Heidenheim / HZ Noch heute erinnert sich Helga Wagenleiter aus Heidenheim daran, wie sie einst, also im Jahr 1979, nach Alaska kam. Diesen Schritt hat sie nie bereut.

1979 bin ich nach Alaska gekommen, mit einer französischen Studentin, die ich im Bus kennenlernte. Jedes Mal, wenn ich die Wendell Street entlang fahre, sehe ich mich noch immer an der Bushaltestelle stehen, mit schwerem Rucksack und meiner Gitarre. Da hielt auf einmal ein roter VW Käfer an. Ein Frauenkopf war zu sehen, dann öffnete sich das Fenster an der Fahrertür und jemand sagte auf Englisch: “Wo wollt ihr hin, Girls”?

Die Frau lud uns ein, mit ihr zu kommen. Als wir im Auto saßen, fing sie an, Deutsch zu sprechen. Dann bekamen wir bei ihr ein Nachtquartier. Am nächsten Nachmittag fuhr ich mit dem roten VW Käfer in Fairbanks herum, als wäre ich schon immer hier gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass ich hier bleiben würde.

Familie lebt seit Jahrhunderten auf der Ostalb

Ich bin in Heidenheim geboren, einige Jahre nach Ende des Dritten Reichs. Die Familie meiner Mutter lebte schon seit Jahrhunderten auf der Ostalb. Mein Vater, ursprünglich aus Schlesien, kam 1947 nach Heldenfingen und Heidenheim, wo er mit Hilfe des Roten Kreuzes seine Mutter und Schwester wiederfand.

Ich hatte eine schöne Kindheit. Meine Mutter hatte einen großen Garten geerbt, in dem wir jedes Wochenende verbrachten. Manchmal wurden mein Bruder Klaus und ich aufgefordert, unsere Akkordeons auszupacken und Vater, Mutter, Onkel und Tante tanzten dazu. Mein Vater baute die Firma Adolf Wiedenmann auf und wurde erfolgreicher Ingenieur und Geschäftsmann. Obwohl ich glücklich war, schaute ich schon bald über die Horizonte hinaus. Mein Lieblingsfach war Englisch und ich wollte irgendwann einmal weg.

Ich bin in einem sehr beschützten deutschen Haushalt aufgewachsen, und so wurde von mir erwartet, eine typisch deutsche Frauenkarriere einzuschlagen. Ich wurde Erzieherin am Evangelischen Kindergärtnerinnenseminar in Herbrechtingen, wollte aber nach dem Abschluss so schnell wie möglich an eine Universität. In Tübingen lernte ich dazu. Nach Abschluss des Pädagogiktudiums wurde ich die erste wissenschaftlich begleitete Streetworkerin in Baden Württemberg.

Eine Tagung zum Thema “Streetwork”, einem amerikanischen Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität war dann der Anlass, warum ich in die USA kam. Nach der Tagung in Wisconsin ging es mit zwei Anderen in Richtung Yukon und Alaska in die Ferien.

Tochter Hannah ist heute 33 Jahre alt

Ich verbrachte den ganzen Sommer in Alaska und lernte die tollsten Menschen kennen. Ich wollte nicht mehr zurück, sondern mir im Wald eine Hütte bauen. Dann kam ich für den Winter zurück. Aufgewachsen auf der Ostalb mit kalten Winden und Temperaturen, gefiel mir auch diese Jahreszeit. Noch zweimal kehrte ich zurück, bevor ich entgültig nach Tok, Alaska zog. Ich heiratete und bekam kurze Zeit später eine kleine Tochter, Hannah, die heute 33 Jahre alt ist.

In den Anfangsjahren arbeitete ich für ein Sozialprogramm, durch das ich viel in die Indianerdörfer reisen musste, und wo ich wieder viel lernte. 1989, als Hannah im Kindergartenalter war, gründete ich den ersten Kindergarten in unserem Dorf. Dann wurde ich Kunstlehrerin an der Schule. Manchmal musste ich in die Randbezirke fahren. Das war zwischen 40 und 100 Kilometer Fahrweg, Ich erinnere mich an den Winter 1993, als ich jeden Tag 66 Meilen nach Slana fahren musste. Die Temperaturen fielen für zwei Wochen auf unter -55 C. Während jeder Pause musste ich hinaus und mein Auto starten, damit es nicht einfror.

Dann machte ich mich selbständig, eröffnete eine kleine Galerie, öffnete zusätzlich ein B&B (Bed & Breakfast) in meinem Wald und konzentrierte mich auf Gäste, mein Studio und auf die Kunstrichtung, von der ich schon lange geträumt hatte: ich fing an, Fenster in Buntglas zu verglasen.

Zunehmend wieder akademische Arbeit

In den vergangenen zehn Jahren widmete ich mich auch wieder akademischer Arbeit. Mein B&B ist vermietet und ich unterrichte im Foreign Language Department unserer Universität Deutsch. Letztes Semester hatte ich einen Studenten in unserer Klasse, der als Austauschschüler kurze Zeit in Schnaitheim verbracht hat. So gehen menschliche Kontakte in alle Himmelsrichtungen.

Wenn ich reflektiere was ich aus Deutschland nach Alaska mitgebracht habe, so ist es meine Liebe für Menschen, Musik, Kunst und Literatur.

Über mein Leben im Norden Nordamerikas kann ich sagen, dass ich gelernt habe, nicht gegen Naturprinzipien zu kämpfen. Wenn ein Kälteeinbruch kommt, geht hier niemand zur Arbeit und die Kinder haben schulfrei. Wir sagen im Englischen: “Versuche nicht das Wetter zu ändern, ändere deine Pläne”.

Meine Lebensphilosophie beschreibe ich so: “Versuche nicht, andere zu ändern, sondern dich selbst”. Ob es dir gut oder schlecht geht, hat mir dir selbst zu tun. Wenn man Anderen gegenüber offen ist, kann man man immer etwas dazulernen. Das versuche ich auch mit meinen Deutschstudenten. Wenn ich sie als gleichberechtigte Gegenüber sehe, kann ich etwas von ihnen lernen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und viele Geschenke.