Heidenheim / Manuela Wolf Alles ist im Wandel, und vieles gerät auf das Abstellgleis - oder glauben wir das nur? Wir zeigen, wer trotz manchem Gegenwind einfach weitermacht. Heute geht es um Hauskreise.

Nicole Winkler-Strobelberger graut vor dem Gedanken, im Alter alleine zu sein. Zeit tot schlagen zu müssen, Tag für Tag. Wie öde! Sie kennt das aus ihrem privaten Umfeld zur Genüge. Und weil sie weiß, dass Freundschaften nicht über Nacht entstehen, widersetzt sie sich ganz bewusst dem gesellschaftlichen Trend. Offenes Wohnzimmer statt Privatsphäre, Gruppendynamik statt Individualität, selber machen statt kaufen. Im Internet sucht die Personalvermittlerin nach Frauen jeglichen Alters, die gerne häkeln oder stricken – oder die das gerne lernen wollen.

Der Plan der gebürtigen Sächsin ist aufgegangen: Handarbeit als gemeinsame Leidenschaft, die aus Fremden Freunde macht. Seit November haben sich insgesamt fünf Frauen gemeldet. Nachbarin Marianne zum Beispiel, 78 Jahre alt, bringt gerne mal einen Schnaps mit. Maritta (45) und Stephanie (30) sind ebenfalls aus Nattheim und neu mit dabei. Daniela ist von Beruf Zahnarzthelferin, 41 Jahre alt und Mutter von drei größeren Kindern. Ihr ging es wie Häkel-Expertin Nicole: Seit dem Umzug nach Ballmertshofen fühlte sie sich einsam. Ihre Versuche, im Dorf Anschluss zu finden, scheiterten. „Aber man muss sich auch mal mit jemand anderem unterhalten als immer nur mit der Familie. Mir hat eine Freundin gefehlt.“

Es ist ein Freitagabend im Februar, kurz nach 17 Uhr. In einer gemütlichen Einliegerwohnung am Ortsrand sausen Finger und Nadeln durch die Luft. Dank Nicoles fachkundigem Unterricht hat Daniela innerhalb kürzester Zeit das Häkeln gelernt. Ihr „Gesellenstück“, ein Körbchen in zartem pastellrosa, steht windschief auf dem Tisch und ist Gesprächsthema Nummer eins. „Ich weiß, was du falsch gemacht hast“, sagt die Expertin, „das ist klar, dass sich das dann verzieht.“ Auftrennen? Umnähen? Perlen dran? Vergrößern? Die 41-Jährige lacht. „Ne, ich lass das jetzt so. Ich mach einfach noch eins.“

Nicole hat sich den Zugang zur Handarbeit online verschafft. Vor vier Jahren brachte sie sich Häkeln und Stricken bei – mit Hilfe von Youtube-Videos. Man muss wissen: Sie mag keine halben Sachen. Was sie macht, macht sie mit Herz und Verstand. Und so verwundert es nicht, dass sie inzwischen einen Online-Handel für Textilgarn aus Spanien betreibt und Kundinnen per WhatsApp berät. Wie muss ich hier jetzt weitermachen? Wer ein Foto schickt, bekommt innerhalb kurzer Zeit fachkundigen Rat. Seit März bietet sie über die Volkshochschule Häkel-Kurse für Kinder und Erwachsene an. Auch der Wunsch nach einem Handarbeits-Hauskreis passt ins Bild.

Die quirlige Frau, die viel und gerne redet und lacht, ist ein geselliger Mensch. Es macht ihr Freude, ihre Begeisterung für schöne Dinge zu teilen. Mit am Tisch sitzen an diesem Abend auch der 13-jährige Philipp, Nicoles Sohn, und dessen um zwei Jahre jüngerer Halbbruder Luca. Die beiden Schüler sind fast schon Profis, wenn es um Luftmaschen und Zugmaschen geht. Jedes zweite Wochenende verbringen sie in Nattheim, wo sie wie am Fließband Kissenbezüge, Bettvorleger, Körbchen und Mützen produzieren, in ihren Lieblingsfarben und in der passenden Größe: „Das sind Sachen, die hat nicht jeder. Macht voll Spaß!“ Die beiden Jungs sind Mitglieder bei der Jugendfeuerwehr und kicken für ihr Leben gerne. Häkeln, so scheint es, ist für sie kein krasser Gegensatz zu einem typischen Teenie-Leben, sondern eine Bereicherung.

Die Neu-Nattheimerin hat ihr Hobby übrigens ihrem Sohn zu verdanken. Der musste in Klasse vier häkeln, die Mutter fand Gefallen an der ruhigen, produktiven, kreativen Tätigkeit – und eine neue Leidenschaft. Beruflich stand sie unter Dauerstress, sie war gesundheitlich angeschlagen. Die Handarbeit war ein angenehmer Ausgleich: „Man muss ja ständig Maschen zählen. Da kommt man schnell runter.“

Warum sich die Mühe machen? Warum nicht einfach kaufen, was man braucht? Nicole: „Viele Dinge gibt es ja gar nicht im Laden, zumindest nicht so, wie ich sie gerne hätte.“ Ein 1,70 Meter langer, extra schmaler Badezimmer-Teppich fällt aus der Norm und wird deshalb selbst gemacht; eine Reihe, dann brauchen die Hände eine Pause. Hängekörbchen als Ersatz für Bettkästchen, umhäkelte Blumentöpfe, Eierbecher, die man wie ein Säckchen zuziehen kann, Stulpen für Arme und Beine, Netztragetaschen, Adventskränze, Sitzkissen, alles wird auf Maß gefertigt. Die Ideen stammen aus dem Internet oder entstehen aus dem Alltag heraus.

Männer sind im Gegensatz zu strickenden Frauen übrigens nicht willkommen im Nattheimer Häkel-Kreis, obwohl es schon einige Anfragen gab, wie Nicole verrät. „Aber da sind die Gespräche ganz anders, wenn Männer mit am Tisch sitzen. Wir wollen unter uns bleiben.“ Ausnahmen sind natürlich Philipp und Luca. Dass gerade auch die beiden Jungs so großen Gefallen an Handarbeit haben, wundert Nicole nicht. Denn Handarbeit, findet sie, gerade in geselliger Runde, ist so viel mehr als nur ein schöner Zeitvertreib. „Es geht ums Miteinander. Der Rest ist Nebensache.“

Einsam trotz Facebook und Co.

Es entwickelt sich ein Gespräch über die heutige Zeit, über Facebook, WhatsApp und Co, der Mensch als Einzelgänger, immer beschäftigt und doch alleine. Studien belegen: Noch nie in der Geschichte der Menschheit fand so viel Kommunikation auf so unterschiedlichen Kanälen statt, noch nie fühlten sich die Leute einsamer. Beziehungen an der Oberfläche, seichte, schnelle Unterhaltung statt tiefgehende Gespräche, Verbindlichkeit ist lästig, wer etwas wissen will, fragt Doktor Google, wer etwas braucht, bestellt es im Internet. Alles austauschbar.

Hauskreise, ob für Musiker, Kartenspieler, Sänger oder Häkel-Fans, können das Problem im gesamten nicht lösen, wohl aber für die jeweilige Runde, die sich ungezwungen zusammenfindet. Nicole hofft deshalb, dass ihre Gruppe über die Jahre eng zusammenwachsen wird: „Ich denke, wenn die Augen schlechter und die Hände schwächer werden, treffen wir uns nur noch zum Schwätzen. Aber das wäre mir egal. Die Hauptsache ist doch, dass man auch im Rentenalter noch Freunde hat.“