In Ellwangen hatte man schon einmal einen Anlauf genommen, die um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Vergewaltigung kreisenden Tatvorwurf aufzuklären und gerichtlich zu würdigen. Dieser Versuch war aber bereits am ersten Verhandlungstag gescheitert. Weil die Aktenlage angesichts der schwerwiegenden Anklagepunkte schlicht zu dünn war und sich die Kammer nicht in der Lage sah, ohne weitergehende Auskünfte des Jugendamtes und Einsicht in frühere familiengerichtliche Verfahren überhaupt in die Beweisaufnahme einzusteigen, musste die eigentlich für den Mai 2015 terminierte und auf drei Tage terminierte Hauptverhandlung seinerzeit ausgesetzt werden.

Nachdem die Hausaufgaben gemacht worden sind, um dem Prozess eine breitere Grundlage zu verschaffen, steigt die Justiz nunmehr am 18. August ab 9 Uhr ein zweites Mal in die öffentliche Wahrheitsfindung ein. Die Neuauflage scheint aber nicht einfacher zu werden, sind diesmal doch sogar fünf Verhandlungstage angesetzt, um aufzuhellen, was allein schon vom Schatten der Vergangenheit verdunkelt und überdies durch schwer zu durchschauenden Familienverhältnissen kompliziert wird.

Die Vorwürfe richten sich gegen einen 50jährigen Heidenheimer, der 2013 von seiner früheren Ehefrau angezeigt worden war. Der Anklage zufolge hat der inzwischen in Giengen wohnende Angeklagte die ihm zur Last gelegten und bis heute bestrittenen Taten im Zeitraum von neun Jahren begangen.

Am Beginn der Liste stehen die Jahre 2001/2002, in denen der arbeitslose Mann seinen leiblichen Sohn, damals gerade mal vier oder fünf Jahre alt, sexuell missbraucht haben soll. Wenig später lebte er mit einer Frau zusammen, deren Tochter ebenfalls ein Missbrauchsopfer geworden sein soll. Aufs Jahr 2003 geht der von der Ex-Frau erhobene Vorwurf zurück, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Und in den Jahren 2008 und 2009 soll dann ein weiteres Kind zum Spielball sexueller Gelüste geworden sein.

Was tatsächlich geschah, wird vor Gericht wohl nur schwer zu verifizieren sein. Im Zuge der ausgedehnten Beweisaufnahme werden neun Zeugen befragt, die überwiegend mit zur Familie zählen und deren Glaubwürdigkeit dabei mit auf den Prüfstand gestellt wird. So ist etwa der leibliche Sohn des Angeklagten laut eines ärztlichen Befundes stark entwicklungsverzögert oder gar an der Grenze zur geistigen Behinderung, was schon bei der ersten Verhandlung die Frage aufwarf, wie zuverlässig sich ein solches, zum Tatzeitpunkt vier Jahre altes Kind nach so langer Zeit eigentlich noch erinnern kann, was damals passiert ist.

Und um die Verwirrung komplett zu machen, war zumindest bis Mai dieses Jahres auch nicht klar, ob der auf der Anklagebank sitzende Mann die Stieftochter nur in einem Fall oder gleich mehrfach missbraucht haben soll – weil sich auch der leibliche Vater an der heute 19-Jährigen vergangen haben soll.

Dass Delikte wie sexuelle Nötigung, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch erst Jahre später zur Anzeige gebracht werden, ist keine Seltenheit. Dieser Umstand erschwert die Beweiserhebung und die Aufklärung des Sachverhalts bisweilen erheblich. Ob und wann Straftaten von der Polizei und Staatsanwaltschaft überhaupt noch verfolgt werden können, richtet sich nach den Verjährungsfristen. Bei den Sexualdelikten reicht die Spanne der Verjährung von drei bis 30 Jahren.

In der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Ulm werden für Stadt und Kreis Heidenheim im vergangenen Jahr 51 zur Anzeige gekommene Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ausgewiesen – 27 weniger als 2013. Damit bewegt man sich im Trend des gesamten Präsidiums-Bereich, wo insbesondere die Fallzahlen der sexuellen Nötigung und des Missbrauchs sowie des Verbreitens pornografischer Schriften zurückgegangen sind. Gestiegen ist die Zahl der exhibitionistischen Handlungen, während die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen nahezu unverändert blieb.