sitzbänke stammen aus der Lederschmiede von Klaus Schneider in Mergelstetten. „Wir sprechen die Form durch, zeigen ihm Fotos und jede Sitzbank kommt perfekt.“

Design kommt von Sven

Auch im Design steckt viel Liebe zum Detail. Neben der KRAD-Nummer auf der Motorabdeckung findet sich an diversen Stellen das Scamblers-Logo: ein S, das gleichzeitig einen Blitz symbolisiert, in einem Kreis, der aus kleinen Strichen besteht und für das Profil eines Crossreifens steht – oder wie in dem Tattoo, das sich alle drei auf den rechten Arm haben stechen lassen, einen Tachometer.

In Migges KRAD XX4, dem sogenannten Messer, ist ein Skateboard verbaut, Svenskes SR 500 Baujahr 1975 erstrahlt in Käfer-Farben, alle Maschinen haben Firestone-Reifen im Design der 30er-Jahre, die Optik ist so clean wie möglich, mit Mini-Blinkern. Alle Tanklackierungen nehmen bestimmte Schrägen des Rahmens noch einmal in sich auf.

Auch der TÜV wird von Anfang an mit ins Boot genommen. „Wir sagen denen, was wir vorhaben und es wird auch alles eingetragen“, erläutert Sven. „Jedes Ding ist ein Unikat, nichts von der Stange. Da steckt wirklich Herzblut drin.“

Wie viele Stunden Arbeit jeweils in ihren Umbauten stecken, wissen die Scramblers nicht. Aber das ist ihnen auch egal, denn es ist ja „nur ein Hobby“.

Weitere Infos gibt es hier.

Der Unterschied zwischen einem Scrambler und einem Café-Racer

Der Scrambler ist eine in den 1950er- und 60er-Jahren sehr verbreitete Motorrad-Kategorie. Bei den Maschinen wurden unter anderem grobstollige Reifen, ein breiter Lenker, höher gelegter Auspuff und Schutzbleche verwendet, um die Geländetauglichkeit und Robustheit zu erhöhen. Anders als die Motocross-Maschinen und Enduros, die die Scrambler in den 1970er-Jahren ablösten, waren diese den Straßenmaschinen konstruktiv noch recht nahe. Ein Café-Racer in Reinform war ursprünglich ein sportlich umgebautes englisches Serienmotorrad der 1960er-Jahre. Namensgebend war das Treffen der Rocker in den Cafés der Vororte der Großstädte, wie dem legendären Ace Café in London. Von dort aus machten die Rocker die Straßen der Umgebung unsicher, was für die damalige Jugend auch Rebellion gegen vorhandene Gesellschaftsnormen symbolisierte. Das Motorrad war wichtigstes Szeneelement und wurde nach allen Regeln der Kunst individuell verändert und umgebaut.