Kreis Heidenheim / Mathias Ostertag Im Juni veranstaltet Stefan Tolnai eine Benefiz-Musical-Gala im Konzerthaus. Die Einnahmen kommen dem Förderkreis für tumor- und leukämiekranke Kinder Ulm zugute - einem Verein, der für viele Menschen in Heidenheim eine Stütze in dunklen Momenten ist. Familie Krämer erzählt.

„Man könnte das ganze Konzerthaus mit Familien aus Heidenheim füllen, die in den vergangenen 30 Jahren vom Förderkreis betreut wurden“, sagt Heidrun Krämer. Gemeinsam mit ihrem Mann Harald ist sie zum Gespräch ins Clubhaus des SV Mergelstetten gekommen und erzählt vom Schicksal ihrer Tochter Anny, stellvertretend für viele andere Kinder, die an Leukämie leiden oder einen Tumor haben. Anny Krämer will nicht am Gespräch teilnehmen, „sie sagt, sie schaut voraus und nicht zurück“, erklärt ihre Mutter. März 2012: Anny Krämer steht kurz vor den Prüfungen für die Mittlere Reife. Die Bewerbungen sind längst geschrieben, eine Lehrstelle als Orthopädiemechanikerin hat sie bereits in der Tasche. Anny, damals 16, ist Leistungssportlerin, trainiert mehrmals in der Woche in der Leichtathletikabteilung der TSG Giengen. Doch dann platzt das Schicksal ganz unvermittelt in das Leben der Familie Krämer.

Als minderjährige Bewerberin für einen Ausbildungsplatz muss Anny zur obligatorischen Jugendschutzuntersuchung. Reine Routine. Eigentlich. Doch dann, 48 Stunden später: Kernspin. Die Diagnose – ein Tumor im linken Oberschenkel. Die Verhärtung im Oberschenkel, die bisher keine Schmerzen bereitete, entpuppt sich als Knochenkrebs. Die heile Welt der Familie fällt zusammen wie ein Kartenhaus: „Raus aus der bisherigen Welt, rein in die Tumorsprechstunde“, erinnert sich Heidrun Krämer. „Man läuft auf die Station der Kinderonkologie am Uniklinikum Ulm und sieht überall Kinder ohne Haare auf dem Kopf.“

Was folgt, sind Monate zwischen Chemotherapie, Lachen, Weinen, Nierenschalen und wieder Chemotherapie. Heidrun Krämer hat mitgezählt: 130 Mal seien sie und ihr Mann zwischen Heidenheim und Ulm hin und her gefahren, einer der beiden sei immer bei Anny geblieben, der andere übernachtete zu Hause. „Manchmal waren wir an dem Punkt, wo wir dachten, wir können nicht mehr weiter“, sagt Harald Krämer. Auch Annys großer Bruder Max musste viel zurückstecken, sah seine Familie kaum.

Eine wichtige Stütze für die Familie war von Tag eins an der Förderkreis für tumor- und leukämiekranke Kinder, der vor 31 Jahren gegründet wurde. Eltern, deren Kinder in der Klinik auf dem Ulmer Michelsberg behandelt werden, sollen mit Familien zusammenkommen, die ähnliche Schicksale zu bewältigen haben. Dazu werden die Eltern in zwei Gebäuden untergebracht – auch, weil eine Unterkunft in einem Hotel über die gesamte Dauer der Therapie kaum jemand finanziell stemmen könnte. Insgesamt gibt es 32 Appartements für Familien, der Förderkreis zählte im Vorjahr 22 000 Übernachtungen. Der Großteil der notwendigen finanziellen Mittel stammt aus Spenden, bis zu 550 000 Euro jährlich werden benötigt.

Auch in anderen Bereichen begleitet der Verein, dem die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, Elvira Wäckerle, vorsitzt, Familien vom Anfang bis zum Ende der Therapie des Kindes – und darüber hinaus. In einer Wunschbox werden die Wünsche der jungen Patienten gesammelt, die wiederum über Spendengelder erfüllt werden. So hoffte der zehnjährige Selim auf einen Lego-Bulldozer – und bekam ihn finanziert. Und Anny Krämer durfte zu einem Konzert der Popsängerin Rihanna nach Köln reisen – auf Kosten des Förderkreises. Psychologen, Musik- und Ergotherapeuten kümmern sich um die Kinder, für die Eltern gibt es mehrere Treffs wie das Elterncafé – ebenfalls finanziert durch den Förderkreis.

Das Engagement erstreckt sich auch auf die Unterstützung der Krebsforschung an der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin. Vor allem die Bereiche Leukämie- und Tumorforschung (besonders Hirntumore bei Kindern) werden vom Förderkreis aktiv unterstützt. Auch die Entwicklung eines zuverlässigen Bluttests zur Feststellung eines Tumors, dessen Zellen in einem unreifen Stadium verblieben sind, wird gefördert.

Rund 1800 Kinder im Jahr erkranken in Deutschland an Krebs, allein an der Ulmer Uniklinik gibt es laut Heidrun Krämer mehr als 60 Neuzugänge im Jahr. „Das heißt, jede Woche kommt mindestens ein kleiner Krebspatient dazu.“ Die Herkunft der Familien ist nicht auf den süddeutschen Raum begrenzt. „Viele stammen sogar aus dem arabischen Raum“, weiß Krämer. Die Heilungschancen für die Neuankömmlinge sind heute um ein Vielfaches höher als vor 30 Jahren. „Damals kam praktisch kaum ein Kind geheilt aus der Klinik, heute klappt es in 80 Prozent der Fälle“, so Krämer.

Der Knochenkrebs, der sich bei Anny Krämer gebildet hatte, ist nicht vererbbar, kann also jeden Jugendlichen treffen. „Vor allem Jugendliche in der Wachstumsphase zwischen sieben und 17 Jahren. Wir haben vor allem Mädchen kennengelernt“, weiß Heidrun Krämer. Unter Medizinern werden bösartige Geschwulste, die im Knochengewebe vorkommen, als Knochenkrebs betitelt. Dank moderner Therapieverfahren ist diese Krebsart in vielen Fällen heilbar. Wird der Krebs früh erkannt, ist die Chance groß, gesund zu werden. Tritt fünf Jahre nach Ende der Therapie der Krebs nicht erneut in Erscheinung, gilt man aus medizinischer Sicht als geheilt. Anny Krämer hat schon drei Jahre geschafft – und blickt positiv in die Zukunft. „Das Schöne ist, dass sie sich gesund fühlt“, sagt ihre Mutter.

Info Der Förderkreis Ulm hat im Raum Heidenheim drei Kontaktgruppen: Familie Krämer (Tel. 07321.955-969), Familie Kottmann (07367-2024) und Ingrid Wilhelm (07321.22549). Für seine Benefiz-Musical-Gala sammelt Stefan Tolnai auf „Unsere Hilfe zählt“, dem Spendenportal der HZ, Spenden (Kreissparkasse Heidenheim, IBAN: DE62 6325 0030 0000 8428 42, Verwendungszweck 22413.