Heidenheim / Manfred Allenhöfer „Alte Rechnungen konnten auf der Ebene eines himmlischen Kampfes zwischen Luzifer und dem Herrgott beglichen werden“, hat Arthur Miller angemerkt zu seiner „Hexenjagd“, seinem in unheiligen Jahren entstandenen Zweiakter, der 1953 am Broadway uraufgeführt wurde.
Von heiligen Zeiten sind wir immer noch weit entfernt; und so kann man die „Hexenjagd“ des Naturtheater,s die am Freitag (bei absolut unhöllischen Temperaturen) Premiere hatte, durchaus für zeitgeiststimmig halten. Man durfte gespannt sein, wie man auf dem Schlossberg, nach Jahren der grassierenden Entertainmentpflege (was ja auch nicht unzeitgeistgemäß war), ein so wort- und konfliktkonzentriertes Drama bewältigen würde.
Es war ein bewusster Bruch mit der Tradition der letzten Jahre, der aber, in dialektischer Logik, die Vereinstradition der letzten Jahrzehnte wieder aktivierte: Ein Stück mit Anspruch darf's schon auch mal sein beim Verein mit den spiel- und zeigefreudigen Theateramateuren.

Oder, wie der frischgebackene Vereinsvorsitzende Norbert Pfisterer das in seiner Premierenbegrüßung artikulierte: „Jahrelang gab's hier nur ,Hurra'-Stücke. Wir können aber mehr als nur leichte Muse.“ Und er kündigte ein „Stück gegen Intoleranz, Unmenschlichkeit und Fanatismus“ an.

Da hat er recht. „Die Hexenverfolgung war eine perverse Kundgebung der Angst“, hat Miller selbst das Stück charakterisiert; und dass diese zu besagten drei Folgen führen kann, ist unschwer nachzuvollziehen beim Blick in die Geschichte wie, dem Herrgott sei's geklagt, ins derzeitige Weltgeschehen.

Arthur Miller hat zur Vergegenwärtigung verunmenschlichender Mechanismen einen historischen Vorgang im ausgehenden 17. Jahrhundert im puritanischen Massachusetts gewählt. Aber, Miller: „Dieses Stück ist nicht Geschichte in der vom akademischen Historiker angewandten Sinne des Wortes.“ Alle Szenen freilich seien verbürgt, wenngleich teilweise verdichtet. Miller verwendet gar die Namen historischer Personen.
Der Kern des Geschehens ist rasch angerissen: Eine Gruppe Mädels tanzt nächtens im Wald, womöglich nackt, was keine gottgefällige Handlung sein kann. Und der Pfarrer, eine zwiespältige, mit Demut nicht gesegnete Persönlichkeit, beobachtet das auch noch – seine Tochter ist beteiligt. Danach verhalten die erwischten Mädchen sich sehr sonderbar – waren sie womöglich vom Teufel inspiriert?

„Mein Haus ist der Mittelpunkt anstößiger Dinge“, stellt Pastor Parris fest. Und wehrt sich zunächst gegen die Unterstellung von „Hexerei“, wie sie im Dorf grassiert. Puritanische Wutbürger skandieren vor seinem Haus: „Wir wollen die Wahrheit.“

Dass eine unschuldige „Wahrheit“ nicht sanktionsfrei hingenommen wird, ist den beteiligten Mädchen rasch klar. Und so begründen sie ihr anstößig gewordenes Tun mit aufstachelnden luziferischen Geistern. Und beschuldigen, in einer anrührenden kollektiven Denunziationsszene, eine Vielzahl von bislang unbescholtenen Bürgern, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.

Die Auftaktszene schon stimmt auf eine bunte Darstellung ein, wortlos überzeugend: Die Mädchen kommen in leichten Nachthemdchen, musikalisch effektvoll untermalt, sie tanzen zaubertopfbenebelt, um dann konvulsivisch zuckend die Unschuld abzustreifen und auf dunkle Hintergründe hinzuweisen. Das liefert die szenische Ouverture der Inszenierung: Gottgefälliges Sein oder Nichtsein, Unschuld oder Heimtücke. Und die das später beurteilenden Richter sind unbeirrbaren Glaubens: „Die Stimme Gottes spricht aus diesen Kindern.“ Auch und gerade in deren teuflischen Beschuldigungen.

Ein stadtnah vor sich hin arbeitender Bauer namens John Proctor wird dann zur Zentralfigur in Millers Drama: Er erkennt, dass das Denunziantentum der Mädchen eine raffinierte, selbstentlastende Lüge ist. Und gerät selber ins Mahlwerk der vermeintlich gottgefällig verurteilungsfreudigen Justiz. Eine Lawine ist losgetreten, 400 Menschen sitzen im Gefängnis, 72 sind zum Strang verurteilt – kleine Ursache mit fataler Wirkung.
Am Ende wird auch Proctor zum Tod verurteilt – wie viele standhafte Menschen, die sich weigern, eine luziferische Kollaboration zu gestehen, was ihre Begnadigung zur Folge hätte. „Wir brennen hier ein heißes Feuer, das jedes Geheimnis zum Schmelzen bringt“, charakterisiert der oberste Richter sein inquisitorisches, weitgehend zweifelsbefreites Tun.

Proctor weigert sich bis zur Nacht vor seiner Hinrichtung, teuflische Anstiftung zu gestehen: „Jetzt hat er seine Würde“, beschreibt seine nun zur Witwe werdende Frau sein, nach einem Moment des Irrens, wahrheitsbesessenes Handeln, als er sein abgepresstes Geständnis doch zerreißt: „Und verhindere Gott, dass ich sie ihm nehme.“ Proctor hinterlässt drei Kinder und eine schwangere Frau.
Das geschieht in der unglaublich packenden Schlussszene, die in der Inszenierung von Susanne und Ingo Schneider zielsicher unter die Haut geht. Auch in anderen Szenen gelingt es den Spielleitern, zu anrührender, packender Dichte vorzudringen, die das Publikum bei der Premiere immer wieder in Bann schlug. Auf die zuckenden Gehängten war man im Vorfeld stolz; aber die sind eher eine unschwer durchschaubare Marginalie.
Die Heidenheimer „Hexenjagd“ kann begeistern, weil bei ihr die Konzeption der Inszenierung, die Sorgfalt bei der Umsetzung und schließlich die spielerische Qualität sämtlicher Akteure zusammenspielen und für ein hinreißendes, brutto dreistündiges Theatererlebnis sorgen.

Die Schneiders haben, mit großem Theaterverstand und viel Arbeit, eine stimmige Konzeption erarbeitet, in der die Konzentration auf das Wort einhergeht mit der spielerischen Überzeugungskraft der Akteure. Und dazu kommen, als weitere stimmungssteigernde Pluspunkte, die effektvolle musikalische Untermalung vieler Momente und eine ausgeklügelte Lichtregie sowie ein Schwarzwälder-Gespann. Und sie vertrauen auch ruhigen, ja wortlosen Momenten sowie der Wirkungsmacht des riesigen Areals am Salamanderbächle, etwa bei einem Fackelzug durchs Gelände mit plastischem Schattenwurf.

Das Ensemble, auch in den mittleren und nachgeordneten Rollen, ist von großer, überzeugender Dichte, es gibt keinen Spieler, der negativ auffällt. Von zentraler Bedeutung freilich ist Norbert Sluzalek als außerordentlich präsenter und bewegender Proctor – ein Glücksfall auch hier.
Die Inszenierung ist in ihren wesentlichen Szenen sehr kompakt und lebendig gehalten, aber sie gönnt sich und dem Publikum auch Momente des Innehaltens, die aber keine Sekunde langweilig sind. Statik oder Deklamatorik sind ihr fremd.

Das Ensemble setzt engagiert das auch auf starke Körperhaftigkeit zielende Konzept der Schneiders um. Stellvertretend gelobt seien da noch Katja Pöltl als Proctors zurückhaltende Ehefrau Elizabeth oder Marina del Corvo als seine Nichte Abigail, die den Hexenhammer nach Salem trägt. Und der ein Dutzend Mädchen zur Seite stehen und ungeistbeseelt agieren, dass man gebannt hinschaut.

Alle Rollenträger haben einen plausiblen Platz in der ausgewogenen Inszenierung; beispielhaft genannt seien hier Manuel Meiswinkel als gestrenger Richter, Christian Horn als zwiespältiger Pastor und Moritz Antoniuk als sein undogmatischer Amtsbruder oder Steffi Zembsch als herrlich schräge Pfarrerssklavin Tituba. Bewährte spielerische Kräfte werden geschickt mit Naturtheater-Novizen verbunden zu einer homogenen, oft beklemmend hinreißenden Spielerschar.

Arthur Millers „Hexenjagd“ ist ein anspruchsvolles Drama, das diesen Sommer im Naturtheater mit begeisterndem Engagement präsentiert wird und aktuell ist, ohne aktualitätsheischend daherzukommen. Es mag weniger spektakulär sein als die „Blues Brothers“ vom vergangenen Jahr – spürbar weniger Besucher hat es deshalb aber nicht verdient. Man sollte sich dieses dramatische Highlight einmal gönnen.