Sie ist hunderte Jahre alt, hat eine reiche Geschichte hinter sich, gehört zum Stadtbild Heidenheims und fristet doch im wahrsten Wortsinn ein Schattendasein: die evangelische Michaelskirche. Am Fuße des Schlossbergs gelegen ist sei eigentlich ein Kleinod, ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, doch die meiste Zeit des Jahres ungenutzt.

Schon lange keine Gottesdienste mehr

Aber das soll sich aus Sicht des evangelischen Dekans Gerd Häußler ändern. Der nämlich denkt aktuell über neue Nutzungskonzepte für das Gotteshaus nach. „Wir haben ja die Pauluskirche als große Stadtkirche, deshalb finden in der Michaelskirche schon sehr lange keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt“, erklärt der Dekan. Ausnahmen seien etwa Einschulungsgottesdienste oder gelegentliche Hochzeiten. „Aber wir können es uns einfach nicht leisten, zwei Kirchen zu haben, von denen eine nur dasteht.“

Die Suche nach neuen Nutzungen

Häußlers Idee ist, natürlich in Absprache mit den kirchlichen Gremien, das Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. „Dabei sind wir völlig offen, wollen einfach so viele Ideen wie möglich sammeln.“ Aus diesem Grund soll am Donnerstagabend um 19 Uhr in der Michaelskirche der Auftakt für einen Beteiligungsprozess stattfinden, an dem alle interessierten Bürgerinnen und Bürger teilnehmen können. „Natürlich haben wir auch die Stadtverwaltung, Schulen, Künstler, Musiker, andere Kulturschaffende und Gastronomen aus dem Umfeld eingeladen. Wir hoffen auf eine große Beteiligung, denn je mehr Menschen mitmachen, desto vielfältiger könnten die Ideen und Vorschläge für die künftige Nutzung ausfallen“, so der Dekan.

Ohne Scheuklappen

Bei der Auftaktveranstaltung werden auch zwei Architekten zugegen sein, die Erfahrung mit neuen Nutzungskonzepten für Kirchen haben. „Aber die werden keine fertigen Lösungen präsentieren, sondern in erster Linie den Prozess erklären“, sagt Häußler: „Wir wollen offen und ohne Scheuklappen an die Sache rangehen.“ Dabei kann sich der Dekan nicht vorstellen, dass es künftig nur eine Art der Nutzung für die Michaelskirche geben wird. Er denke eher an vielfältige Möglichkeiten. „Das reicht von kulturellen Veranstaltungen, vielleicht auch im Rahmen der Opernfestspiele über Ausstellungen und Konzerte bis hin zur Nutzung durch das Jugendwerk.“ Durch die Lage auf dem Weg von der Innenstadt zum Schloss ist für Häußler auch vorstellbar, die Kirche zu öffnen und quasi einen Durchgang zu schaffen. „Das sind aber nur einige Ideen, wir sind offen für alles, auch für eine kommerzielle Nutzung.“

Auch Geld spielt eine Rolle

Doch wird die Kirche eine Kirche bleiben? „Auch das spielt im Beteiligungsprozess eine Rolle“, so der Dekan. Aktuell jedenfalls sei sie noch ein Gotteshaus. Dass bei der Suche nach neuen Nutzungskonzepten auch das Finanzielle eine Rolle spielt, will Häußler nicht leugnen. „Wir können es uns einfach nicht leisten, zwei Kirchen zu unterhalten. Über Eintrittsgelder, Vermietungen und Sponsoren könnten das einfacher werden.“

Kirche sollte schon einmal verkauft werden

Ob auch an den Verkauf des Gebäudes gedacht wird, kann der Dekan noch nicht beantworten: „Ich glaube nicht, dass die Michaelskirche jemand kaufen würde.“ Neu jedenfalls ist die Idee nicht, denn schon als die Pauluskirche als neue Stadtkirche im Jahr 1891 fertiggestellt worden war, gab es die Überlegung, die Michaelskirche zu verkaufen. „Damals hatte man schon erkannt, dass keine zwei Kirchen benötigt werden, aber es ließ sich einfach kein Käufer finden“, erzählt Häußler.

Möglichst viele Ideen sammeln

Und wie soll der Beteiligungsprozess ablaufen? „Bei der Auftaktveranstaltung wollen wir möglichst viele Menschen dazu gewinnen, sich mit Ideen einzubringen“, erläutert der Dekan. Dabei sollen auch Kreativboxen verteilt werden, die die Menschen mit nach Hause nehmen können. Die Vorschläge werden dann in den kommenden Wochen gesammelt, im Advent ist eine Ausstellung mit den Nutzungsideen geplant. Im Frühsommer kommenden Jahres will der Dekan dann Aktionswochen in der Michaelskirche veranstalten, um aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt.

Glocken und Orgel: Die Besonderheiten der Heidenheimer Michaelkirche

Youtube

Youtube

Gotteshaus mit Tradition


Die evangelische Michaelskirche gründet auf die spätromanische Nikolaus-Kapelle (1210 – 1220). Sie wurde mehrmals umgebaut und im Jahr 1621/22 nach Norden erweitert. Über Jahrhunderte hinweg war sie die Heidenheimer Stadtkirche.

1668 erhielt der Kirchturm die noch heute vorhandene Kuppelform auf einem achteckigen Oberstock mit bunten Keramikplatten. Bei der Renovierung 1965-1967 fand man 35 zuvor übertünchte frühbarocke Tafelbilder, die größtenteils vom Heidenheimer Kunstmaler und Bürgermeister Gottfried Enßlin (1600 – 1682) stammen. 27 der Tafeln schmücken die Emporen der Kirche, acht sind im Museum Schloss Hellenstein zu sehen.

Das evangelische Pfarrhaus neben der Michaelskirche wurde im Jahr 1771 erbaut. Bei der Außenrenovierung legte man 1981 das Fachwerk wieder frei.

Seit dem Bau der erheblich größeren Pauluskirche, die 1891 fertiggestellt wurde, spielt die Michaelskirche nur noch eine untergeordnete Rolle.